Jean-Jacques Mayol, Sohn der Apnoe-Legende Jacques Mayol, sprach mit TAUCHEN-Redakteurin Jasmin Jaerisch über Rekorde, Inspiration und was Selbsterkenntnis mit Freitauchen zu tun hat!
Der Film "Im Rausch der Tiefe" gilt als Kultfilm - nicht nur für Taucher. Die Story basiert auf einer wahren Geschichte: Es geht um das Leben des legendären Apnoetauchers Jacques Mayol, der als erster Mensch über 100 Meter tief tauchte. Sein Sohn Jean-Jacques (57) führt nach dem Tod des Vaters die Tradition des Freitauchens fort. Er bringt Menschen das Apnoetauchen mithilfe von Meditation, Yoga und Atemübungen bei.
TAUCHEN: Jean, warum betreibst du Apnoe- und nicht Gerätetauchen? Jean-Jacques Mayol: Ich fühle mich im Wasser ohne Geräte einfach wohler, viel freier! An Land trägt man weniger Gewicht mit sich rum, das ist auch ein klarer Vorteil. Ich brauche nur eine Badehose, einen Schnorchel und eine Maske - so ist man dem Wasser ganz nah. Die ganze Technik braucht man nicht, um schöne Tauchgänge zu erleben.
Hast du denn jemals das Tauchen mit Gerät ausprobiert?
Klar, ich bin PADI-Instructor. Es ist nicht so, dass ich es komplett ablehne, ich bevorzuge nur die Variante ohne technisches Gerät.
Du und dein Vater, ihr habt beide eine starke Bindung zum Meer. Woher kommt das? Mayol: Zum einen habe ich schon sehr früh durch meinen Vater Kontakt zum Meer gehabt. Ich konnte quasi erst schwimmen, dann laufen (lacht). Ich erinnere mich noch gut an die ersten Tauchgänge mit ihm. Er hat mich auf seinem Rücken mit in die Tiefen genommen. Ohne Maske, so musste ich mich auch schon früh an das Sehen unter Wasser gewöhnen. Meine ganze Familie lebte am Meer - in Frankreich, Griechenland, auf den Bahamas und in der Karibik. Alle lieben das Meer. Viele segeln auch. Zum anderen glaube ich, dass jeder von uns genetisch bedingt eine enge Beziehung zum Meer hat. Man muss diese nur wieder reaktivieren!
Womit hat dein Vater Geld verdient? Mayol: Das habe ich ihn auch mal gefragt: "Was zur Hölle arbeitest du eigentlich?" - "Ich bin Weltrekordler im Luftanhalten!", antwortete er! Er hatte einen großartigen Humor, nahm sich selbst nicht so ernst. Vor dem Tauchen arbeitete er als Journalist und reiste viel umher. Sein Vorbild war Jack London, ein amerikanischer Schriftsteller. Seine Lebensart inspirierte ihn - und mich auch. Wir haben beide den Drang, frei und selbstbestimmt zu leben.
War dir als Kind bewusst, das dein Vater sich beim Freitauchen in große Gefahr begibt? Mayol: Das ist eine gute Frage!
Genau in der Zeit, in der er viel trainierte und Rekorde brach, habe ich
ihn nicht viel gesehen. Das war mir also nicht so sehr bewusst. Dann
kurz bevor er für den Rekord-Tauchgang auf über 100 Meter zu trainieren
begann, verbrachten wir viel Zeit zusammen. Da war mir dann klar, was
genau er da eigentlich tut. Aber Angst hatte ich keine. Trotzdem habe
ich mich genau informiert, wie die Sicherheitsbedingungen beim Tauchen
sind - vielleicht gab mir das ein wenig Sicherheit?
Warum interessiert dich der Wettkampfgedanke beim Freitauchen so gar nicht? Mayol: Es ist eigentlich ähnlich
wie bei meinem Vater. Auch er legte keinen Wert auf die Rekorde. Dass
er sie brach, war nicht seine Absicht - er konnte es einfach. Sein Ziel
war es eher, eine Verbindung zwischen Mensch, Wasser und aquatischen
Tieren zu finden. Es geht beim Freitauchen nicht nur darum, die Zeit zu
stoppen, sondern mehr über sich selbst zu erfahren. Ich bin nicht
generell gegen Wettbewerbe, es ist nur nicht Teil meines Lebens, meiner
Philosophie. Ich versuche in meinen Apnoekursen, den Menschen wieder ein
Gespür für die Natur zu geben und sie so zurück zu ihren Wurzeln zu
bringen. Selbsterkennung und das erkennen der Schönheit des Meeres
gehört dazu. Ich möchte inspirieren und freue mich, wenn ich jemanden
auf die Wunderwelt der Ozeane neugierig machen kann. Vielleicht sogar
jemanden sensibel machen kann, für die Probleme unsere Meere wie
Verschmutzung, Überfischung und vieles mehr. Ich denke die Zeit ist mehr
als Reif für eine neue Umwelteinstellung.
Was gefällt dir am Freitauchen? Mayol: Die Gedanken sammeln zu
können und sich frei zu machen, das fühlt sich an wie Urlaub für die
Seele! Auch der Mutter Natur so nah zu sein, ist für mich wichtig. Denn
das Meer ist der Ort aus dem alles Leben entstanden ist. Wir müssen
diese ursprünglichen Gefühle wieder zulassen und zurück zur Natur gehen.
Gerade in dieser Zeit - alles ist vernetzt, Computer bestimmen unser
Leben und Handeln - gerade jetzt, ist es wichtig wieder zurück zu gehen
und die pure Kraft der Natur spüren und erleben zu können. Dabei achtet
man von ganz alleine auf sich und seine Umwelt.
Was treibt dich an, Menschen das Freitauchen beizubringen? Mayol: Ich bin im Wasser zu
Hause. Frieden für Seele und Körper. An Land finde ich dieses
Gleichgewicht nicht so leicht. Ich habe die letzten zehn Jahre versucht
zu verstehen, wie man als Mensch auf dem Land lebt. Manchmal denke ich,
ich fühle mich in der Gegenwart von Fischen wohler als mit Menschen. Ich
liebe es, Menschen zu helfen. Das ist sicherlich der Hauptantrieb, der
mit dazu bringt Kurse zu geben. Menschen können bei mir nicht nur
Freitauchen lernen, ich gebe auch Kurse zur Meditation, oder gebe Hilfe
in schwierigen Lebensphasen. Es ist einfach fantastisch jemanden in die
Augen zu schauen, nach dem er es geschafft hat viel länger als er
glaubte, unter Wasser zu bleiben. Dieses Leuchten, diese Überwältigung
und Zuversicht etwas geschafft zu haben, ist einfach wunderbar! Genau
auf dieses Gefühl kommt es mir an, denn das nehmen die Teilnehmer mit in
ihr normales Leben.
Was glaubst du würde jemand verpassen, der niemals unter die Wasseroberfläche blickt? Mayol: Ziemlich viel! Unser Planet ist zu 70 Prozent mit Wasser bedeckt - man würde also so gut wie alles verpassen.
Wo hast du Apnoetauchen gelernt? Mayol: In der Badewanne (lacht).
Und dann natürlich im Meer, besonders viel in der Karibik auf Turks and
Caicos. Große Haie, Schildkröten, Zackis - alles zusammen mit meinem
Vater in jungen Jahren erlebt. Diese Erinnerungen sind wunderschön.
Was ist dein ersten Gefühl wenn du an deinen Vater denkst? Mayol: Das ich ihn vermisse. Ich
denke an ihn, wie an einen guten Freund. Er war kein Familienmensch,
das musste ich erstmal akzeptieren. Sein Leben war sehr spannend, mit
vielen Wegbegleitern und Abenteuern.
Was war dein spektakulärstes Erlebnis unter Wasser? Mayol: Apnoetauchen mit einer
Gruppe Orcas vor Norwegen. Erst im Nachhinein habe ich das realisiert,
wie außergewöhnlich dieses Erlebnis war! Wir waren Stunden lang mit den
Tieren alleine im Wasser. Es waren etwa 40 Tiere. Sie waren auf der Jagd
nach Heringen. Die See war wild und die Wellen hoch. Dass sie uns so
lange bei sich akzeptiert haben, hat mich umgehauen.
Hattest du keine Angst? Mayol: Nein, nur einmal, als sie
mich von den anderen Apnoetauchern abgedrängt haben und ich völlig
alleine mit einem großen Männchen war. Er hat mich beobachtet. Ich
glaube, er wollte mich einfach nur einschätzen. Um mein Leben, hatte ich
keine Angst. Leider waren sie den nächsten Winter nicht mehr vor
Norwegen, der Hering zieht nicht mehr dort entlang.
Jean-Jacques Mayol beim Apnoetauchen mit Orcas
Weitere Infos über Jean-Jacques Mayol, seinen Vater und das Apnoetauchen findet ihr auf www.teammayol.com.
Kommentar von TAUCHEN-Redakteurin Jasmin Jaerisch
Vorurteile können manchmal ganz schön in die Hose gehen! Wenn man als klar denkender Mensch, Realistin und Biologin über eine Person recherchiert und Begriffe wie: Freitauchen, Delphine, Yoga, Meditation, Selbstfindung und Mutter Natur ins Spiel kommen, geht die Schublade "Esoterik-Spinner" nicht nur ziemlich schnell auf, sie öffnet sich auch ungewöhnlich weit. Jean-Jacques Mayol, Sohn des legendären Freitauchers Jacques Mayol, der auch Vorbild für die Rolle des Apnoetauchers Mayol im Kult-Film "Im Rausch der Tiefe" war, kennt diese Vorurteile, und sie machen ihn rasend.
Ich traf den Apnoetaucher auf einer Malediveninsel. Charismatisch, sympathisch und irgendwie allwissend, sind vielleicht die besten Adjektive um den Kosmopolit zu beschreiben. Er gibt auf Elba und in Schweden Freitauchkurse, natürlich auch Selbstfindungs-Trips, Mentales-Training usw. Mich interessiert nur das Apnoetauchen. Sein Kurs auf der Insel sah so aus: Erster Tag - Yoga, Atemübungen und Meditation. Zweiter Tag - Übungen im Freiwasser. Schmunzelnd verbog ich mich beim Yoga, saugte in seltsamsten Stellungen Luft in meine Lungen und versuchte meine Gedanken abzustellen - und dann? Hat's "Klick" gemacht! Klar kann man Freitauchen auch als reine Technik trainieren und beherrschen lernen, aber die mentale Vorbereitung, die Psyche, spielt eine riesen Rolle. Das Selbstvertrauen, auch nach über zwei Minuten in sieben Metern Tiefe noch genügend Luft in den Lungen für den Aufstieg zu haben, ist entscheidend für den Tauchgang. Drei Minuten lang tauchte ich auf acht Metern Tiefe, erlebte das Leben unter Wasser auf eine völlig neue Art. Ich kann es nur jedem empfehlen! Irgendwie scheint doch etwas dran zu sein, an Mutter Natur und unserer genetischen Verbindung zum Wasser. Die Vorbehalte ließ ich übrigens bei der Abreise alle auf der Insel!
Jean-Jacques Mayol
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