Kanada • 14.12.2009

Von alten Knochen und spielerischen Kälbern

tauchen-Leserin Séverine Bär hatte in Neufundland das seltene Glück, mit einem freundlichen, verspielten Buckelwalkalb zu tauchen. Hier könnt ihr ihre spannenden Erlebnisse aus der eisigen Unterwasserwelt Neufundlands nachlesen
Eindrücke aus Neufundland. Einfach drauf klicken und los geht's!
© S. Bär
Nun ist es wieder soweit. Der Urlaub ist da und wir fliegen nach Neufundland, die östlichste Provinz Kanadas, die uns schon zweimal zuvor durch ihre Unter- und Überwasserschönheit verzauberte. Dieses Jahr sollen neben den Wracks vor allem die Wale im Mittelpunkt unseres Urlaubs stehen. Im Sommer kommen die hungrigen Buckelwale hierher, um sich an den Unmengen von Lodden (kleine Fische) satt zu essen, die im Juni/Juli vor Neufundland laichen und dann eine leichte Beute abgeben.

Auch Mink- und selterner Finnwale nehmen an dem großen Fressen teil. Die Menschen freuen sich einerseits über die erschöpften Fische, die zu tausenden an den Strand gespült werden und als Leckerbissen gelten, und andererseits über die Wale selbst. Auch wir bekommen schon am nächsten Morgen auf dem Weg zum Tauchplatz, die Rückenflossen einiger Minkwale zu sehen. Und nach einem fantastischen Wracktauchgang an der gut erhaltenen "Lord Strathcona" besucht uns eines dieser kleinen und etwas scheuen Wale während des Dekostopps. Die Aufregung ist groß und die Taucher die schon zurück an Bord waren springen noch mal mit Schnorchelausrüstung ins Wasser, um einen Blick zu erhaschen. Auf dem Rückweg sprechen die strahlenden Gesichter Bände.

Tauchen mit fliegenden Teppichen
Am Nachmittag unternehmen wir einen Landtauchgang. Auf Empfehlung von Rick Stanley, dem Besitzer des Tauchcenters Oceanquest, fahren wir nach Dildo wo bis 1972 eine Walverarbeitungsfabrik stand. Diese wurde zur Fischverarbeitungsfabrik umgebaut und heute kann man direkt vom Firmengelände aus ins Wasser steigen. Schon beim Abtauchen erwartet uns die erste Überraschung. In Gerade zwei bis fünf Metern Tiefe liegen die Flundern dicht an dicht und bedecken den Boden so weit das Auge reicht. Schwimmt ein Taucher heran heben dutzende von kleinen, fliegenden Teppichen ab und gleiten träge davon.
Ein riesiger Walschädelknochen am Tauchplatz Dildo
© S. Bär
Unterhalb von fünf Metern wird das Wasser eiskalt und sehr klar so daß man schon von Weitem die weiß schimmernden Umrisse mehrere großer Brocken erkennen kann. Beim Näherschwimmen entpuppen sich diese, als riesige Walknochen. Hier wurden früher die Walkadaver ins Meer geschmissen und nun reihen sich kopfgroße Wirbel wie Perlen auf dem Meeresboden aneinander und Walkiefer größer als die Taucher selbst, liegen hier und da auf dem sonst eher kahlen Grund. Der Effekt ist gewaltig: Wir fühlen uns wie Zwerge auf einem unwirklich wirkenden Unterwasser-Friedhof der Giganten.

Doch das schönste Erlebnis steht uns noch bevor. Am nächsten Nachmittag drängen sich neun erwartungsvolle Taucher mit Schnorchelausrüstung bewaffnet ins Schlauchboot, um auf's Meer hinauszufahren und vielleicht den Buckelwalen aus nächster Nähe zu begegnen. Das Wetter, das uns tagelang mit herrlichem Sonnenschein beglückt hat, scheint nicht mitspielen zu wollen: Die Sonne ist verschwunden, der Nebel zieht auf und lässt das fast vollkommen glatte Wasser gespentisch wirken. Doch trotz der schlechten Sicht können schon nach ein paar Minuten die ersten Wale gesichtet werden. Sie sind zu dritt, zwei Erwachsene und ein Kalb und lassen sich nicht beim Fressen stören. Die majestätischen Tiere toben, so dass das Wasser schäumt, strecken beim Abtauchen die riesige Fluke aus dem Wasser und scheinen uns mit den markanten Brustflossen, geradewegs ins Wasser locken zu wollen.
Der Boden am Spot Dildo ist bedeckt mit Flundern
© S. Bär
Unerwarteter Besuch
Da sich die drei Buckelwale sichtbar nicht durch unsere Anwesenheit bedrängt fühlen, gleiten wir ein paar Meter von ihnen entfernt ins Wasser. Schon nach wenigen Flossenschlägen tauchen die Silhouetten der sanften Giganten auf. Und da passiert es: Das Buckelwalkalb zeigt sich neugierig und nähert sich von der Seite. Das ist der Anfang eines einstündigen Balletts und eines unvergesslichen Erlebnisses. Mal zeigt sich der Wal spielerisch und spült mit der Fluke eine große Welle über den direkt neben ihn schwimmenden Taucher, mal schwimmt er auf dem Rücken an einem vorbei, mal gleitet er neckisch und fast augenzwinkernd direkt auf die Kamera zu. Ein Blick in die sanften Augen bestätigt, dass das Interesse gegenseitig ist.

Nach einer Stunde sammelt das Schlauchboot die aufgedrehten Taucher wieder ein und setzt gemütlich zum Heimweg an. Doch das Kalb ist des Spielens nicht müde, es begleitet uns, schwimmt auf dem Rücken unter's Boot durch, streckt sämtliche Flossen aus dem Wasser und hebt schließlich den Kopf, wie um uns zu ermuntern zu ihm zurück ins Wasser zu kommen. Nach mehreren Minuten wirft es uns schließlich einen letzten Blick zu und entfernt sich, um sich zu den Erwachsenen Walen zu gesellen, die die ganze Zeit ruhiger, aber genauso freundlich in der Nähe geblieben sind. Das Schlauchboot nimmt Geschwindigkeit auf und flitzt auf dem glatten Meer Richtung Hafen. Die Augen sämtlicher Insassen strahlen vor Glück.

Séverine Bär
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