Eindrücke aus Neufundland. Einfach drauf klicken und los geht's!
© S. Bär
Nun ist es wieder soweit. Der Urlaub ist da und wir fliegen nach Neufundland, die
östlichste Provinz Kanadas, die uns schon zweimal zuvor durch ihre Unter- und
Überwasserschönheit verzauberte. Dieses Jahr sollen neben den Wracks vor allem
die Wale im Mittelpunkt unseres Urlaubs stehen. Im Sommer kommen die hungrigen
Buckelwale hierher, um sich an den Unmengen von Lodden (kleine Fische) satt zu
essen, die im Juni/Juli vor Neufundland laichen und dann eine leichte Beute
abgeben.
Auch Mink- und selterner Finnwale nehmen an dem großen Fressen teil.
Die Menschen freuen sich einerseits über die erschöpften Fische, die zu
tausenden an den Strand gespült werden und als Leckerbissen gelten, und andererseits
über die Wale selbst.
Auch wir bekommen schon am nächsten Morgen auf dem Weg zum Tauchplatz, die Rückenflossen
einiger Minkwale zu sehen. Und nach einem fantastischen Wracktauchgang an der
gut erhaltenen "Lord Strathcona" besucht uns eines dieser kleinen und etwas
scheuen Wale während des Dekostopps. Die Aufregung ist groß und die Taucher die
schon zurück an Bord waren springen noch mal mit Schnorchelausrüstung ins
Wasser, um einen Blick zu erhaschen. Auf dem Rückweg sprechen die strahlenden
Gesichter Bände.
Tauchen mit fliegenden Teppichen
Am Nachmittag unternehmen wir einen Landtauchgang. Auf Empfehlung von Rick Stanley, dem
Besitzer des Tauchcenters Oceanquest, fahren wir nach Dildo wo bis 1972 eine
Walverarbeitungsfabrik stand. Diese wurde zur Fischverarbeitungsfabrik umgebaut
und heute kann man direkt vom Firmengelände aus ins Wasser steigen. Schon beim
Abtauchen erwartet uns die erste Überraschung. In Gerade zwei bis fünf Metern
Tiefe liegen die Flundern dicht an dicht und bedecken den Boden so weit das
Auge reicht. Schwimmt ein Taucher heran heben dutzende von kleinen, fliegenden
Teppichen ab und gleiten träge davon.
Ein riesiger Walschädelknochen am Tauchplatz Dildo
© S. Bär
Unterhalb von fünf Metern wird das Wasser eiskalt und sehr klar so daß man schon von Weitem
die weiß schimmernden Umrisse mehrere großer Brocken erkennen kann. Beim Näherschwimmen
entpuppen sich diese, als riesige Walknochen. Hier wurden früher die Walkadaver
ins Meer geschmissen und nun reihen sich kopfgroße Wirbel wie Perlen auf dem
Meeresboden aneinander und Walkiefer größer als die Taucher selbst, liegen hier
und da auf dem sonst eher kahlen Grund. Der Effekt ist gewaltig: Wir fühlen uns
wie Zwerge auf einem unwirklich wirkenden Unterwasser-Friedhof der Giganten.
Doch das schönste Erlebnis steht uns noch bevor. Am nächsten Nachmittag drängen sich
neun erwartungsvolle Taucher mit Schnorchelausrüstung bewaffnet ins
Schlauchboot, um auf's Meer hinauszufahren und vielleicht den Buckelwalen aus
nächster Nähe zu begegnen. Das Wetter, das uns tagelang mit herrlichem
Sonnenschein beglückt hat, scheint nicht mitspielen zu wollen: Die Sonne ist
verschwunden, der Nebel zieht auf und lässt das fast vollkommen glatte Wasser
gespentisch wirken. Doch trotz der schlechten Sicht können schon nach ein paar
Minuten die ersten Wale gesichtet werden. Sie sind zu dritt, zwei Erwachsene und
ein Kalb und lassen sich nicht beim Fressen stören. Die majestätischen Tiere
toben, so dass das Wasser schäumt, strecken beim Abtauchen die riesige Fluke
aus dem Wasser und scheinen uns mit den markanten Brustflossen, geradewegs ins
Wasser locken zu wollen.
Der Boden am Spot Dildo ist bedeckt mit Flundern
© S. Bär
Unerwarteter Besuch
Da sich die drei Buckelwale sichtbar nicht durch unsere Anwesenheit bedrängt fühlen,
gleiten wir ein paar Meter von ihnen entfernt ins Wasser. Schon nach wenigen
Flossenschlägen tauchen die Silhouetten der sanften Giganten auf. Und da
passiert es: Das Buckelwalkalb zeigt sich neugierig und nähert sich von der
Seite. Das ist der Anfang eines einstündigen Balletts und eines unvergesslichen
Erlebnisses. Mal zeigt sich der Wal spielerisch und spült mit der Fluke eine
große Welle über den direkt neben ihn schwimmenden Taucher, mal schwimmt er auf
dem Rücken an einem vorbei, mal gleitet er neckisch und fast augenzwinkernd
direkt auf die Kamera zu. Ein Blick in die sanften Augen bestätigt, dass das
Interesse gegenseitig ist.
Nach einer Stunde sammelt das Schlauchboot die aufgedrehten Taucher wieder ein und setzt
gemütlich zum Heimweg an. Doch das Kalb ist des Spielens nicht müde, es
begleitet uns, schwimmt auf dem Rücken unter's Boot durch, streckt sämtliche
Flossen aus dem Wasser und hebt schließlich den Kopf, wie um uns zu ermuntern
zu ihm zurück ins Wasser zu kommen. Nach mehreren Minuten wirft es uns
schließlich einen letzten Blick zu und entfernt sich, um sich zu den
Erwachsenen Walen zu gesellen, die die ganze Zeit ruhiger, aber genauso
freundlich in der Nähe geblieben sind. Das Schlauchboot nimmt Geschwindigkeit
auf und flitzt auf dem glatten Meer Richtung Hafen. Die Augen sämtlicher
Insassen strahlen vor Glück.
Séverine Bär