© Foto: Wolfgang Pölzer

Alles was Sie über Blutfettwerte wissen müssen

Unerwartete Dekompressionsunfälle sind keine Seltenheit: Neben Tauchzeit und Tiefe gibt es viele Faktoren, die Einfluss darauf haben, ob es zum Unfall kommt. Wie wichtig das Blut dabei ist, erläutert das TAUCHEN-Medizinteam.

Dekompressionstheorie ist eigentlich ganz einfach, oder? Beim Tauchen nimmt der Körper vermehrt Stickstoff auf, der beim Auftauchen möglichst langsam wieder abgegeben werden muss. Wenn man alles richtig macht und sich an das hält, was der Computer sagt, sollte also alles gut gehen. So, oder so ähnlich, ist die Meinung vieler Taucher und Tauchlehrer. Leider sieht die Wirklichkeit ganz anders aus: Es ist schon sehr lange bekannt, dass Menschen mit Übergewicht bei einem identischen Tauchverhalten ein höheres Risiko haben, einen Deko-Unfall zu erleiden, als schlanke Taucher. Das wurde und wird meist damit begründet, dass Stickstoff sich gern in Fett löst.

CHOLESTERIN-SPIEGEL

Leider ist das nur ein Teil der Wahrheit, denn tatsächlich ist nicht nur das Speicherfett (also dass, was die „Rettungsringe“ ausmacht) von maßgeblicher Bedeutung, sondern auch die Blutfette. Und die können sogar bei schlanken Menschen erhöht sein. Zu den Blutfetten zählen sowohl das Cholesterin als auch die sogenannten Triglyzeride, zusammengefasst Lipoproteine genannt. Diese Blutfette kommen recht häufig bei Menschen mit Übergewicht, Zuckerkrankheit oder auch mit einer Fettstoffwechselstörung vermehrt im Blut vor. Man sagt dann, dass die Blutfettwerte erhöht seien. Genau das hat aber eine ungünstige Auswirkung auf die Bildung von Gasblasen im Blut bei der Dekompression. Genauer: Erhöhte Blutfettwerte begünstigen die Gasblasenbildung. In diesem Zusammenhang ist zu verstehen, dass es für ein Gas physikalisch gesehen gar nicht so einfach ist, in einer Flüssigkeit eine Blase zu bilden, denn es müssen erhebliche Gegenkräfte überwunden werden. Und daher fördert alles, was diese Gegenkräfte vermindert, auch die Bildung von Gasbläschen. Ist es zum Beispiel möglich, die Oberflächenspannung an der Grenzschicht zwischen dem Gas und der Flüssigkeit herabzusetzen, so hat es das Gas schon erheblich leichter, sich zu einer Blase zu formen. Und genau das tun die Blutfette. Frühe Dekompressionsforscher haben sogar von einer Blasenhaut gesprochen. Tatsächlich ist es so, dass man bei Doppler-Ultraschall-Untersuchungen bei Tauchern mit erhöhten Blutfettwerten vermehrt Gasblasen findet. In diese Beobachtung passt auch, dass man bei solchen Menschen unmittelbar nach einem Dekompressionsunfall eine Reduktion der Blutfettwerte beobachten kann, was damit erklärt wird, dass jener Anteil der Blutfette, der an den Gasblasen hängt, der Messung entzogen ist.

FETTREICHE SPEISEN VORM TAUCHEN MEIDEN

Nicht nur Taucher, die dauerhaft erhöhte Blutfettwerte haben, also unter einer Hypercholesterinämie leiden, sind betroffen. Es wurde festgestellt, dass der Fettgehalt des Blutes auch nach einer fettreichen Mahlzeit für mehrere Stunden deutlich erhöht ist. Darum ist es sicher keine gute Idee, zum Beispiel am Abend eine zünftige Mahlzeit mit Schmalzbrot und Schweinshaxe zu sich zu nehmen, um dann am nächsten Morgen einen ordentlich tiefen Tauchgang zum Beispiel in einem süddeutschen oder österreichischen See zu absolvieren. Und das gilt sinngemäß für alle fettreichen Speisen. Doch eine Ausnahme gibt es: Fettsäuren aus Fischen scheinen hier genau das Gegenteil zu bewirken. Norwegische Forscher (wer sonst, wenn es um Lachs geht) konnten nämlich zeigen, dass jene Fette, die vermehrt in den fettreichen Kaltwasserfischen wie etwa Lachs vorkommen, einen Schutz gegen Deko-Stress bieten. Zwar kommt es auch hier zur Blasenbildung, die Reaktion des Körpers auf die Blasen fällt aber geringer aus. Daher wird Tauchern empfohlen, auf fettes Fleisch zu verzichten.

Flüssigkeitsmangel erhöht das Risiko, an einem Dekompressionsunfall zu erleiden.

Foto: Wolfgang Pölzer. Auch Flüssigkeitsmangel erhöht das Risiko, an einem Dekompressionsunfall zu erleiden.

HARNSÄURE IM BLUT

Der Einfluss eines anderen Blutwertes ist weniger gut belegt und daher auch nur mit einer gewissen Vorsicht aufzuführen. Es handelt sich hierbei um Harnsäure, die, wenn im Übermaß und dauerhaft vorhanden, als Auslöser der Gicht gilt. Ob und inwieweit allein erhöhte Harnsäurewerte im Blut das Blasenrisiko beim Tauchen erhöhen, ist nicht bekannt. Kommt es aber als Folge der erhöhten Harnsäurewerte zur Gicht, so ist das Risiko, im betroffenen Bereich ein Dekompressionsproblem zu bekommen, erhöht. Das erklärt sich zum einen aus den Harnsäureablagerungen, zum anderen und mehr noch aber aus der chronischen Entzündungsreaktion hier.

HÄMATOKRIT-WERTE

blut_medizinDer Einfluss des Hämatokrit-wertes des Blutes ist nun wieder deutlich gesicherter, wenn auch kontrovers diskutiert. Dazu muss man zunächst wissen, was der Hämatokrit, abgekürzt Hkt oder auch Hct, eigentlich ist, und was diesen Wert beeinflusst. Blut besteht bekanntlich aus einem flüssigen Anteil, dem Blutplasma, und einem festen Anteil, den Blutkörperchen. Letztere bestehen wiederum aus den roten und weißen Blutkörperchen und den Blutplättchen. Und der Hämatokrit gibt nun an, wie viel Prozent des Blutvolumens von den Blutkörperchen ausgemacht werden. Bei einem Hkt von 50 bestehen also 50 Prozent des Blutvolumens aus Blutköperchen und 50 Prozent aus Flüssigkeit, bei einem Hkt von 30 sind es nur 30 Prozent, die aus Blutkörperchen bestehen, 70 Prozent ist Blutflüssigkeit. Und dieser Hkt-Wert ist durchaus variabel. Lässt man einmal Krankheiten außer Acht, dann sind es vor allem zwei Faktoren, die den Hkt erhöhen: Flüssigkeitsmangel und Sport (speziell Ausdauersport). Und so erklärt sich auch der oben angesprochene Widerspruch in Bezug auf das Deko-Risiko: Bei einem Flüssigkeitsmangel erhöht sich der Hkt allein deshalb, weil Blutflüssigkeit verloren geht. Der Körper versucht das dadurch auszugleichen, dass er bestimmte Gefäßabschnitte, die er nicht zwingend braucht, von der Versorgung nimmt. Dadurch kann es in diesen minderdurchbluteten Geweben zu einer Störung des Stickstoff-Abtransports kommen und so zum Ausgasen. Gleichzeitig steht nur vermindert Transportkapazität zur Verfügung, denn der aus den Geweben freigesetzte Stickstoff löst sich in der Blutflüssigkeit und wird so zur Lunge transportiert. Ist weniger Flüssigkeit vorhanden, kann sich auch nur weniger Gas lösen, und es kommt rascher zur Übersättigung und zum Ausgasen.

WIE WICHTIG IST SPORT?

Durch regelmäßigen Sport erhöht sich hingegen die Zahl der Blutkörperchen (vor allem der roten), wobei das Blutvolumen unverändert bleibt oder sich sogar leicht erhöht. Gleichzeitig werden vermehrt Kapillargefäße angelegt, sodass das Gewebe besser durchblutet ist. Das alles wirkt sich dann eher günstig auf den Gasaustausch aus. Deshalb sollte man auch keine anstrengenden sportlichen Aktivititäten nach dem Tauchen einplanen.

KOMPLEMENTSYSTEM

Die Anwesenheit von Gasbläschen im Blut ist nicht unbedingt der Grund dafür, dass es zum Deko-Unfall kommt. Gasblasen werden grundsätzlich vom Körper toleriert, solange eine gewisse Zahl und Größe nicht überschritten wird. Es muss also noch weitere Faktoren geben, die darüber entscheiden, ob jemand einen Deko-Unfall erleidet oder nicht. Und hier gilt ein Teil des Immunsystems, das sogenannte Komplementsystem, als verdächtig. Dabei handelt es sich um Eiweißkörper, die, vereinfacht ausgedrückt, den weißen Blutkörperchen quasi als „Blindenhund“ dienen. Das Komplementsystem bedeckt die Oberfläche von Krankheitserregern (also etwa Bakterien oder Gasbläschen) und lösen eine Entzündungsreaktion und Immunantwort aus. Reagiert das Komplement übersensibel, reichen auch kleinere Anlässe, um den Krieg gegen den Eindringling auszulösen. Im Falle des Tauchers also der Krieg gegen die Gasblasen. Daher nimmt man an, dass bei Tauchern, die ein übersensibles Komplementsystem haben, die Wahrscheinlichkeit größer ist, einen Unfall zu erleiden. Leider lässt sich dieses Risiko nicht genau im Labor bestimmen.

Blutfette und die Folgen: Gefäßverkalkung und Arteriosklerose

Symbolbild

Foto: Fotolia

Hier wird die dauerhafte Erhöhung der Blutfettwerte zusammen mit Zuckerkrankheit, Bluthochdruck und Rauchen als ganz entscheidender auslösender Faktor angesehen. Bei dieser Gefäßverkalkung lagern sich nämlich solche Komplexe aus Fetten und Eiweißen an der Gefäßwand ab, ähnlich den Kalkablagerungen in einem Wasserrohr. Dieser Prozess kann so weit gehen, dass sich das Gefäß komplett verschließt und eine ernste gesundheitliche Störung (etwa Herzinfarkt) auslöst. Für Taucher ist aber auch schon der Anfangsbefund relevant, denn die Ablagerungen machen die Innenwand der Gefäße rau. Diese Rauigkeiten können nun wieder die Blasenbildung begünstigen. Das passiert meist dadurch, dass sich Gas in Kerben und Winkeln zwischen Gefäßwand und Ablagerung festsetzt und in Ruhe wachsen kann. Außerdem führen diese Hindernisse zu Turbulenzen und Wirbelbildung im Blutstrom. Das führt zu relativem Unterdruck, der es dem vermehrt gelösten Gas leichter macht, Blasen zu bilden.

NIE ANS LIMIT GEHEN

Bleibt als Schlusssatz zusammengefasst der alte Rat, dass es sich beim Tauchen nicht empfiehlt, den Grenzbereich auszuloten. Es ist wegen der Vielzahl an individuellen Einflussmöglichkeiten auch im Hinblick auf die Nutzung von Tauchcomputern besser, Sicherheitsgrenzen einzuhalten.