Titel der 10/18
Zwei der insgesamt fünf toten Pottwale sind vor Wangerooge angespült worden.

Zwei der insgesamt fünf toten Pottwale sind vor Wangerooge angespült worden. © Robert M. Lehmann

Anzahl gestrandeter Pottwale in der Nordsee steigt auf fünf

Fünf tote Pottwale sind mittlerweile in der Nordsee entdeckt worden. Der Wal-Experte Robert M. Lehmann ist vor Ort und spricht mit uns über die Ursachen der Wal-Strandungen und das Versagen der Behörden.

Das tragische Wal-Drama begann am vergangenen Wochenende. Zwei tote Pottwale wurden am Freitag den 8. Januar 2016 an der Ostseite der Nordseeinsel Wangerooge angespült. Naturschützer fanden die beiden Kadaver. Es handelt sich um zwei junge Männchen mit einer Körperlänge von 12 und 13 Metern. Bislang gab es keine veterinärmedizinische Untersuchung, nur eine Probenahme. insofern kann die Todesursache auch noch nicht genannt werden. Erst am Montag den 11. Januar wurden die Kadaver abgesperrt, die austretenden Faulgase sind gefährlich und eine mögliche Explosion der Tiere könnte Touristen und Schaulustige gefährden. Außerdem Krankheitserreger direkt vom Wal.

Tierfilmer, -fotograf und Abenteurer Robert M. Lehmann (Aliscia Young).

Tierfilmer, -fotograf und Abenteurer Robert M. Lehmann (Aliscia Young).

Robert M. Lehmann, Meeresbiologe, Forschungstaucher und Profi-Fotograf, war vor Ort und hat sich die gestrandeten Tiere genauer angeschaut. „Die Wale können explodieren, die Frage ist nur wann!“, so Lehmann, der sich sehr gut mit Pottwalen auskennt. Er war bereits am Wochende auf Wangerooge und wunderte sich sehr, dass es keinerlei Absperrungen gab. „Ich habe einige Touristen ganz nah am Wal gesehen. Das rummst ordentlich, wenn der Wal hochgeht. Warum macht man kein Loch in die Wale? Die Faulgase könnten wunderbar abströmen. Problem gelöst. Das habe ich selber schon bei Strandungen gemacht.“

Dienstag der 12. Januar, 11.42 Uhr: Zwei weitere Wale gefunden
Heute Vormitag kam dann eine neue traurige Meldung rein: Zwei weitere junge Pottwal-Bullen-Kadaver sind vor Helgoland entdeckt worden. Die etwa zwölf Meter langen Tiere sind noch nicht an den Strand gespült worden, sie treiben im Fahrwasser vor der Insel und stellen eine Gefahr für den Schiffsverkehr dar. Experten rätseln, was die Ursachen für die Wal-Strandungen sind. In einigen Meldungen war zu lesen: „Die Wale haben sich verschwommen oder sind falsch abgebogen“. Robert M. Lehmann sagt dazu: „Grundsätzlich wird niemand zu 100 Prozent sagen können, woran die beiden Wale wirklich gestorben sind. Am Ende wird es ein großes Rätselraten und es wird versucht der Wahrheit am nächsten zu kommen. Es ist nicht einfach!“. Fakt ist, es strandend überwiegend männliche Tiere, da die Weibchen mit ihren Kälbern eher standorttreu sind. Die Männchen reisen um die ganze Welt auf der Suche nach den Weibchen.

Pottwal-Strandung_Wangerooge_2016©Robert_Marc_Lehmann (1 von 32).jpgSeit Freitag sind etliche Meldungen mit zweifelhaften Kommentaren veröffentlicht worden. Robert M. Lehmann stellt einige Kommentare aus den Medien richtig:
1. „Die Wale haben sich verschwommen oder sind falsch abgebogen“ – Das können nur die Wale selbst beantworten! Hier wäre eher treffend: Es strandend überwiegend männliche Tiere, da die Weibchen mit ihren Kälbern eher standorttreu sind. Die Männchen reisen um die ganze Welt auf der Suche nach den Weibchen. Dennoch ist die Nordsee ein topografisch schwieriges Gebiet für die Wale.

2. „Die Wale sind schon länger tot“ – Das ist unwahrscheinlich. Als die Tiere am Freitag gefunden wurden, waren sie absolut frisch! Kein Magen vorgequollen, kein Penis herausgeschwollen und die Augen waren intakt. Also: frisch tot.

3. „Einmal im flachen Wasser haben Sie keine Chance mehr“ – Quatsch. Es werden ständig gestrandete Wale gerettet, auch Pottwale. Wenn man weiß wie, sie frühzeitig findet und entsprechende Logistik zur Verfügung hat. Eine Chance besteht immer solange man die Tiere lebendig findet.

4. „Sie wurden von ihrem eigenen Gewicht erdrückt“ – Diese Wale tauchen 3000 Meter tief. Kaum sterben Sie an Land bei einer Atmosphäre Druck. Eher an Blood pooling, wenn sich das Blut aufgrund langen Liegens nach unten absetzt. Dabei werden die Organe nicht richtig versorgt. Außerdem Exposition zur Sonne und Verdursten. Ja, sie brauchen Süßwasser zu trinken, besonders in einer Stress-Situation (Bekommen Sie sonst über die Nahrung).

5. „Man bekommt die genaue Todesursache über eine Gewebeprobe aus dem Blubber (= Speckschicht des Wals).“ – Stimmt nicht. Es gibt einem eine Idee auf dem Weg zur Lösung des Rätsels. War das Tier krank, oder litt es an Kalium-Mangel usw…

6. „Die Tiere sind unterernährt“ – Das sehe ich nicht so. Am Ende kann die Dicke des Blubbers einen guten Hinweis darauf geben. Von außen sehen beide Tiere auf Wangerooge ok aus. Eine Mageninhalts-Analyse wäre hier aufschlussreich gewesen.

7. „Die Tiere wurden schon tot angespült“ – Das bezweifle ich. Beide Wale haben keinerlei Kratzer oder Macken die darauf hindeuten, das die Wale tot durchs Meer getrieben sind und Grund-Kontakt hatten. Außerdem waren die Augen noch drin. Das geht tot im Wasser recht schnell. Keinerlei Fraßspuren, nicht aufgebläht sein usw.. Die Lage der Wale (auf dem Bauch/ Seite und in annähernd eine Richtung) und die Tatsache, dass beide Tiere an der selben Stelle liegen, lassen den Schluss zu: Sie sind dort gestrandet. Zwei Wale sterben selten gleichzeitig, treiben völlig unversehrt durchs Meer und werden dann am selben Ort angespült.

8. „Die Pottwale sind aus dem Norden in die Nordsee geschommen“ – Die Narben von Cookie cutter sharks auf der Walhaut eines Wals, geben eine Hinweis darauf, das die Tiere nicht unbedingt aus dem Norden kommen müssen, denn die Cookie cutter Sharks gibt es nur in den Tropen.

Die junge Nordseedüneninsel Mellum (Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons)

Die junge Nordseedüneninsel Mellum (Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 de über Wikimedia Commons)

Dienstag, der 12. Januar, 14.34 Uhr: Pottwal Nummer 5 strandet (bisher unbestätigt)
Heute Mittag gab es dann eine weitere Meldung: Vor Mellum, einer recht jungen Düneninsel in der Nordsee, neun Kilometer östlich von Horumersiel, wird ein weiterer toter Pottwal gefunden. Damit steigt die Anzahl in nur fünf Tagen auf fünf tote Tiere. Jetzt wird es Zeit zu handeln. „Die Ursache der Wal-Stradungen muss schnell untersucht werden, wie bei einem forensischen Fall. Man muss alle Faktoren miteinbeziehen. Es ähnelt einem Kriminalfall“, so Lehmann. Die Strandungslisten der letzten 300 Jahre zeigen, dass manchmal auch große Gruppen von Pottwalen mit bis zu 50 Tieren stranden. „In diesen Fällen geht’s dann auch darum, was für ein möglicherweise auslösendes Ereignis in der Zeit stattgefunden hat. Sinkender Luftdruck, verstärkte Sonnenaktivität, ein sich änderndes Magnetfeld der Erde, Öl-Förderung, militärische Übungen, ein Sturm. Es gibt hunderte Möglichkeiten und jede Strandung von Walen ist sehr speziell. Deshalb ist es eigentlich auch wichtig, all das zu überprüfen, nur wer soll das tun?“ Eine Obduktion der Kadaver würde zumindest schon mal Hinweise darauf geben, ob die Tiere eine Krankheit hatten, einen Darmverschluss, weil sie soviel Plastik gefressen haben oder ob sie ob sie schlicht verhungert sind, wie der Allgemeinzustand war und wie dick der Blubber ist.“

Der Pottwal-Kenner Lehmann kritisiert, dass die Experten in Deutschland so lange brauchen, um die Kadaver zu untersuchen. Es muss auch geklärt werden: Wer ist zuständig? Bund, Länder oder die Gemeinden, die Nationalparkverwaltung? Wer bezahlt eine Bergung oder Obduktion? Wichtige Zeit geht hierbei verloren. Andere Länder wie Neuseeland oder Australien reagieren da schneller und professioneller. Dort stranden allerdings auch mehr Wale, als in Deutschland. Wir sind zu schlecht auf solche auch eher unwahrscheinliche Situationen vorbereitet. Er betont: „Es ist eine einmalige Gelegenheit, mehr über die größten Raubtiere unseres Planeten zu erfahren. Ich würde die Wale sichern, bergen und obduzieren. Außerdem vor Ort informieren und die Bevölkerung schützen! Es wird nicht besser, wenn die Wale noch länger liegen.“ Hoffentlich bleibt es bei vier bis fünf toten Walen. Es gibt immer wieder auch Massenstrandungen mit mehr als 50 Tieren. Fakt ist: Es gibt weltweit wieder mehr und mehr Wale, aber eben auch immer mehr Störfaktoren. Die Strandungen werden eventuell nicht weniger werden. Wir sollten uns vorbereiten. In Indien sind gestern 45 Pilotwale gestrandet!

Weitere Infos über Robert M. Lehmann finden Sie auf www.nosebrokeproductions.com oder verfolgen Sie die Meldungen von Robert M. Lehmann über https://www.facebook.com/robertmarc.lehmann



  1. Mathias Heckroth

    Moin Frau Jaerisch,
    ich war gerade (13.01.) auf einen Kontrollflug über Mellum. Die letzte Kontrolle war am 11.01. . Dort ist definitiv kein Pottwal gestrandet. Das ist beruhigend und ärgerlich zugleich. So eine Falschmeldung hält einen ganz schön auf Trapp. Hinzu kommt ein dann doch unnötiger Flug, die Zeit und die Kosten.

    Geärgert hat mich auch in Ihrem Bericht die Darstellung der fehlenden Absperrung auf Wangerooge. So einen Bereich weiträumig abzusperren ist mal nicht so eben zu bewerkstelligen, schon gar nicht am Wochenende und auf einer Insel. Da fehlt dann einfach die Logistik – verbunden mit der Schwierigkeit das die Wale im Tidenbereich liegen. Unsere Mitarbeiter versuchen dort seit Montag eine Absperrung aufrecht zuhalten. Zumindest sind sie ständig vor Ort.
    Wenn, wie Sie schreiben, die Wale frisch tot oder gar lebendig gestrandet sind, dürfte die Gefahr einer Explosion aufgrund der Verwesung – so schnell auch nicht gegeben sein. Das war dann m.E. auch Panikmache an falscher Stelle.

    Gute Grüße
    Mathias Heckroth


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