Mit Schlittenhunden zum Tauchen – etwas ganz besonderes

Mit Schlittenhunden zum Tauchen – etwas ganz besonderes © Tobias Friedrich

Grönland – auf vier Pfoten zum Tauchen

Mit dem Hundeschlitten zum Tauchen – eine Grönland-Expedition, ist nur etwas für Hartgesottene. Doch wer Kälte nicht scheut, der wird mit einzigartigen Erlebnissen belohnt. TAUCHEN-Autor Tobias Friedrich wagte sich ins eiskalte Winter-Abenteuer.

Pur! Pur!“, ruft der Inuit Mika. „Pur, Jackie, Pur!“, und meint damit seinen Schlittenhund „Jackie“, benannt nach dem Filmstar Jackie Chan. Der Hund weiß genau, was sein Führer möchte: „Pur“ ist eine abgewandelte Form von „Pull“ – dem englischen Wort für „Zieh!“. Und genau das müssen die Hunde tun: ziehen! Ihre Pfoten sinken in den tiefen Schnee ein. Mitte April ist die Sonne schon stark und überall haben sich bereits kleine Pfützen gebildet. Es erscheint kaum möglich, den Schlitten samt Hundeführer, zwei Gästen und Ausrüstung über die nächste Anhöhe zu ziehen, aber den zwölf Hunden gelingt es trotzdem. Dabei ziehen sie ein Gewicht, das dem eigenen Körpergewicht von circa 25 Kilogramm entspricht – und das über mehrere Stunden.

HELDEN MIT VIER PFOTEN

Der Schlitten gleitet nahezu lautlos über den noch zugefrorenen Fjord. Hinein in die Gebirgslandschaft, die noch von Eis und Schnee bedeckt ist, aber hier und da auch schon braune Flecken aufweist. „Die Hunde sind die wahren Helden der Arktis“, meint Sven Gust von Northern Explorers. Der Deutsche, der sich nördlich von Trondheim in Norwegen niedergelassen hat, organisiert schon seit Jahren Tauchexpeditionen in die Arktis. „Schlittenhunde waren in den letzten Jahrhunderten die wichtigsten Nutztiere in Grönland. Sie waren im Winter oft das einzige Transportmittel und brachten die Inuit an die Eisgrenze oder transportierten sie zum Jagen in abseits gelegene Fjorde“, so Gust weiter.

Neuerdings haben aber die mit Benzin betriebenen Motorschlitten die Hunde mehr und mehr verdrängt, da diese im Sommer keine Aufmerksamkeit benötigen, während Hunde ständig gefüttert werden müssen. „Die meisten Inuit sind sehr arm und können sich nicht viel leisten. Ein Motorschlitten kann im Sommer einfach in der Ecke stehen und kostet kein Geld“, erklärt Gust. Aber zum Glück gibt es in Tasiilaq, der Hauptstadt Ost-Grönlands, in der etwa 2000 Einwohner leben, immer noch Schlittenhunde und Hundeführer, die auf dieses traditionelle Verkehrsmittel setzen. „Besonders bei dünnem Eis sind die Hundeschlitten gegenüber den schwereren Motorschlitten im Vorteil“, erzählt Gust. Und für Touristen sind Hundeschlittentouren eine tolle Möglichkeit, grönländische Tradition kennenzulernen. „Dieses Erlebnis wollen wir natürlich nutzen und unseren Gästen neben dem Tauchen auch noch ein Abenteuer anbieten“, schwärmt Gust. Während der einwöchigen Expedition gibt es eine dreitägige Tour, die in einen nahen Fjord führt. „Mit den Hunden brauchen wir dorthin etwa fünf bis sechs Stunden“, so Gust. Der Großteil der Ausrüstung wird mit dem Motorschlitten transportiert, damit die Hunde diese nicht noch zusätzlich ziehen müssen.

Tobias Friedrich

Eine anfängliche Unsicherheit, weil man erst nicht so recht weiß, wo man sich festhalten oder wo man die Füße hinstellen soll, verfliegt schnell. Die Hunde, die schon ungeduldig gewartet haben, sind jetzt nicht mehr zu halten. Mit weit heraushängender Zunge werfen sie sich in ihr Geschirr und ziehen die dünnen Seile stramm, an denen der Schlitten befestigt ist. Und spätestens wenn der Schlitten das erste Mal ins Gleiten kommt und lautlos über den Fjord fährt, haben die Gäste ein Grinsen auf dem Gesicht. Nur bei steilen Anstiegen und zu feuchtem Schnee müssen wir abspringen und neben dem Schlitten her laufen, um es den Hunden ein wenig zu erleichtern. „Das Laufen im tiefen Schnee ist anstrengender als gedacht. Der Respekt vor den Hunden steigt, wenn man sich wieder auf den Schlitten fallen lassen kann“, resümiert Thomas aus Heidelberg den letzten Anstieg. Der Hobby-Triathlet, der sich sonst kaum über Anstrengung beklagt, findet seit Jahren Gefallen an Reisen in die Arktis. „Besonders die Kombination von Tauchen und Hundeschlitten-Touren hat mich bei dieser Expedition besonders gereizt“, erzählt er weiter.

Während der Hundeschlitten-Tour übernachten die Teilnehmer an einem Ort, der den Abenteuer-Charakter der Reise unterstreicht: Eine einsame Hütte, die am Rand des Sermilik-Fjords liegt. Dort gibt es kein fließendes Wasser, aber genügend Schnee auf dem Dach zum Auftauen. Auch Strom gibt es nur aus dem mitgebrachten Generator. Der Ofen heizt die Hütte schnell auf und sorgt für eine mollige Wärme, die den fröstelnden Abenteurern, die von einer langen Hundeschlittenfahrt einkehren, gut tut.

DAS EIS IMMER FEST IM BLICK

Die besondere Attraktion unter Wasser und Ziel eines jeden Tauchganges sind im Fjord festgefrorene Eisberge, die im vergangenen Sommer in einem nahe gelegenen Gletscher abgebrochen sind. Doch muss zunächst ein geeigneter Einstieg ins Wasser gefunden werden. „Wie und wo wir tauchen können, kann man vorher nie so genau sagen“, erklÄrt Gust. Wer schon einmal in der Arktis war, weiß genau, was er damit meint: Zum einen kann das Wetter jederzeit umschlagen, zum anderen muss die Eissituation immer genau beobachtet werden. Wenn das Eis zu dünn ist, können selbst die vergleichsweise leichten Schlittenhunde nicht bis zur Eiskante fahren und es muss im dickeren Eis des Fjordes ein Loch zum Einstieg gehackt werden. Manchmal bildet sich auch ein Spalt, der die Eisfläche wie ein Fluss durchtrennt und so den Tauchern einfache Einstiegsmöglichkeiten bietet. „Im Frühling kann so ein Riss schnell entstehen. Daher ist es wichtig, immer einen Blick auf die umgebende Situation zu haben,“ erklärt er weiter, während er mit dem Fernglas auf den Fjord schaut. Ist man erst einmal im eisigen Wasser, gilt es, einige Sicherheitsregeln zu beachten: So sollte es beispielsweise bei minus zwei Grad Celsius Wassertemperatur vermieden werden, den Atemregler an der Oberfläche zu benutzen, da hier die Gefahr einer Vereisung am größten ist. Während des Tauchgangs ist zu empfehlen, alle fünf Minuten zwischen den beiden Hauptatemreglern, die an getrennt absperrbaren Ersten Stufen hängen, zu wechseln. Befolgt man alle Sicherheitsanweisungen des erfahrenen Eistauchers und arktischen Tauch-Guides Sven Gust, werden die Tauchgänge zu einem unvergleichlichen Erlebnis.

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Kurz nach dem Abstieg umgibt die dunkle, schneebedeckte Eisfläche die Taucher schnell mit Dunkelheit. Nach einer Weile gewöhnen sich die Augen an die Umgebung: Die neue, surreale Welt wird erkennbar. An machen Stellen ist die Schneedecke nicht so dicht und erhellt die Unterwasserlandschaft ein wenig. Kleine, eingefrorene Eisberge enthüllen ungeahnte Strukturen unter der Wasseroberfläche: mal scharfkantig, fast sichelförmig, dann wieder rund und glatt wie viele aneinandergereihte Bowlingkugeln. Man wird nicht müde, diese skurrilen Formen und Strukturen zu entdecken, die zudem in verschiedensten Farbtönen schimmern. Die vielen Farbnuancen des Eises reichen von weiß-grauen Schattierungen bis zu einem tiefen Blau, das nur bei sehr stark gepresstem Eis vorkommt, wie es bei dem grönländischen Inlandeis der Fall ist. Umrandet wird das Ganze von einer Wasserfarbe, die von einem dunklen Grün bis zu einem tiefem Schwarz in der Tiefe des Fjordes reicht.

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Der Taucher fühlt sich in eine Höhle tief in einem Berg versetzt. Aufgrund der hier nur geringen Sichtweiten, die dem zunehmenden Schmelzwasser und der Dunkelheit geschuldet sind, können die Taucher nur kleine Abschnitte erkunden. Gesichert durch eine Leine, die den Weg zum Ausstiegsloch zeigt, wäre das Risiko zu groß, wenn sich die Taucher weiter entfernen würden. „Wir hatten noch nie einen Tauchunfall, aber Sicherheit geht vor!“, mahnt Gust. In der abgeschiedenen Wildnis von Grönland hat Sicherheit einen extrem großen Stellenwert, da sich die nächste Druckkammer im zwei Flugstunden entfernen Reykjavik auf Island befindet. Die Tauchgänge im Fjord erfordern schon etwas Mut und Abenteuerlust, aber belohnt die Taucher mit unvergesslichen Eindrücken. Und wer hat schon einen Tauchgang im Sermilik-Fjord in Ost-Grönland in seinem Logbuch stehen?

MIT DEM BOOT DURCHS PACKEIS

Das Beste hat sich Sven Gust für das Ende der Reise aufgespart: die Eisberge an der Atlantikküste. Auch hier zeigt sich der hohe, logistische Aufwand, der bei einer Grönland-Expedition notwendig ist, um die Tauchplätze zu erreichen. Von der Unterkunft in Tasiilaq wird zunächst das Equipment per PKW auf die Eisfläche im Hafen gebracht, dort auf einen Schlitten verladen und mit Muskelkraft bis zur Eiskante gezogen – jetzt wünscht man sich die Schlittenhunde herbei! Schließlich wird alles auf ein kleines Tagesboot verstaut. Mehr schiebend als brechend bahnt sich das Boot mit einem scheinbar entspannten Inuit als Kapitän den Weg durch das Packeis hinaus auf dem Fjord.

„That is amazing!“, entweicht es Ian, dem US-Amerikaner. Er hat die Fahrt mit seiner Action-Kamera gefilmt und schaut vom Bug aus grinsend zurück zu den anderen Passagieren. „I can’t wait for the dive“, nimmt er den anstehenden Tauchgang vorweg. Bis dahin vergehen noch ein paar Minuten, denn nicht jeder Eisberg, der von den nördlichen Gletschern abgebrochen ist und an der Küste nach Süden treibt, kann auch betaucht werden. „Es muss ein möglichst stabiler Eisberg ohne überhängende Kanten oder größere Risse sein. Ansonsten könnte es passieren, dass plötzlich ein Stück abbricht“, warnt Gust. Natürlich kann dieses Risiko nie ganz ausgeschlossen werden, aber dank der langjährigen Erfahrung des Organisators kann er die mögliche Gefahr gut einschätzen und wählt zielsicher die richtigen Eisgiganten aus.

EISKUNSTWERKE DER NATUR

Bereits vom Boot aus lässt sich ein Teil des Eisbergs, der zu 90 Prozent unter der Wasseroberfläche liegt, erahnen. Blau-grünlich schimmern die Strukturen des Giganten im Sonnenlicht. Der Koloss enthüllt ungeahnte Formen: Ähnlich wie an der Steilwand eines Riffes ergeben sich Canyons, Buchten und kleine Plateaus. An manchen Stellen ragen scharfe Kanten hervor und an anderen ist das Eis von feinsten Rissen durchzogen, die sich wie Adern über das Eis ziehen. Fast überall befindet sich eine dünne, nur ein paar Zentimeter dicke transparente Eisschicht über undurchsichtigem wie weißem Schnee gleichendem Inneren. Jetzt im April sind die Sichtweiten an der Küste sehr gut. Mindestens 20 bis 30 Meter sind keine Seltenheit, da der Einfluss des Schmelzwassers nicht so groß ist und die Sonne die Algenblüte erst ein paar Wochen später vorantreibt. Und 60 Meter können auch mal drin sein.

Tobias Friedrich

Es fällt schwer Abschied zu nehmen – die Faszination Eis hat alle gepackt! Da ist der Helikopterflug über das Packeis zum Flughafen ein tolles Trostpflaster. „Nur so kann in dieser Zeit die Strecke überwunden werden. Für die Boote ist das Eis noch zu dick“, erklärt Sven Gust und steigt grinsend in den Hubschrauber, während die Turbinen röhrend anlaufen.

Weitere Berichte zum Thema Grönland hier:

https://www.tauchen.de/news/groenland-expedition-im-sommer-2012/

https://www.tauchen.de/archiv/atlantikwasser-waermt-die-arktis-auf/