Großer Kinofilm über Jacques Cousteau

Jacques Cousteau war Entdecker, Filmemacher, Fotograf, Buchautor, Geschäftsmann und Wissenschaftler. Jetzt kommt ein bildgewaltiger Kinofilm über den größten Tauchpionier der Welt auf die Leinwand.

Kaum ein Name ist so mit der Entdeckung der Meere verbunden wie der von Jacques Yves Cousteau. Er war an der Entwicklung der „Aqualunge“ beteiligt, die es Tauchern ermöglichte, in noch bisher unentdeckte Teile des Ozeans vorzudringen, und zeigte die dort neu entdeckten Welten in seinen Filmen und Serien einem globalen Publikum. Cousteau war Pionier, Entdecker, Filmemacher, Fotograf, Buchautor, Geschäftsmann und Wissenschaftler. Seine Crew, die „Calypso“ und nicht zuletzt die rote Mütze sind auch heute noch weltweit berühmt.
Regisseur Jérôme Salle versammelt Lambert Wilson (bekannt aus dem Film Matrix Reloaded) als Jaques-Yves Cousteau, Pierre Niney als Sohn Philippe und Audrey Tautou als seine Ehefrau (bekannt aus dem Film Die fabelhafte Welt der Amélie) vor der Kamera. Gedreht wurde an Originalschauplätzen in Brasilien, Südafrika, Kroatien und – zum ersten Mal für einen Spielfilm überhaupt – in der Antarktis. Herausgekommen ist ein bildgewaltiges Epos, das auf der großen Kinoleinwand seine volle Magie entfaltet. Der Kinofilm „Jacques“ startet am 8. Dezember 2016 in den deutschen Kinos. In den Interviews verraten die Schauspieler, wie die Dreharbeiten abliefen und wie sie sich den Filmfiguren angenähert haben.

Interview mit Lambert Wilson (spielt im Film Jacques Cousteau)

Welche Erinnerung hatten Sie an Kapitän Cousteau und sein Leben, bevor Ihnen das Filmprojekt über diesen Mann angetragen wurde?
Seine Geschichte führte mich in meine Kindheit zurück. Mir war alles vertraut, so vertraut vielleicht wie de Gaulle, Catherine Langeais oder Léon Zitrone! Ikonen des französischen Fernsehens, die wir uns mit der Familie in religiöser Andacht ansahen. Cousteau war eine sehr präsente Figur, übrigens ebenso wie seine Besatzungskollegen Philippe oder Bébert. Es gab damals nur wenige Sender, daher wurde das, was im Fernsehen lief, bei allen ganz selbstverständlich zum Gesprächsthema. Außerdem waren die Abenteuer des Kapitäns Cousteau, eingebettet in die heroische Musik der Dokumentarfilme, und die unglaublichen Bilder, die in ihnen gezeigt wurden, ein Traum für jeden Knirps in meinem Alter. Ich muss dazusagen, dass es, auch wenn zum Beispiel Haie zu sehen waren, nie richtig gefährlich wirkte, sondern im Gegenteil eher lustig und aufregend, fast wie Ferien! Meine ganze Generation war davon begeistert. Ich habe vor Kurzem in Italien Fischer getroffen, die mir erzählt haben, dass sie als Kinder, in der Gegend von Portofino bei Genua, Cousteau und Falco gespielt haben, genau wie ich. Als ich ihnen sagte, dass ich in dem Film „Jacques“ mitspiele, war das für sie eine richtig große Sache. Es ist auch ein Mann, der seinen Traum mit Simone, seiner ersten Frau, aufgebaut hat.

Cousteau musste Opfer für die Freiheit bringen

Ja, mit ihr und gleichzeitig ohne sie, und das ist eins der Paradoxe, die die Sache interessant machen. Diese egoistische Entscheidung für eine bestimmte Freiheit wurde von beiden getroffen. Was man auch darüber sagen oder hören mag, Simone und Jacques-Yves waren ein Paar, und sie haben sich für dieses unglaubliche Leben entschieden, dafür, die Welt zu durchqueren. Das sagt sehr viel aus. Anfangs muten sie ihren Kindern dieses Leben zu, die machen mit, so gut sie können, lernen erst mit 8 Jahren lesen und wachsen wie kleine Wilde auf. Als die Eltern weiter weg wollen, werden die Jungs im Internat untergebracht. Simone hat dieses Leben als Außenseiterin gewählt und ist später sogar allein mit der Besatzung an Bord der Calypso geblieben. Ich hatte noch nie auf einem Schiff das Meer überquert, sondern war meistens in der Nähe der Küste geblieben. Aber für den Film sind wir in die Antarktis gefahren, und zwar durch die Drakestraße, eines der gefährlichsten Meeresgebiete der Welt. Und da habe ich es verstanden! Diese Erregung angesichts des offenen Meeres, ohne irgendwo auch nur ein Zipfelchen Land zu sehen, diese absolute Freiheit, die habe ich in meinem Blut gespürt.

Das Ehepaar Cousteau wollte der Menschheit aus dem Weg gehen

Cousteaus Taucher, zum Beispiel François Sarano, haben uns erzählt, dass das Schiff einmal am Ende einer Expedition mitten in einem Sturm in Neuseeland vor Anker gegangen ist. Kaum hatten sie Kerosin und Lebensmittel an Bord genommen, stach die Calypso wieder in See, mitten hinein in den wütenden Sturm! Weder Simone noch Jacques-Yves wollten im Hafen bleiben. Ich glaube, sie waren ein Paar, das im Grunde genommen der restlichen Menschheit aus dem Weg ging, auch wenn er einen Teil seines Lebens damit verbrachte, in den Vereinigten Staaten Geld aufzutreiben, um diese Flucht zu finanzieren.

Reden wir darüber, wie Sie sich körperlich verändert haben, um sich eine Figur zuzulegen, die der seinen, also der eines Tauchers entspricht.
Das ist für mich gewissermaßen ein Reinfall. Ich glaube, dass ein amerikanischer Schauspieler (Michael Fassbender oder Matthew McConaughey) die Sache wahrscheinlich noch etwas weiter getrieben hätte! Das Schwierige bei Cousteau war, dass ich sehr dünn sein musste und gleichzeitig körperlich anspruchsvolle Dinge zu tun hatte, zum Beispiel tauchen.

Zehn Kilo habe für den Film abgenommen

Das Problem ist, dass man schwächer wird, wenn man ein bestimmtes Gewicht unterschreitet. Ich musste mit sehr schweren Tauchflaschen unter Wasser gehen und 14 Stunden lange Drehtage durchstehen. Ich musste also noch genügend Energie haben. Ich habe ziemlich schnell zehn Kilo verloren und während des Films nicht mehr zugenommen. Übrigens hat Jérôme permanent meinen Teller überwacht, weil er fand, ich sei zu kräftig! Ich mache regelmäßig Krafttraining, und mein Körper sollte der eines Tauchers sein, eher schlank als muskulös.

Wie würden Sie den Film beschreiben?
Wir müssen jetzt einen der interessantesten Punkte des Films ansprechen: „Jacques“ ist in keinster Weise eine Hagiografie über Kapitän Cousteau. Der Film zeigt, dass die Erdölindustrie seine ersten Arbeiten finanziert hat, dass er sich auf Kompromisse mit den amerikanischen Fernsehsendern eingelassen hat, damit diese seine Filme produzieren, dass sich sein Verhältnis zu den Wildtieren immer mal wieder änderte und sein eigentliches Umweltbewusstsein erst spät erwachte. Das wird das Publikum vielleicht überraschen, weil es ein ganz anderes Bild von Cousteau hat.
Man kann diesen Mann auf zweierlei Weise betrachten. Zum einen bewundernd, aber oberflächlich, wie einen Abbé Pierre, also wie Menschen, die man gerne mag, aber nicht wirklich kennt. Die zweite Art überrascht und nervt mich! Bei einer gewissen Anzahl von Menschen, die besser informiert, pariserischer, intellektueller sind, gibt es so etwas wie das Verlangen, den Kapitän oder eher den Kommandeur vom Sockel zu stoßen! Man möchte Cousteau zum Beispiel unbedingt mit dem nachgewiesenen Antisemitismus seines Bruders Pierre-Antoine in Verbindung bringen, der in der Tat ganz fürchterliche Texte geschrieben hat. Das ist eine absolute Unkultur! Sie reden von Ökologie, aber er selbst hat seine Schuld eingestanden und ist sehr weit in die andere Richtung gegangen, um ein Moratorium durchzusetzen, das die Antarktis für die nächsten 50 Jahre schützt. Er war einer der Ersten, die eine Alarmglocke geläutet haben, deren Läuten heute noch alle halbwegs vernünftigen Menschen hören. Als er „Die schweigende Welt“ drehte, ahnte er nicht, wie bedroht das Meer bereits war. Seine Gefährdung setzte eigentlich schon mit Beginn der industriellen Revolution ein.

Cousteau ist ein wahrer Held der Menschheit

Aber seit Anfang der 60er Jahre ist Cousteau derjenige, der bei den Wissenschaftlern, die am Ozeanographischen Institut von Monaco arbeiteten, erreichte, dass keine radioaktiven Abfälle auf dem Grund des Meeres entsorgt werden. Er ist ein wahrer Held der Menschheit, dessen Botschaft kaum gehört wurde. Alles, was die Umweltverbände über Industrialisierung, Überfischung oder Klimaerwärmung sagen, hat Cousteau bereits vorhergesagt. Ihn jetzt wegen seines mangelnden Umweltbewusstseins an den Pranger zu stellen, ist also dumm und unbegründet, und bei der Vermarktung dieses Films über ihn zu sprechen, ist für mich die Gelegenheit, seine Botschaft wieder in den Mittelpunkt der Debatte zu stellen. Aber Vorsicht, das heißt nicht, dass Jacques-Yves Cousteau im Film von ganz unterschiedlichen Seiten gezeigt wird.

Eigentlich menschlich?
Ja, absolut. Seine Fehler sind wirklich schwerwiegend. Im privaten Bereich (aber wer sind wir eigentlich, dass wir uns als Moralapostel aufspielen?) führte er das Leben eines Verführers, der, das ist wahr, im Laufe seiner Reisen viele Frauen kennengelernt hat. Das, wofür ich weniger Entschuldigungen finde, ist die Sache mit seinen Kindern.


Ich bin in seiner Geschichte auf etwas gestoßen, was ich von meinem Vater kannte. Sie waren Männer, die einen an der Begeisterung und dem Wert ihrer Arbeit teilhaben lassen konnten, einen aber gleichzeitig vernachlässigten, weil sie fast nie da waren und es nicht duldeten, dass man ihr Territorium betrat und zu einem Rivalen wurde. Cousteau hegt für Philippe eine Art leidenschaftlicher Vaterliebe, die sich allerdings in einer großen Strenge ausdrückt. Er liebt ihn, will ihn aber auch für sein Talent bestrafen. Manche Szenen waren in dieser Hinsicht ziemlich verstörend für mich. Ich denke an die, in der Vater und Sohn sich in einem Restaurant in Los Angeles treffen. Ich hörte in Philippes Stimme die Vorwürfe, die auch ich meinem Vater hätte machen können. Aber jetzt verkörperte ich das, wogegen ich früher rebelliert hatte!

Die Erdölindustrie drehte Cousteau den Geldhahn zu

Was Cousteaus Opportunismus in finanziellen Angelegenheiten angeht, muss ich zugeben, dass ich ihn verstehen kann. Er brauchte sehr viel Geld, um diesen Traum zu leben, der unheimlich vielen Menschen auf der Welt zugutekam. Er hatte sehr schnell verstanden, dass er das wichtigste und sichtbarste Rädchen in einem medialen Abenteuer war. Diese Saga brauchte einen Helden, und er stellte sich in den Mittelpunkt. Wahrscheinlich wirklich aus einem Narzissmus heraus, aber auch weil er wusste, dass es einen Fixpunkt geben musste, damit die Saga bestehen konnte. Als er in die Vereinigten Staaten ging, um mit den Fernsehsendern über Millionenbeträge zu verhandeln, tat er das, weil ihm die Erdölindustrie den Geldhahn zugedreht hatte. Ich finde das eigentlich schön, denn damit nimmt ein anderes Abenteuer seinen Anfang und führt ihn mit der Zeit in seinen eigentlichen Beruf: Bevor er ein auf den Meeresboden spezialisierter Forscher war, war Cousteau Filmemacher. Von diesem Moment an konzentriert er sich auf das Bild, baut Kameras zusammen, erfindet Dinge. Louis Malle persönlich hat gesagt, dass er durch die Arbeit mit ihm sehr viel gelernt hat.

Da Sie gerade einen Regisseur erwähnen, will ich gleich auf Ihren zu sprechen kommen: Jérôme Salle. Wie würden sie über ihn als Mensch und als Regisseur sprechen?
Jérôme ist ein echtes Chamäleon, und das hat er seiner Intelligenz zu verdanken! Er ist ein Mann mit Ideen, ein Intellektueller, mit dem man stundenlang über Philosophie diskutieren und eine Filmfigur theoretisch besprechen kann. Aber er ist auch ein Mann der Tat, der Entscheidung, ein Teamführer. Es ist wirklich erstaunlich! Der Jérôme, den ich anfangs bei einem Tee traf, um über das Projekt zu sprechen, war sehr feinsinnig. Als wir mit dem Tauchtraining anfingen, entdeckte ich seinen Sinn für den Wettkampf, da ist er sehr männlich, immer zu einer sportlichen Großtat bereit! Während der Dreharbeiten war er immer der Erste, der seinen Tauchanzug anziehen wollte, auch wenn er eigentlich gar nicht unbedingt tauchen musste! Er ist außerdem Regisseur, und es gibt nur wenige, die sehr intime, psychologische Szenen zwischen zwei Figuren drehen, aber auch große Dinge mit Flugzeugen oder Leuten unter Wasser inmitten von Haien anpacken können! Das bringt ihn kein bisschen aus der Ruhe, im Gegenteil, so etwas reizt ihn. Als wir mit Pierre Niney auf dem Packeis waren, sollten wir einen sehr subtilen, emotionalen Moment zwischen Vater und Sohn spielen – und das auf einem Stück Eis, auf dem wir uns nicht bewegen durften, um keine Spuren zu hinterlassen. Jérôme hat das alles mit einer Drohne gefilmt, und da war er ein echter Kapitän. Wenn ich ihm heute Nachrichten schicke, nenne ich ihn immer noch „Chef“! Er ist der Einzige, bei dem ich das je gemacht habe.

Sie haben es immer wieder unterstrichen: Das Schiff, auf dem Sie gedreht haben, ist ein wichtiger Bestandteil von „Jacques“. Wenn man sich an Bord dieses fast perfekten Nachbaus der „Calypso“ befindet und fürs Kino zu Cousteau geworden ist, verspürt man da so etwas wie ein Schwindelgefühl?
Ja, absolut: Als ich das erste Mal den Fuß auf das Deck des Schiffs setzte, war das der Wahnsinn! Ich hatte so lange von diesem Schiff geträumt, hatte so viel gelesen, so viele Filme darüber gesehen, dass es wirklich ein unglaubliches Gefühl war. Ich weiß noch, wie ich im Hafen von Kapstadt ankam und es erblickte: Ich konnte es nicht fassen! Alles wird einzigartig, zum Beispiel, wenn Sie die Kommandobrücke betreten. Wissen Sie, „Jacques“ ist nicht irgendein Film: Wir sind dieser Geschichte, dieser Familie, diesem Abenteuer sehr nahe gekommen. Wir haben natürlich Rollen gespielt, aber wir kannten sie oder waren Menschen begegnet, die sie gekannt haben. Für mich hat dieser gesamte Prozess einen Höhepunkt. Am Ende des Films beweine ich den Tod meines Sohns Philippe zusammen mit meinem anderen Sohn Jean-Michel, während wir auf einer Bank sitzen und aufs Meer blicken. Ganz ehrlich, in diesem Moment habe ich wirklich um Philippe geweint, und das nicht, indem ich an mir nahestehende Menschen gedacht habe, wie es Schauspieler machen, wenn sie im Film weinen müssen… Diese Geschichte war zu meiner eigenen geworden. Meine Trauer war Cousteaus Trauer um seinen Sohn. Das war mir vorher noch nie passiert.

Bedeutet das, dass dieser Film in Ihrer Laufbahn ein ganz besonderer Moment bleiben wird, obwohl Sie in den letzten 40 Jahren schon mit sehr großen Regisseuren gedreht haben?
Ja, schon allein deshalb, weil es selten vorkommt, dass man das Angebot bekommt, eine Figur über eine so lange Zeitspanne ihres Lebens zu spielen, von 37 bis 70. In dieser Hinsicht war die gesamte Arbeit mit dem Maskenbildner Rick Findlater ganz außergewöhnlich. Für mich ist mit „Jacques“ ein Wunsch in Erfüllung gegangen. Es ist die Art von Film, von der ich träumte, als ich das Kino entdeckt habe: breit, episch.