Titel der 10/18

© Foto: Wolfgang Pölzer

Nachttauchen – Lohnender Abstieg in eine andere Welt

Was ist so cool daran, nachts abzutauchen? Wenn das Tageslicht verschwindet, verwandelt sich die Unterwasserlandschaft in eine wahre Wunderwelt. Und auch ihre Bewohner verhalten sich dann völlig anders. Es lohnt sich! Was es dabei alles zu beachten gilt erklärt Technik-Redakteur Walter Comper.

Der erste Nachttauchgang hat eine fast magische Komponente. Es soll schon Taucher gegeben haben, die am Ausstieg spontan sagten, sie wollten nicht mehr tagsüber tauchen, weil es nachts dort unten einfach viel schöner sei. Woran liegt das? Vielleicht daran, dass der Lichtstrahl der Lampe ein bisschen wie ein Vergrößerungsglas wirkt, indem er die Aufmerksamkeit auf den kleinen Bereich lenkt, den er beleuchtet. Dadurch sieht man oft kleinste Lebewesen, die man bei Tauchgängen am Tag übersieht. Hinzukommt, dass in der Nacht Tiere aus ihren Verstecken kommen, die sich tagsüber nicht blicken lassen. Das macht auch aus einem sonst eher durchschnittlichen Tauchplatz schnell eine nächtliche Wunderwelt. Einen ganz eigenen Reiz haben Nachttauchgänge bei natürlichem Restlicht am Abend oder am frühen Morgen, bei hellem Mondschein oder wenn sich starke Lichtquellen in unmittelbarer Nähe des Gewässers befinden.

Lampen, Lampen, Lampen

Foto: Wolfgang Pölzer

Foto: Wolfgang Pölzer

Lampen sind die wichtigsten Ergänzungen der Ausrüstung beim Nachttauchen! In erster Linie dienen sie dazu, dem Taucher die Beleuchtung seiner Umgebung zu ermöglichen, in zweiter dazu, dass ihn sein Buddy nicht aus den Augen verliert.

Ideal für Nachttauchgänge ist eine Tauchlampe, die dimmbar ist. Man hat Helligkeit, wenn man sie möchte, und etwas gedämpfteres Licht, wenn man einfach die Umgebung auf sich wirken lassen will. Oder wenn man vermeiden will, andere Taucher zu blenden oder Fische zu stören. Auch wenn sich viele Schwebeteilchen im Wasser befinden, ist weniger Licht oft mehr, weil es so deutlich weniger Reflexe gibt.

Wichtig ist auch eine ruhige Lampenführung, da ein ständiges Zucken des Lichtstrahls entweder als Zeichen für eine Gefahr interpretiert wird oder aber eine Desensibilisierung bewirkt, sodass ein wirkliches Notsignal dann nicht mehr so schnell als solches wahrgenommen wird.
Auch der Ausstieg sollte mit Licht markiert sein, egal ob es ein Boot ist oder eine Stelle am Ufer. Es trägt auch zu einem störungsfreien Tauchgang bei, wenn die Aufstiegsleine, so eine solche verwendet wird, mit einem Leuchtmittel versehen ist.

Vor dem Tauchgang sollte man sich schon überlegen, wie der Ausfall einer solchen Markierung aufgefangen wird. Zwei Leuchtmittel, etwa Knicklichter beziehungsweise deren batteriebetriebener Ersatz, können kostengünstig zusätzliche Sicherheit schaffen.

Ein weiterer Ausrüstungsgegenstand muss erwähnt werden: das Messer. Vor einigen Jahren war es noch selbstverständlicher Teil der Tauchausrüstung, doch heute führen manche Taucher kein Messer mehr mit sich. Beim Nachttauchgang aber ist es besonders wichtig! Hier bemerkt man Leinen oder Netze manchmal erst, wenn man unerwünschten Kontakt mit ihnen hat. Darum sollte ein scharfes Messer Teil der Nachttauchausrüstung sein. Besser ist, wenn man auch hier Redundanz walten lässt und zwei scharfe Messer oder ein Messer und eine Schere mitführt.

Ausfall der Tauchlampe

Bei den heute weitverbreiteten LED-Lampen ist die Wahrscheinlichkeit eines Ausfalls gering, sollte aber trotzdem in die Tauchgangsplanung einbezogen werden. Eine Lampe kann undicht werden und Wasser aufnehmen, der Akku kann vor dem Tauchgang unzureichend geladen worden sein oder die Lampe verabschiedet sich gerade an einer Steilwand und sinkt ins Unerreichbare. Shit happens. Das verlangt nach Planung für den Lampen-GAU, denn Lichtverlust ist bei Nachttauchgängen ein ganz bedeutender Stressfaktor. Doch halt! Es gibt ja bei den Tech-Tauchern den magischen Begriff der Redundanz. Der besagt, dass wichtige Ausrüstungsteile doppelt oder sogar mehrfach vorhanden sein müssen.

Für den Nachttauchgang bedeutet das, neben der Hauptlampe auch eine kleinere Back-up-Lampe mitzuführen. Zusätzlich bietet sich noch ein Knick- oder ein Blinklicht an, das zum Beispiel am Flaschenventil befestigt werden kann und den Taucher für die anderen sichtbar macht. Ideal natürlich, wenn jeder Taucher hier eine eigene Farbe hat. Beim Einsatz von Knicklichtern ist das oft möglich. Diese gibt es als chemische Variante, die wirklich geknickt werden muss, um sie zu aktivieren – und die nach Gebrauch zu Plastikmüll wird – und als umweltfreundlichere Batterieversion, die man besser nicht knickt.

Mögliche Probleme

Anleuchten des Finimeters

Foto: Wolfgang Pölzer

Nicht jeder Mensch kommt mit Dunkelheit gut klar, bisweilen führt sie zu einer hohen psychischen Belastung. Das kann dann bewirken, dass sich ein Taucher unwohl fühlt, nervös reagiert oder sogar Angstzustände entwickelt. Auch die Vorstellungskraft spielt hier eine Rolle, denn in der Dunkelheit wirkt manch Alltägliches schnell etwas unheimlich. Dazu kommt noch das Aufleuchten der Augen von Meeresbewohnern im Licht der Lampe. Oft ist nicht zu erkennen, wer da zurückleuchtet. Der Fantasie sind dann kaum Grenzen gesetzt, gerade dann, wenn Biologie nicht das stärkste Fach des Tauchers war.

Die psychische Belastung ist besonders problematisch, wenn die Lampe ausfällt und kein Ersatz vorhanden ist. Das kann schnell zu Fehlreaktionen führen, vor allem, wenn weitere Probleme hinzukommen. Dazu gehören alle die Vorkommnisse, die auch bei Tagtauchgängen Schwierigkeiten bereiten: Ausfall von Ausrüstungsteilen, Verlust des Buddys, Hängenbleiben, vereister Regler, zu wenig Atemgas, Orientierungsverlust und vieles mehr.

Genau das ist der Grund, warum einige Regeln für Nachttauchgänge aufgestellt wurden, die auf den ersten Blick sehr restriktiv wirken.

Dazu gehört unter anderem eine relativ strikte Tiefenbeschränkung (mehr dazu weiter unten), der Verzicht auf Dekotauchgänge, die Beschränkung der Gruppe auf maximal drei Taucher, der Verzicht auf den Tauchgang, wenn ungünstige Wetterverhältnisse oder zu heftige Wellen- oder Strömungsbedingungen herrschen. Was oft nicht bekannt ist: Auch Grotten dürfen nicht betaucht werden, denn durch das fehlende Tageslicht gelten sie nachts als Höhlen.

Diese Regeln machen Sinn, weil dadurch die oben beschriebene zusätzliche Belastung durch die Dunkelheit wieder etwas entschärft wird. Das ist wichtig, denn aus den Fehleranalysen in TAUCHEN wissen wir schon lange, dass ein Zwischenfall oder ein Unfall beim Tauchen meist das Resultat mehrerer kleiner Einzelereignisse ist, die für sich genommen relativ harmlos gewesen wären. Erst in ihrer Kombination wurden sie gefährlich.

Unbekannte Gewässer?

Drei Taucher bereiten sich auf den Tauchgang vor

Foto: Wolfgang Pölzer

Eine weitere Sicherheitsempfehlung der Ausbildungsverbände ist es, Nachttauchgänge nicht in unbekannten Gewässern durchzuführen. Keine schlechte Idee, gerade wenn Anfänger mit dabei sind, denn das kann dabei helfen, Berührungsängste zu überwinden. Die Taucher wissen dann schon vorher, was auf sie zukommt und wie es dort unten aussieht. Selbst wenn sie von den gewohnten Strukturen im Dunkeln nicht viel erkennen können, ist es eine Erleichterung. Selbst für erfahrene Nachttaucher ist das aber nicht langweilig, denn der Ort, den man in der Mittagszeit zum ersten Mal gesehen hat, wirkt in der Nacht völlig anders.

Tiefenlimits

Für Nachttauchgänge gibt es striktere Tiefenlimits als tagsüber. Sie liegen meist in Abhängigkeit von Ausbildungsorganisation, Sichtweiten und Tauchgebiet zwischen 10 und 20 Metern. Das gilt nicht nur für die Ausbildung, sondern auch für brevetierte Nachttaucher. Warum ist das so? Zum einen natürlich, um zu vermeiden, dass eine Dekopflicht entsteht, die einen sofortigen Aufstieg bei Problemen wie Partnerverlust verhindern würde. Aber auch die Empfänglichkeit für den Tiefenrausch steigt bei Dunkelheit. Die ersten Symptome können in geringeren Tiefen auftreten als tagsüber. Ein konservatives Tiefenlimit dient also auch dazu, Stresssituationen vorzubeugen! Dunkelheit kann aber auch zu Anfällen von „Höhlenangst“ (Klaustrophobie) führen, da das Gefühl von Enge entstehen kann. Eine Sinnestäuschung, die aber real wirken und schon durch leichte Symptome einer Stickstoffnarkose verstärkt werden kann.

Ein weiterer Grund für konservatives Verhalten bei Nachttauchgängen liegt darin, dass diese fast immer mit Sporttauchausrüstung, also einer Monoflasche, durchgeführt werden. Wenn hier Regler oder Luftvorrat ausfallen, der Buddy nicht greifbar ist oder in der Stresssituation versagt, bleibt noch die Oberfläche als Atemluftreserve. Der kontrollierte Aufstieg ist bei Dunkelheit aber schwieriger. Wer sich für größere Tiefen bereit fühlt, sollte das nicht im Freiwasser tun, sondern besser an einer Steilwand. Hier hat man beim Abtauchen wie auch beim Aufstieg eine Referenz.

Wo ist der Buddy?

Im Dunkeln findet man so einiges nur schwer wieder. Das gilt auch für den Buddy oder den Rest einer Dreiergruppe. Die übliche Praxis, erst einmal eine Minute – oder vielleicht noch länger – zu suchen, macht wenig Sinn. Hier ist es besser, kurz die eigene Lampe auszuschalten. Sieht man jetzt keinen Lichtschimmer der Lampen der anderen Taucher, sollte man lieber gleich aufsteigen. Viel hängt hier von den Sichtweiten ab. In Top-Gewässern stellt die Suche meist kein Problem dar, aber bei schlechter Sicht, wie man sie häufig in heimischen Gewässer findet, kann das wirklich ein Blindflug sein.

Tarieren im Blindflug

Drei Taucher zeigen unter Wasser das OK Zeichen.

Foto: Wolfgang Pölzer

Tarieren kann nachts gerade für weniger erfahrene Taucher etwas schwieriger sein. Das liegt nicht etwa daran, dass dann die physikalischen Gesetze anders sind, sondern daran, dass die optische Kontrolle in der Dunkelheit je nach Sichtweite und Helligkeit der Lampe eher suboptimal ist.

Der Aufstieg im Dunkeln hat Ähnlichkeit mit dem Aufstieg im Freiwasser ohne Referenzpunkt oder bei sehr schlechter Sicht durch trübes Wasser. Ohne Aufstiegs- oder Ankerleine ist man bei der Tempokontrolle auf den Computer angewiesen. Ein beleuchtetes Computerdisplay kann hier Abhilfe schaffen.

Außer bei klarer Sicht und starken Lampen macht die Dunkelheit eine natürliche Navigation anhand der Unterwasserlandschaft und markanter Geländepunkte fast unmöglich. Da hilft es, wenn man das Gewässer schon von Tagtauchgängen kennt und die Größe des betauchten Bereichs möglichst klein gehalten wird. Wie klein? Das hängt von der Erfahrung der Taucher, dem Tauchgebiet und anderer individueller Faktoren ab.

Kommunikation

Wolfgang Pölzer

Foto: Wolfgang Pölzer

Handzeichen gibt man idealerweise im Schein der Lampe. Dabei sollte man unbedingt vermeiden, andere Taucher oder Tiere zu blenden.

Die wichtigsten Zeichen können auch mit der Lampe gegeben werden: Auf- und Abschwenken bedeutet Gefahr, ein Kreis heißt: alles okay.

Aufgrund der schwierigen Kommunikation und der nicht ganz unkomplizierten Übersicht sollten nur kleine Gruppen von maximal drei Tauchern im Wasser sein. Das erleichtert nicht nur das Zusammenbleiben der Gruppe, sondern auch die Kommunikation zwischen den Tauchern. Tauchen ist schließlich kein Teamsport wie Fußball, auch wenn die Versuchung lieber auf der Couch zu bleiben und auf Sport zu wetten in diesem Zusammenhang sehr verlockend erscheint. Aber letztlich ist das Tauchen doch die aufregendere Alternative.

Briefing

Ganz wichtig für den reibungslosen Ablauf  eines Nachttauchgangs ist ein gutes Briefeing. Es kann nicht schaden, dabei auch die Dinge kurz zu wiederholen, die eigentlich seit dem Nachttauch-Specialty sitzen sollten, also das Vorgehen beim Ausfall der Hauptlampe, die Kommunikation untereinander, der Umgang mit den Tauchlampen, um das Blenden anderer Taucher zu vermeiden. Auch das Verhalten im Notfall sollte kurz angesprochen werden und vor allem die Dinge, die anders funktionieren als bei Tauchgängen am Tag, etwa das Verhalten bei verlorenem Buddy. Sonst gibt es mit ziemlicher Sicherheit ein Chaos, falls ein Taucher sich auf einmal alleine wiederfindet.

Foto: Wolfgang Pölzer

Auch die Kennzeichnung des Ausstiegs sollte angesprochen werden, vor allem wenn mehrere Gruppen an der gleichen Stelle tauchen. Das ist besonders wichtig an stark frequentierten Tauchplätzen, die mit Booten angefahren werden. Taucht hier ein Taucher beim falschen Boot auf, das möglicherweise gerade ablegt, dann kann es leicht zu einer gefährlichen Situation kommen.