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© Foto: Marten von Rauschenberg

Von Beruf Meerjungfrau

Prinzessin war gestern, heute wird man Meerjungfrau: Immer mehr tauchen im Schwanzflossen-Kostüm ab, so wie die Hannoveranerin Katrin Gray, die seit Jahren ihren Lebensunterhalt damit bestreitet. TAUCHEN-Autorin Corinna Kuhs blickte hinter die Kulissen des neuen bunten Trendsports der Meerjungfrauen.

Als Mary Schnackertz auf einer Messe einer Gruppe von Tech-Tauchern begeistert vom „Mermaiding“ vorschwärmte, grinsten die Herren erst einmal ein wenig abfällig. Glitzerkostüme und bunte Monoflossen gehörten bis dato weder in ihre Unterwasserwelt noch in ihre Tauchgeschäfte, sondern waren für sie höchstens in einem Disney-Film akzeptabel. Bis Tauchlehrerin Mary Schnackertz, die gemeinsam mit ihrem Mann Ralf das SSI Dive Center Köln betreibt, ihren Kollegen davon berichtete, wie gut besucht ihre Tauchschule auch im Winter ist, seit sie Meerjungfrauen-Kurse anbietet. Da wurden auch die unter Wasser ausschließlich Schwarz tragenden Herren hellhörig – „und sahen die Möglichkeit, mit Mermaiding langfristig neue Kunden zu gewinnen“, sagt Mary Schnackertz.

Chef-Meerjungfrau von SSI

Mit ihrer Begeisterung für den eigenen Kleinmädchentraum überzeugte die Frechenerin nicht nur die eingefleischten Tech-Taucher, sondern auch SSI-Sales-Außendienstler Patrick Klar, der „eine große Chance für den Verband“ erkannte. Mary Schnackertz wurde kurzerhand zu einer Art Chef-Meerjungfrau von SSI ernannt und entwickelte Leistungsanforderungen, ein kindgerechtes Manual und Instructor Outlines für ein offizielles SSI-Mermaiding-Programm. Das gibt es seit September 2016 – zunächst in einer bis zu einem Jahr dauernden Probephase in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Mary ist die einzige, die für SSI Mermaiding-Instruktoren ausbilden darf“, sagt Klar. Es gelten strikte Voraussetzungen, jeder Meerjungfrauen-Tauchlehrer muss mindestens Basic Freediving Instructor sein; zudem wurden klare Statuten für das Arbeiten mit Kindern aufgestellt – immerhin dürfen bei SSI schon Sechsjährige an den Kursen teilnehmen. „Die Nachfrage ist enorm“, berichtet Klar.

Das bestätigt auch Ines Jurkschat. Die Bielefelderin bietet mit ihrer Tauchschule Aquatica Wassersport schon seit vier Jahren Meerjungfrauenkurse an, berichtet von insgesamt „700 bis 800 Teilnehmern“ und davon, dass ihr die Gutscheine zu den Kursen „vor Weihnachten im ersten Jahr regelrecht aus den Händen gerissen wurden“. Inzwischen hat Jurkschat, die seit 2011 dem AIDA-Nationalkader Apnoetauchen angehört, als PADI Freediver Instructor Trainer für PADI ein Mermaiding Distinctive Specialty entwickelt. In fünf Bädern in Nordrhein-Westfalen und Niedersachen bietet sie mit ihrem Team regelmäßig Kurse an. „Es ist ein guter Einstiege ins Freitauchen“, findet die promovierte Geologin.

Magisches Geschäftsmodell

Fünf Meerjungfrauen posieren in einem Schloss

Foto: Jan Langmack

„Erwachsene, die in den Kursen waren, sind bereits Freitaucher geworden. Und aus unserem Meerjungfrauen-Club in Bielefeld, der regelmäßig trainiert, wollen nun drei Mädchen einen Gerätetauchschein machen.“ Auch sie hält das Meerjungfrauen-Programm als gutes Mittel der Kundenbindung: Das Specialty, bei dem die Teilnehmer das Schwimmen mit Monoflosse und die richtige Atemtechnik kennenlernen, sei ein idealer Einstieg in den Tauchsport – ob ins Apnoe- oder Gerätetauchen. Sie selbst wurde nur durch Zufall und dank langjährigen Apnoe-Trainings zur Meerjungfrau: Ein Uhrenhersteller hatte angefragt, ob sie für eine Werbeaktion im Sea Life Oberhausen als Meerjungfrau posieren wolle, weil sie doch so lange unter Wasser die Luft anhalten könne. „Das war eine aufregende Sache“, erinnert sich Jurkschat. Das Posing unter Wasser war für sie aber nur ein Ausflug, Jurkschat sieht sich eher als Mermaid-Trainerin  und Apnoe-Sportlerin denn als Model.

Bei Katrin Gray ist das ein wenig anders. Die 32-jährige Hannoveranerin verdient als „Mermaid Kat“ bereits seit Jahren ihren Lebensunterhalt unter Wasser: Ihren Einstieg in die Welt der schwimmenden Fabelwesen fand sie als UW-Stuntfrau und -model. Für Gray, die inzwischen in Australien lebt, ist das Mermaiding kein spaßiges Hobby, sondern tatsächlich Job: „Ich bin hauptberuflich Meerjungfrau.“ Und gleichzeitig hat sie sich damit einen Lebenstraum erfüllt. Nachdem die gelernte Versicherungskauffrau sich in Thailand zur Tauchlehrerin hat ausbilden lassen, fing Gray mit dem Freitauchen an und bastelte sich eine Meerjungfrauenflosse. Dank Modelerfahrung und guter Apnoe-Technik machte sie sich schnell einen Namen als UW-Modell und -Stuntfrau; tauchte nach eigenen Angaben als erste Meerjungfrau für ein Fotoshooting mit Tigerhaien und erkannte sehr früh den Mermaid-Trend: 2010 besuchte sie als Meerjungfrau ihr Heimatland Deutschland und wurde mit Kursanfragen für Kinder bombardiert.

Gray, die sich bis dahin auf die Mermaid-Ausbildung Erwachsener konzentriert hatte, sah das Potenzial: „Ich erkannte einen ungeheuren Markt“, erinnert sie sich. 2012 gründete sie die weltweit erste Meerjungfrauenschule; der Hauptsitz ist in Niedersachsen, inzwischen gibt es weitere Kooperationen und Filialen – unter anderem in Perth. Tauchlehrerin Gray hat dafür ein eigenes Ausbildungssystem entwickelt, bei dem sie neben Atemtechnik und Flossentraining auch auf Umweltschutz setzt. „Jede Meerjungfrau ist eine Botschafterin der Meere und sollte sich damit auch auskennen“, findet sie. Die ehemalige „Miss Deutschland International“ betreibt zudem einen Online-Shop mit selbstentwickelten Meerjungfrauen-Utensilien wie Monoflossen und Kostümen, weil sie sich mit dem Material, das sie zu Anfangszeiten auf dem Markt fand, nicht anfreunden konnte: „Teilweise waren die Produkte ein echtes Sicherheitsrisiko.“ Wer sich zum ersten Mal in ein Nixenkostüm zwänge und dann mit Auftrieb der Flossen zu kämpfen habe, fühle sich wie im Trockentauchanzug, bei dem sich die Luft in die Füßlinge  verlagert hat. Oder er werde bei starkem Abtrieb einfach nach unten gezogen. Katharina Hegemann, die im baden-württembergischen Pfersbach den „Meerjungfrauen-Club Deutschland“ mit etwa 60 Mitgliedern betreibt, hat eine derartige Erfahrung gemacht, als sie sich 2011 das erste Mal mit Mermaiding beschäftigte: „Ich habe mir eine Schwanzflosse mit Textilbezug privat geholt und bin damit einfach abgesoffen.“

Katrin Grays Plan ist, ihr bisher aufgebautes Meerjungfrauen-Imperium noch deutlich zu vergrößern: Sie kann sich eine eigene kleine magische Welt im Disney-Stil mit Shop und Wasserbecken vorstellen. „Die Ideen sind da“, sagt Gray und lacht. Zurzeit überlege sie mit ihrem schottischen Ehemann, wo sich die Pläne am besten umsetzen lassen können. Der muskelbepackte und tätowierte Gatte probierte zum Spaß auch schon mal die selbstentwickelten Flossen aus, bildet damit unter seinen Geschlechtsgenossen aber eher eine Ausnahme: Die meisten Meerjungfrau-Kurteilnehmer seien Frauen oder Mädchen, sagt Katrin Gray.

Mehr als nur ein Job 

Eine Meerjungfrau und ein Hammerhai

Foto: Picasa

Sie sieht das Apnoe-Verkleidungsspektakel nicht nur als Einkommensgrundlage, sondern es ermögliche ihr und anderen Menschen, in eine Traumwelt abzutauchen. Zwar seien, um als Profi erfolgreich zu werden und davon leben zu können, gewisse Voraussetzungen erforderlich: Models müssen auf ihre Figur achten, gut aussehen, lange die Luft anhalten können und, darauf legt Gray Wert, eine gewisse Unterwasser-Erfahrung mitbringen und auch Stresssituationen bewusst geübt haben: „Man muss bedenken, dass viele Fotoshootings echte Stunts sind. Man macht teilweise in 20, 30 Metern Tiefe ganze Tauchgänge ohne Maske. Das bedeutet, dass das Model wirklich fit sein und die Ruhe bewahren muss, egal was passiert.“ Sonst bringe man sich selbst oder das ganze Team in Gefahr. Das was so elegant und spielerisch aussieht, ist in Wahrheit harte Arbeit. „Arielle“ wird man eben nicht mal einfach so.

„Laien-Meerjungfrauen“ können das Ganze hingegen etwas lockerer angehen. „Als Hobby kann jeder Mermaiding machen, solange er sicher schwimmen kann, keine Angst hat abzutauchen und unter Wasser die Augen zu öffnen. Es ist ein super Workout für Erwachsene und Kinder und bietet die Möglichkeit, die Welt einmal anders zu erleben.“ Denn: „Man bewegt sich, lässt den Druck, den man von Job oder Schule hat,  hinter sich und findet ein bisschen dieses Magischen, das unserer Gesellschaft fehlt.“ Katrin Gray liebt diese Begeisterung unter Wasser. Sie selbst hat sich mit Mermaiding einen Lebenstraum erfüllt, den sie gern mit anderen Menschen teilen möchte: „Als Kind war ,Arielle‘ mein Lieblingsfilm. Ich habe meinen Vater damals angebettelt, mir eine solche Flosse zu bauen. Aber er fand das verrückt, sagte, wenn ich mit zusammengebundenen Füßen ins Wasser spränge, könnte ich ertrinken.“ Also bastelte sie sich Jahre später die Flosse eben selbst – und legte damit den Grundstein für ihr Unternehmen.

Ein Sport für alle

Kinder mit Mermaidflossen

Foto: Jan Langmack

Einfach den Alltag hinter sich lassen und abtauchen – das hält auch SSI-Vertreter Patrick Klar für einen wichtigen Aspekt des Meerjungfrauen-Trends: „Es ist ein idealistischer Gedanke, aber wir wollen mit Mermaiding vor allem Kinder zu etwas Gescheitem bringen: Die sind beim Mermaiding im Wasser, bewegen sich.“ Zudem habe Freitauchen, die Grundlage fürs Meerjungfrauendasein, viel mit Entspannung zu tun – und die sei wichtig: „Wir unterschätzen, wie viel Stress unsere Kinder heutzutage haben.“ Die meisten Kursteilnehmer seien Mädchen, berichtet Mary Schnackertz, die deshalb für Jungs eine etwas weniger glitzerbehaftete Kurs-Alternative plant. An ihren allerersten Kurs erinnert sich die Tauchlehrerin besonders gern: „Das war an einem Samstagmorgen in dem Schwimmbad, in dem wir auch normale Tauchkurse unterrichten. Ich kam als Meerjungfrau geschminkt und war furchtbar aufgeregt. Am Ende war es der schönste Morgen, den ich seit Langem erlebt habe. Die Kinder haben sich so gefreut – mir ist wirklich das Herz aufgegangen.“