Titel der 10/18
Ein Team des IFAW bei der Rettung von gestrandeten Grindwalen an der amerikanischen Ostküste.

Ein Team des IFAW bei der Rettung von gestrandeten Grindwalen an der amerikanischen Ostküste. © IFAW

Wale stranden in Frankreich

Am Montag den 2. November 2015 entdeckten Strandbesucher vor der nordfranzösischen Stadt Calais eine Gruppe gestrandeter Wale. Von den zehn Tieren konnten nur vier gerettet werden. Der Walexperte Ralf Sonntag über das bislang noch unerklärliche Phänomen der Walstrandungen.

Am Montag, den 2. November 2015 sind vor der nordfranzösischen Stadt Calais, an der Atlantikküste, zehn Grindwale gestrandet. Wahrscheinlich handelte es sich um eine Walfamilie. Für sechs von ihnen kam jede Hilfe zu spät. Vier Tiere, darunter zwei Weibchen und zwei Jungtiere, konnte die Feuerwehr mit Hilfe eines Baggers zurück ins Meer bringen. Der Grund für die Strandung ist noch unklar, eine Sektion der toten Wale wird zeigen, ob Krankheiten der Grund waren. Wir haben den Walexperten Ralf Sonntag zum Thema Walstrandungen befragt:

 

DSCF1196Ralf Sonntag (56) ist Meeresbiologe und ehemaliger Leiter des deutschen IFAW-Büros. Der Meeresforscher setzt sich für die Rettung von Wildtieren ein.

Warum stranden Wale?

Ralf Sonntag: Keiner weiß es genau, aber es hat viel damit zu tun, wie Wale sich orientieren. Sie folgen nämlich bei ihren Wanderungen vermutlich den Magnetfeldlinien der Erde. Diese können aber auch in die Irre führen, weil sie in manchen Gegenden auf Land treffen. Genau hier gibt es gehäuft Strandungen.  Ein anderes Problem ist der Lärm unter Wasser, denn Wale orten Hindernisse über Echolot.

Wie beeinflusst Lärm das Orientierungsvermögen?

RS: Viele Militärs nutzen im Meer eine sehr laute akustische Ortung, die das Innenohr von Walen schädigen kann. Viele Strandungen lassen sich darauf zurückführen, dass die Wale deshalb orientierungslos wurden. Manchmal „verschwimmen“ sich Wale auch einfach aufgrund von Lärm. Vor zehn Jahren gab es gehäuft Strandungen von Pottwalen auf Sylt und Eiderstedt. Pottwale wandern von Norwegen runter nach Madeira und ziehen eigentlich nördlich an Schottland und Irland vorbei.  Vor Skandinavien gibt es aber viel Lärm durch Bohrinseln. Die Vermutung ist, dass die Pottwale deshalb irrtümlich in die Nordsee eingebogen sind. Dort kommen sie dann nicht mehr so leicht raus. Die Nordsee ist nämlich wie ein Sack geformt, der unten zu ist.

Warum stranden oft gleich mehrere Wale auf einmal?

RS: Bei den Massenstrandungen sind sehr oft Grindwale betroffen. Das sind Rudeltiere, die einem Leittier folgen. Wenn dieses sich verirrt oder fehlgeleitet wird, folgt ihm die ganze Gruppe, sogar bis in den Tod.

Warum drehen die Tiere nicht spätestens um, wenn der Strand in Sicht kommt?

RS: Eine Erklärung haben wir dafür nicht, aber wenn der Wal bereits Bodenkontakt hat, kann er nicht mehr zurück. Ein Wal hat ja keinen Rückwärtsgang, und wenden kann so ein Koloss im flachen Wasser nicht.

Was passiert bei der Strandung?

RS: Die Tiere liegen auf dem Sand, können nicht mehr schwimmen und schaffen es nicht mehr zurück ins Wasser. Je größer der Wal, desto höher ist die Gefahr, dass sich das Tier selbst erdrückt. Im Wasser sind die riesigen Tiere durch den Auftrieb leichter. An Land drückt das eigene Körpergewicht auf die inneren Organe, und es kommt zu Quetschungen und inneren Blutungen. Ein gestrandeter Pottwal hat zum Beispiel keine Chance, auch wenn man ihn wieder ins Wasser zieht. Bei Delphinen ist die Überlebenschance höher, wenn man es schafft, sie wieder ins Wasser zurück zu bringen.

Wo kommen Strandungen oft vor?

RS: Besonders häufig an den Küsten Australiens und Neuseelands, dort treffen zum Beispiel Magnetfeldlinien auf Küsten. In der Nordsee zum Glück nicht so oft, obwohl  das Meeresgebiet sehr flach ist. Dort stranden vor allem Pottwale. Die Schweinswale der Nord- und Ostsee stranden oftmals bereits tot. Sie haben sich in Fischernetzen verheddert und wurden dann an Land gespült.

Was kann man denn tun, wenn man ein noch lebendes Tier am Strand entdeckt?

RS: Man sollte auf keinen Fall selbst versuchen, die Tiere zurück ins Wasser zu ziehen, sondern sofort eine Naturschutzorganisation anrufen. Als Erste-Hilfe-Maßnahme müssen die Tiere feucht gehalten werden. Die Haut der Wale ist sehr empfindlich und neigt zum Sonnenbrand. Man kann zum Beispiel mit einem Eimer Wasser über das Tier schütten oder ein feuchtes Handtuch auf sie drauflegen. Wenn sie seitlich liegen, ist es wichtig, dafür zu sorgen, dass das Blasloch druch die Wellen nicht unter Wasser kommt.

Wie lassen sich Strandungen generell vermeiden?

RS: Die Lärmbelästigung in den Ozeanen muss abnehmen, das würde schon eine ganze Menge bringen! Wenn die Wale durch die Magnetfeldlinien fehlgeleitet werden, kann man leider nichts machen, außer sie mit Booten davon abhalten, sich dem Strand zu nähern.