12_2018_tauchen
Foto: Christian Kemper

Foto: Christian Kemper

Ein Mann mit Biss – Hai-Kiefer-Restaurator Simon De Marchi

Scharfe Zähne, mächtige Kiefer und viel Fingerspitzengefühl – das alles gehört zum Arbeitsalltag von Simon De Marchi. TAUCHEN-Autor Christian Kemper hat den Restaurator von Hai-Gebissen besucht.

Eines fällt einem sofort auf, wenn man in die Wohnung von Simon De Marchi kommt: Es ist sauber und sehr ordentlich. Der Duft einer Karamellkerze liegt in der Luft, klassische dunkle Holzmöbel stehen im Wohnzimmer und eine riesige abstrakte Malerei füllt die Lounge aus. Es ist ein stilvolles Haus, das zum Verweilen einlädt. Schon möchte man sich mit seinem Longdrink in der Hand in einen der Sessel fallen lassen, da fällt der Blick auf die massiven Kiefer eines Weißen Hais, und man verschüttet bei dem ungewöhnlichen Anblick vor Schreck fast seine Eiswürfel. Da steht dieses riesige Gebiss also und grinst einen an – mit einem „Killer smile“ das Jack Nicholson neidisch machen würde. Es hat einen vollen Satz gezackter Zähne und steht auf einer Küchenbank neben der Kaffeemaschine. Daneben steht der etwas kleinere Kiefer eines Mako-Hais. Er wirkt gleichermaßen bedrohlich, hat aber schlanke, spitze Zähne, die wie Greifzangen nach hinten gerichtet sind.

Es ist ein seltsames Dekorationsobjekt in einem sonst so gemütlichen Haus. Aber Simon De Marchi ist kein Haijäger, wie man vielleicht vermuten könnte, und auch kein Angler, der seine Trophäen ausstellt. De Marchi ist seit über 30 Jahren Restaurator von Hai-Kiefern. Diese beiden aktuellen Kiefer in seinem Wohnzimmer wurden in der hintersten Ecke von jemandes Garage gefunden, der De Marchi den Auftrag erteilte, sie zum Aufhängen wiederherzustellen. „Jeder Kiefer, an dem ich arbeite, ist einzigartig. Egal, welche Größe, Form oder Hai-Art – die Herausforderung ist, ihm wieder seine frühere Form zu verleihen. Ich habe viele Kiefer gesehen, braune, schmutzige und mit fehlenden Zähnen. Die Leute haben sich einfach nicht darum gekümmert, und für mich bedeutet das, dass sie diese großartigen Tiere nicht genügend gewürdigt haben.“

Unterschiedliche Kiefer in der Garage

Foto: C. Kemper. Die Kiefer erhält De Marchi von Fischern, Sammlern, einige sind aber auch einfach Garagenfunde.

Haie sind bereits seit frühester Kindheit seine große Leidenschaft. Die Faszination wächst, als seine Familie nach Australien zieht und er im Alter von 13 Jahren einen toten Hai am Strand findet. „Ich ging am Strand in Sydney spazieren und fand einen kürzlich verendeten Mako-Hai, etwa anderthalb Meter lang. Ich nahm ihn mit nach Hause und zerlegte ihn dort vollständig. Ich hatte die Kiefer dann jahrelang in meinem Zimmer und war begeistert von den Zähnen und stellte mir vor, wie alles funktionierte. Das gereinigte Gebiss sah toll aus und faszinierte meine Mitmenschen. So sprach es sich herum, und schließlich bekam ich auch Hai-Kiefer und Hai-Zähne von anderen Leuten, um sie wiederherzustellen und zu reinigen.“

EIN ANRÜCHIGES GESCHÄFT

Nach dem Betreten seiner Garage in Sydney schließt De Marchi die Rolltür, um „die Aufmerksamkeit der Nachbarn zu vermeiden“ und den fischigen Gestank zu minimieren, der sonst sofort auf Passanten vor dem Haus trifft. „Ich rieche das einfach nicht mehr“, sagt er schulterzuckend. Auf einem dreistöckigen Regal stehen mehr als ein Dutzend Kiefer von Weißen Haien, die dort unter einem Luftbefeuchter getrocknet werden. Der größte Kiefer, an dem er gerade arbeitet, gehörte einem Weißen Hai, der über sechs Meter maß! Ein wahrer Gigant. Daneben gibt es eine Sammlung von Mako-Kiefern, weitere Weißhai- und Tigerhai-Kiefer, sowie andere kleinere Arten – alle mit verschieden geformten Zähnen. Diese Kiefer sind bereits dem Ende eines Prozesses nahe, der Monate dauern kann. „Oft muss ich Zähne ersetzen, weil sie abgebrochen oder gar nicht mehr vorhanden sind. Die richtigen Zähne zu finden und einzusetzen, gleicht einem schwierigen Puzzle“, erklärt De Marchi.

Präperierter Kiefer mit allerlei Werkzeug

Foto: C. Kemper. Die Restauration der Kiefer ist arbeitsintensiv, leistet aber einen wichtigen Beitrag für die Haiforschung.

Doch man wundert sich: Hier sind überhaupt kein Blut, keine Fischreste? „Die Nass-Werkstatt befindet sich in einer anderen Garage im Stadtteil Carlton. Dort werden die frischen Haifischköpfe von der kommerziellen Fischerei angeliefert.“ Es kann Tage dauern, die Haie zu häuten. Anschließend muss De Marchi mühsam mit einem Skalpell die Muskeln vom Knorpel wegschneiden, bevor er mit dem Reinigen und Einweichen der Kiefer beginnen kann. „Der Wiederherstellungsprozess ist eine sehr lange, arbeitsintensive und zuweilen komplizierte Arbeit. Ich verbringe viele Stunden mit meinen Kiefern, da bin ich ein Perfektionist und viel von dieser Zeit berechne ich den Kunden nicht. Im Durchschnitt würde der Kiefer eines großen Weißen Hais mit zerschlagenen Zähnen den Kunden 1500 Australische Dollar kosten. Ich berechne ungefähr 100 Australische Dollar pro Stunde, das schließt die Materialien mit ein.“

Oft sind aufwendige Reparaturen erforderlich, um gebrochenen Knorpel zu reparieren oder fehlende Zähne zu ersetzen. „Die meisten Kiefer kommen aus Museen oder der Fischerei. Ich kaufe auch Kiefer von Leuten, die sie seit einigen Jahren gehabt haben und loswerden wollen“, sagt De Marchi. „Eine Menge meiner Arbeit kommt von Leuten, die in ihren Garagen und auf Dachböden alte Kiefer gefunden haben und sie restauriert haben wollen. Da sie aus Knorpel bestehen, neigen sie dazu, im Laufe der Zeit zu vergammeln. Ich reinige sie und sorge dafür, dass sie wieder fantastisch aussehen.“

Analysen für die Wissenschaft

Hai Zähne Close up

So wie sich die Beute der jeweiligen Haiarten unterscheidet, müssen auch ihre Zähne unterschiedliche Beschaffenheiten aufweisen.

Am Anfang wurde De Marchi oft von Hochseeanglern beauftragt, die die Kiefer „als Trophäen“ nach Wettkämpfen behalten wollten. Da viele Haiarten mittlerweile unter Naturschutz stehen, ist die Zahl der neuen Hai-Kiefer ständig gesunken. Jetzt arbeitet er daher noch enger mit kommerziellen Fischern, Sammlern und Wissenschaftlern zusammen, die Forschung betreiben und DNA extrahieren wollen. De Marchi vermisst auch die Zähne exakt und sendet die Informationen an die Wissenschaftler zur zukünftigen Identifizierung von Bissspuren – zum Beispiel an Surfbrettern, Kajaks oder eben nach Angriffen auf Menschen. War es ein Tigerhai oder ein Weißer Hai, der den Schwimmer angegriffen hat? Wie groß war der Hai? Hat er schon einmal einen Menschen angegriffen? All das sind Fragen, die man mit Hilfe der Zahngröße und Beschaffenheit beantworten kann:
So haben beispielsweise ausgewachsene Weiße Haie große, dreieckige Zähne, die an den Rändern gezackt sind und furchtbare Wunden hinterlassen können. Die Zähne von Tigerhaien sind ebenfalls gezackt, aber dazu sind sie noch gebogen wie Krallen. „Damit können sie selbst Schildkrötenpanzer knacken“, so De Marchi.

„Makohaie haben spitze Zähne ohne Zacken, perfekt zum Aufspießen von Fischen. Meine gesammelten Daten und Analysen tragen zum Verständnis, zur Erforschung und damit in gewisser Weise zur Erhaltung der Haie bei. Das ist besser, als diese schreckliche Furcht zu haben, die wir mit uns herumschleppen, wenn wir ins Meer gehen“, meint er. „Wenn diese Tiere schon sterben mussten, dann sollte so viel Forschung mit meinen Daten betrieben werden können wie möglich. Es gibt Millionen von Haien, die jedes Jahr gefangen werden und leider werden nur ihr Fleisch und ihre Flossen weiterverwertet.“

ERSTE BEGEGNUNGEN

De Marchi sah seinen ersten lebenden Hai im Freiwasser, als er am Great Barrier Reef während der Dreharbeiten eines Doku- mentarfilms tauchte. „Es war 1984 und wir filmten einen Beitrag über Captain James Cook und seine Reisen. Wir filmten Weiß- spitzenriffhaie während einer sogenannten ‚feeding frenzy‘, als plötzlich aus dem Nichts ein rund vier Meter großer Tigerhai auftauchte! Aufgrund des Tumults im Wasser reagierte er sehr aufgeregt und nervös, deshalb beschlossen wir schnell aus dem Wasser zu kommen.“

Im vergangenen Monat reiste er nach Südaustralien, um zum ersten Mal mit Weißen Haien zu tauchen. Er machte einen Käfigtauchgang mit dem berühmten Rodney Fox: „Ich war sehr fasziniert, wie effzient und grazil sich diese großen Haie in ihrer natürlichen Umgebung bewegen. Sie gleiten lautlos durchs Wasser, und häufig weißt du nicht einmal, dass sie da sind. Wir kennen ja oft nur die Bilder von vermeintlichen Killermaschinen. Fotos von aufgerissenen Mäulern voller Blut, aber so sind diese Tiere in Wirklichkeit gar nicht.“

Hai im Freiwasser von unten

Die Raubtiere sind keinesfalls solche Killer-Maschinen wie es Hollywood häufig darstellt.

Diese Erfahrung verstärkte seine Faszination für Haie und bestätigte ihn noch in seiner Arbeit. „Natürlich möchte ich den Hai lieber lebendig und schwimmend sehen, aber meine Philosophie ist, dass ich dem Hai eine gewisse Würde gebe – auch nach seinem Tod. Wenn Kiefer und Zähne wiederhergestellt sind, können die Leute das Gebiss bewundern und von einem so herrlichen Tier träumen.“

„Der gefährlichste Hai ist immer der, den du nicht siehst!“

Simon De Marchi ist nicht nur ein leidenschaftlicher Taucher, sondern auch ein ambitionierter Langstreckenschwimmer. Und sein Training absolviert er – natürlich im Meer. Auf die Frage, ob er Angst vor Angriffen habe, reagiert er gelassen. „Als ein begeisterter Schwimmer hier in Sydney weiß ich genug über die Tiere. Da schwimme ich natürlich nur an Stränden, wo es Hai-Netze gibt. Die Menschen können dort entspannt im Meer schwimmen, da sie völlig geschützt sind. Natürlich springe ich nicht einfach in den Hafen von Sydney, da es dort viele Bullenhaie gibt. Die können einem im trüben Wasser schnell gefährlich werden. Der gefährlichste Hai ist schließlich immer der, den du nicht siehst!“

Fragt man De Marchi nach seinen jüngsten Herausforderungen, muss er nicht lang überlegen. Kürzlich hat er an dem Kiefer eines seltenen Riesenmaul-Hais gearbeitet. Es war ein besonders intensives Projekt, das sein gesamtes Fachwissen erforderte. Sein großer Traum ist es jedoch, einmal den Kiefer eines Walhais zu restaurieren – auch wenn der überhaupt keine Zähne hat.