Titel der TAUCHEN 7/18
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basstoelpel © Foto: H. Glader/NABU. Trauriger Anblick: Ein Basstölpel sammelt ein altes Fischernetz für den Nestbau.

Müllkippe Meer – Ein tödliches Problem, das uns alle betrifft

Plastiktüten, Joghurtbecher, Geisternetze: Die Meere sind voll mit Müll. Der bedroht nicht nur Tiere wie Schildkröten oder Seevögel, sondern das komplette Ökosystem. TAUCHEN-Autorin Corinna Kuhs gibt einen Überblick der Problematik und zeigt auf, was man auch als Einzelperson tun kann.

Leben werde es im Meer immer geben, glaubt der Bremer Meeresbiologe Dr. Lars Gutow, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung. Das klingt erst einmal beruhigend angesichts der Schreckensmeldungen von gigantischen Müllteppichen, die auf den Weltmeeren treiben. Ist es aber nicht, denn Gutow schränkt seine Aussage ein: „Die Frage ist natürlich, welche Form von Leben wir in den Ozeanen haben wollen. Die Lebewesen, an die wir Menschen vor allem als Meeresbewohner denken – Haie, Schildkröten, Schwarmfische, Korallen – werden zunehmend Probleme bekommen durch die Veränderungen der Meere. Andere Tiere wie Quallen und Mikroorganismen scheinen hingegen zu den Gewinnern zu gehören.“

Es gibt Regionen, etwa Teile Indonesiens, da waten Urlauber am Strand durch knöchelhohe Plastikberge. Aber der Müll ist kein Problem der „anderen“, sondern ein weltweites. Laut Umweltbundesamt schwimmen auf einem Quadratkilometer Meeresoberfläche im Durchschnitt 13 000 Plastikmüllpartikel. Deren Abbau dauert, wenn überhaupt möglich, Jahrhunderte.

Grafik: Sabine Timmann

Grafik: Sabine Timmann.

„Wie viel Müll im Meer treibt, ob es 300 oder 400 Millionen Tonnen sind, ist letztlich egal“, sagt Gutow. „Klar ist: Wir haben ein massives Umweltproblem.“ Die Konsequenzen sehen vor allem Taucher immer wieder: Haie, die sich in Geisternetzen verheddert haben und qualvoll verenden. Plastiktüten, die von der Strömung getrieben an Korallen hängen bleiben oder den Meeresboden bedecken und den Organismen die Sauerstoffzufuhr abschneiden. Schildkröten, die Tüten für Quallen und damit für Nahrung halten und fressen, nur um dann mit vollem Magen qualvoll zu verhungern.

Dr. Kim Cornelius Detlo, Leiter Meeresschutz beim Naturschutzbund Deutschland (NABU), berichtet, dass es kaum eine Tiergruppe gebe, die nicht von Mikroplastik, also kleinsten Plastikpartikeln, betroffen ist: Muscheln, Krebse, Fische. „Das ist schon sehr bedrohlich.“ Von Initiativen, die den Mikro-Müll aus dem Meer fischen wollen, hält er dennoch nicht viel: „Dann fangen wir auch lebende Organismen wie Plankton oder Fischlarven ein und erweisen dem Meer am Ende keinen Dienst.“

MÜLL VON VORNHEREIN VERMEIDEN

Der NABU setzt sich seit 2010 für ein „Meer ohne Plastik“ ein und legte in der jüngeren Vergangenheit seinen Schwerpunkt darauf, Müll nicht nur einzusammeln, sondern ihn generell zu vermeiden – etwa, indem küstennahe Kommunen eingebunden werden, bei Festen und in der Strandgastronomie kein Plastikbesteck oder keine Einwegbecher mehr zu verwenden. Auch Taucher können mithelfen; zusammen mit dem VDST sowie dem Deutschen Kanu- und dem Deutschen Segler-Verband bietet der NABU die Plattform www.saubere-meere.de an, auf der Müllsichtungen gemeldet und dokumentiert oder Clean-up-Aktionen angekündigt werden können.

Es hilft zwar, bei jedem Tauchgang den Müll, den man sieht, einzusammeln, langfristig ist es aber sinnvoller, zu verhindern, dass überhaupt nicht erst so viel Müll ins Meer gelangt, sind sich die beiden Wissenschaftler Gutow und Detlo einig. Und da kann jeder Einzelne etwas tun. „Natürlich sind die Hersteller in der Verpflichtung, umweltschonender zu produzieren, etwa keine Microbeads, Kleinstplastik in Kosmetikprodukten zu verwenden“, sagt Gutow. „Aber wir selbst sind die Benutzer dieser Produkte, daher ist der Endverbraucher mindestens genauso in der Verantwortung wie der Hersteller.“ Konkret bedeutet das: Jeder sollte bewusst einkaufen. Muss es wirklich der Coffee-to-go im Einwegbecher sein, oder kann man nicht den eigenen wieder verwendbaren Becher füllen lassen? Ein Longdrink lässt sich auch bestens ohne Strohhalm trinken und die Gurke aus dem Supermarkt muss nicht in Plastikfolie eingeschweißt sein. Per App (zum Beispiel: Codecheck) lässt sich in der Drogerie schnell herausfinden, welche Inhaltsstoffe beispielsweise das Duschgel enthält.

AUF QUALITÄTSPRODUKTE ACHTEN

„Die Menschen sollten vor allem auch bewusst hochqualitative Produkte kaufen, die nicht nach zwei Mal Benutzung kaputt sind. Das betrifft auch Elektrogeräte. Natürlich ist der Akkubohrer für zehn Euro schön günstig. Aber was hat man davon, wenn er schnell seinen Geist aufgibt? So etwas hat in der modernen Welt eigentlich nichts verloren“, ärgert sich Gutow. Kim Cornelius Detlo ergänzt: „Man kann Produkte auch teilen oder tauschen, in einer Hausgemeinschaft braucht doch nicht jeder eine eigene Schlagbohrmaschine oder einen Rasenmäher.“ Denn auch wenn sie derzeit durch einen Verzicht des Handels viel diskutiert wird, sei nicht die Plastiktüte allein für die Vermüllung der Meere verantwortlich, zumindest nicht in Europa. „Aber sie steht als Beispiel für Ressourcenverschwendung“, sagt Detlo.

NUN LIEGT ES AN UNS!

NABU-Mitglieder sammeln Müll am Strand auf.

Foto: NABU/F. Paulin. Gute Aktion: Beach-Clean-ups finden überall statt. Hier auf dem Darß an der Ostsee.

Das Plastikmodell durch die scheinbar umweltfreundlichere Papierversion zu ersetzen, sei jedoch meist keine Lösung: „Die Ökobilanz einer Papiertüte muss nicht besser sein, als die einer Plastiktüte. Man benutzt zwar kein Erdöl bei der Herstellung, dafür aber Unmengen an Wasser und Holz.“

Doch nicht nur beim Einkaufen kann jeder auf den Meeresschutz achten, sagt Detlo. Er fordert Taucher auf, auch bei ihren Urlaubsbuchungen Umweltaspekte einzubeziehen: Bietet das Safariboot zum Beispiel Wasserspender statt Einwegflaschen an? Gibt das Ressort seinen Gästen das Lunch-Paket in der wiederverwendbaren Box statt in der Plastiktüte mit? „Taucher und andere Urlauber können viel erreichen. Es ist wichtig, dass so etwas eingefordert wird“, sagt Detlo.

MÜLL-ABGABE FÜR TOURISTEN

Auf Reisen gilt: Den Müll, den man ins Land bringt, nimmt man auch wieder mit nach Hause. Es ist zwar einfacher, die leere Shampooflasche auf den Malediven zu lassen – aber leider auch umweltbelastender. „Wenn wir etwas in andere Länder tragen, das dort nicht hergestellt wurde, haben die Menschen vor Ort nur bedingte Möglichkeiten, ihr Verwertungssystem darauf anzupassen. Heißt: Wir pumpen in diese Länder Müll hinein, mit dem sie nichts anfangen können.“ Eine Verpflichtung für Touristen, ihren Müll wieder mitzunehmen, oder eine Müll-Abgabe hält Gutow für sinnvoll: „Natürlich sind das dann Kosten für uns. Aber wir haben das schließlich auch verursacht.“

MÜLLVERMEIDUNG LEICHT GEMACHT:

Mehrere Millionen Tonnen illegalen Mülls landen jedes Jahr auf deutschen Straßen, in den Wäldern oder Meeren. Um das Verhalten der Menschen zu ändern, wurden Bußgelder für die illegale Abfallentsorgung eingeführt. Mit diesen Tipps kann jeder etwas gegen das steigende Müllaufkommen tun:

  • Plastiktüten vermeiden
    Plastik ist ein Stoff, der nur sehr schwer von der Umwelt abgebaut werden kann. Dabei zersetzt er sich in immer kleinere Teilchen, welche dann Substanzen wie beispielsweise Weichmacher freisetzen. Um dies zu vermeiden, können Verbrau- cher zu jedem Einkauf eine Einkaufstasche mitnehmen, anstatt eine neue Tüte zu kaufen. Dafür emp ehlt sich ein Beutel aus Stoff oder ein stabiler Einkaufskorb.
  • Mehrweg einkaufen
    Mehrweg bedeutet, dass diese Flaschen noch bis zu 50-mal befüllt werden können. Um überflüssigen Müll zu vermeiden, sollte man auf die Mehrweg-Kennzeichnung achten. Noch besser: Wasser aus der Leitung trinken!
  • Aufladbare Batterien nutzen
    Diese Batterien nennt man Akkus und sie können mehrmals aufgeladen werden. Damit sparen Sie viele Batterien ein.
  • Papierverbrauch einschränken
    In der heutigen Zeit sind die Papierpreise sehr niedrig. Trotzdem sollten Sie darüber nachdenken, ob eine E-Mail ausgedruckt werden muss. Kleiner Tipp: Ein Blatt Papier kann beidseitig bedruckt werden.
  • Lebensmittel besser einteilen
    Häufig landen ungeöffnete Lebensmittel in den Mülltonen. Dabei werden nicht nur die Lebensmittel an sich entsorgt, auch die für die Produktion nötigen Ressourcen werden vergeudet! Um dies zu vermeiden lohnt es sich, eine individuelle Einkaufsliste zu schreiben. Weiterführend kann man sich auch bei einer Online-Plattform für Foodsharing anmelden! Hier werden Lebensmittel geldfrei geteilt und somit gerettet. Das spart nicht nur Ressourcen, sondern auch bares Geld. Mehr Infos gibts hier: foodsharing.de
  • Brotdosen statt Alufolie verwenden
    Eine Brotdose kann wiederverwendet werden, was bei der Alufolie in der Regel nicht der Fall ist. Außerdem benötigen Fabriken, welche Alufolie herstellen, sehr viel Energie.

SPANNENDE PROJEKTE GEGEN DIE MEERESVERSCHMUTZUNG

THE OCEAN CLEANUP

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Foto: The Ocean Cleanup

Der 22-jährige Niederländer Boyan Slat sorgte mit seiner Idee, die Meere im großen Stil mit einer Art Filter von Müll zu befreien, für Aufruhr. Er stellte das Projekt „The Ocean Cleanup“ 2012 vor und sammelte per Crowdfunding mehr als zwei Millionen US- Dollar. Die ersten Tests sind nun abgeschlossen abgeschlossen und diesen Sommer soll das erste offizielle Clean-up-System ins Wasser gelassen werden!

 

SEABIN PROJECT

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Foto: Seabin Project

Die Idee, schwimmende Mülleimer ins Meer zu bringen, hatten die Australier Andrew Turton und Pete Ceglinski. Das Konzept: Der Behälter wird auf der Wasseroberfläche platziert und an eine Wasserpumpe angeschlossen. Mit dem angesogenen Wasser schwimmen auch Müll und an der Oberfläche treibende Flüssigkeiten wie Öl in die Tonne. Das Ganze wurde nicht für die offene See, sondern für geschütztere Bereiche wie Häfen oder Seen entwickelt.

Hier geht’s zum Produkt: www.seabinproject.com

DIE SEEKUH

Symbolbild der Seekuh (Schiff)

Bild: oneearth-oneocean

Der in Garching bei München beheimatete Verein „One earth – one ocean“ hat einen „Seekuh“ genannten Katamaran entwickelt, der pro Trip bis zu drei Tonnen Plastik aus dem Wasser fischen kann. Das Konzept: Zwischen den beiden katamarantypischen zwölf Meter langen Rümpfen werden Netze gespannt. Diese Fangnetze sollen bei jeder Fahrt das Plastik aus dem Meer entfernen. Da der Katamaran extrem langsam unterwegs ist, sollen Fische rechtzeitig ausweichen können.

Mehr erfahren unter: oneearth-oneocean.com

FISHING FOR LITTER

Foto: Andrea Hentschel

Foto: Andrea Hentschel

Einen weniger technischen Ansatz verfolgt die im Jahr 2000 in den Niederlanden entwickelte Initiative „Fishing for Litter“. Das Konzept: Teilnehmende Fischer werden mit großen Säcken ausgestattet, in denen die Fischer Abfall sammeln, der sich in den Netzen verfangen hat. Die gefüllten Beutel werden in Häfen abgegeben, wo der Inhalt dann entsorgt wird. Inzwischen gibt es das Projekt europaweit. Ende 2015 waren es nach Angaben des NABU bereits 120 Fischer. „Den Müll nur rauszusuchen, löst das Problem nicht. Man muss Vermeidungsstrategien entwickeln“, sagt Kim Cornelius Detloff, Leiter Meeresschutz beim NABU.

Neugierig geworden? www.fishingforlitter.org

Linkliste

Nahrungsmittelverschwendung entgegenwirken: foodsharing.de

Naturschutzbund Deutschland: nabu.de

Plattform für Müllsichtungen und Clean ups: www.saubere-meere.de

App zum Feststellen von Mikroplastik: Codecheck

NABU-Projekt: „Meer ohne Plastik“

Fishing for litter: www.fishingforlitter.org

One earth – one ocean: oneearth-oneocean.com

Seabin Project: www.seabinproject.com

The Ocean Cleanup: www.theoceancleanup.com

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  1. Mario

    Wie oben beschrieben, „nur Müll raussammeln“ ist keine Lösung; wenn aber ein jeder Taucher bei jedem TG weltweit -wenn denn möglich- sich treibende Tüten etc. in die Taschen oder gar Sammelnetz stopft und an Land ordentlich entsorgt, dann könne vielleicht doch ein positiver Effekt entstehen….
    Zuletzt auf den Philippinen (Negros/Cebu) war das Plastik-(Müllproblem) unübersehbar; während mein Guide und ich uns jedes mal die Taschen mit Plastikmüll und Angelschnüren vollstopften -und dabei trotzdem noch den TG genießen konnten- schauten andere Tauchtouris nur unverständig…auch Gespräche brachten nichts…sehr bedauerlich.


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