Selbst in eiskalten Bergseen macht das Tauchen im Trockentauchanzug richtig Spaß (Foto: W. Pölzer).

Selbst in eiskalten Bergseen macht das Tauchen im Trockentauchanzug richtig Spaß (Foto: W. Pölzer).

Die Vorteile eines Trockentauchanzuges

Kälte ist das größte Problem beim Tauchen in heimischen Gewässern. Ein Trockentauchanzug ist die beste Lösung dagegen. Wir zeigen, worauf 
Sie beim Tauchen im Trockentauchanzug achten sollten.

Warum hält ein Trockentauchanzug, kurz Trocki genannt, eigentlich warm?
 Ein Trocki hält dadurch warm, dass er trocken hält. Das ist aber nur die halbe Antwort, denn auch an Land können wir frieren, wenn wir zu dünn angezogen sind. Schon meine Oma hat das richtig erkannt, wenn sie an kalten Tagen sagte: „Kind, zieh dir was Dickeres an!“ Und der Tauchsporthändler meines Vertrauens erklärte mir, dass Wassertemperatur und Tätigkeit nicht bei jedem Tauchgang gleich sind. Warum sollte das nicht auch für die Wärmeisolierung gelten? Da hilft das Schichtensystem. Das ist mal dicker oder dünner. Je nach Bedarf. 


Unterzieher mit Außenhaut (links) wärmen auch zwischen den Tauchgängen. Solche aus Fleece (rechts) tragen aber etwas weniger auf.

Das Schichtensystem


Grundgedanke dieses Mehrschichtensystems ist, den Körper unter wechselnden Bedingungen trocken und warm zu halten und dabei trotzdem ein Höchstmaß an Beweglichkeit zu erhalten. „Trocken“ bezieht sich dabei weniger auf die Feuchtigkeit von außen als auf diejenige, die durch das Schwitzen entsteht. Das ist sehr wichtig, weil Schweiß auf der Haut Verdunstungskälte erzeugt, die das Wohlbefinden enorm beeinträchtigen kann. 


Dieses System besteht aus drei Schichten mit jeweils unterschiedlicher Funktion, wobei durchaus mehrere Kleidungsstücke zu einer Schicht und ein Bekleidungsstück zu mehreren Schichten gehören können. 
Ein Beispiel für letzteres: Eine dicke Winterjacke mit wasserdichter Außenhaut würde die zweite und dritte Schicht bilden. Das Äquivalent beim Tauchen wäre ein dicker Neoprentrocki, bei dem nur noch Sportunterwäsche als Unterzieher nötig ist.
Die erste Schicht, auch Mikroklimaschicht genannt, wird unmittelbar auf der Haut getragen. Wer jetzt vermutet, dass es sich um Sportunterwäsche handelt, der liegt richtig!
Ihre Hauptfunktion liegt darin, Feuchtigkeit von der Haut wegzuleiten. Das vermeidet den Wärmeverlust durch Verdunstungskälte. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss sie einmal den dampfförmigen Schweiß ungehindert passieren lassen und zusätzlich den bereits kondensierten, also flüssigen Schweiß, von der Haut wegführen. Diese erste Schicht besteht heute fast immer aus Kunstfaser oder Merinowolle. Baumwolle ist ungeeignet, da deren Fasern aufquellen und die Feuchtigkeit hautnah halten. Das führt zu Verdunstungskälte und Frieren. Außerdem wärmen Synthetik und Wolle im feuchten Zustand besser als Baumwolle. Synthetik ist zudem pflegeleichter. 
Die Hauptaufgabe der zweiten Schicht ist die Wärmisolierung. Neben Thinsulate haben sich vor allem fleeceartige Materialien durchgesetzt. Hier sind vor allem hoch elastische Gewebe beliebt, wie etwa Powerstretch von Polartec. Durch die dünnen Fasern, aus denen diese Materialien bestehen, können sie bei vergleichsweise geringem Volumen und Gewicht viel Luft speichern. Und es ist die Luft, die isoliert. Die Isolierfähigkeit des Grundmaterials (zum Beispiel Polyester) ist nämlich von untergeordneter Bedeutung. Entscheidend für die wärmedämmenden Eigenschaften des fertigen Materials (zum Beispiel Fleece) ist dessen Luftspeichervermögen. Das bei der Herstellung dieser Gewebe verwendete Garn ist wasserabstoßend, sodass das Endprodukt nur sehr wenig Wasser aufnehmen kann. Dadurch hat es in feuchter Umgebung noch sehr gute wärmeisolierende Eigenschaften hat. Je weniger Feuchtigkeit ein Gewebe aufnimmt, desto mehr isolierende Luft kann darin gebunden bleiben. 
Die dritte Schicht, in der Outdoor-Anwendung die Goretex-Jacke, ist der Trockentauchanzug. Meistens nicht atmungsaktiv, aber es gibt auch Trockis aus Goretex oder anderen Membranen. Solche Modelle sind vorwiegend für den militärischen Bereich, aber auch für Forschungstaucher und Tauchlehrer gedacht. Grund: Diese Taucher verbringen auch außerhalb des Wassers noch viele Stunden im Trockentauchanzug. Dann wird die Atmungsaktivität des Anzug als äußerst angenehm erlebt.



TAUCHEN-TIPP

Ist das Auslassventil an der höchsten Stelle des Anzugs, strömt die Luft rasch ab. (Foto: W. Pölzer)

Das Auslassventil sollte immer offen bleiben, damit bei einem ungewollten Aufstieg rasch Luft abgegeben wird. Wer dann noch bei den ersten Problemen kräftig ausatmet, kann den Aufstieg meist sofort stoppen.


Welches ist der beste Trockentauchanzug?


Den besten Trocki gibt’s nicht. Es gibt objektive Vor- und Nachteile, aber die Gewichtung dieser Faktoren ist ganz individuell. Dahinter steckt mindestens so viel Ideologie wie bei einem Autokauf. 


Der beste Anzug ist der, der am besten passt! Allen anderen Faktoren, wie Materialstärke oder Material, können Sie ausgleichen. Eine schlechte Passform aber führt zu Luftverschiebungen im Anzug oder – bei zu langen Beinlingen – sogar zum Verlust der Flossen und einem Aufstieg mit den Füßen voran. Zu große Füßlinge verschlechtern zudem die Kraftübertragung auf die Flosse erheblich! Teilmaß- oder Maßanfertigung können da ihr Geld wert sein. 



Achtung: Haare zwischen Haut und Manschette sorgen für Minileckagen! (Foto: Wolfang Pölzer)

Warum überhaupt trocken Tauchen?


Darüber, dass Kälte neben ihrer physischen Wirkung auch in psychischer Hinsicht ein ganz wesentlicher Stressfaktor ist, besteht in der Literatur weitgehende Einigung. Grundsätzlich sollte also jeder Taucher den Kälteeinfluss so weit wie möglich reduzieren. Das wirksamste Mittel hierzu – sieht man von bestimmten Ausrüstungsteilen aus dem Profibereich, wie Heißwasseranzügen, ab – ist ein Trockentauchanzug in Verbindung mit dem richtigen Unterzieher. Beim technischen Tauchen geht es nicht ohne Trocki. Zum einen aufgrund der langen Tauchzeiten und zum anderen, weil der Anzug ein zusätzliches Auftriebsmittel im Notfall darstellt.


Aber auch für Sporttaucher mit Ambitionen kann sich die Anschaffung durchaus lohnen, einmal, um die Tauchsaison ganzjährig zu verlängern, aber auch, wenn die Grenzen des Sporttauchens mit Ausbildungen im Extended-Range-Bereich erweitert werden.
Wer mit Anzugheizung taucht, wird trocken ebenfalls glücklicher werden, weil die Heizungen, die mit einem großen, externen Akku betrieben werden können, derzeit nur für Trockis erhältlich sind (zum Beispiel „X-Heat“ von www.scubaforce.eu). Die Thermalution-Heizung (www.tec-diving.org), die auch für den Einsatz mit Nasstauchanzügen geeignet ist, kann nur mit den mitgelieferten kleinen Akkus verwendet werden, ist also von der Heizdauer her eingeschränkt.



Vor dem Einstieg den Sitz des Inflatorschlauchs testen. (Foto: Wolfang Pölzer)

Der Konstantvolumen-Anzug 


Das ist nicht etwa ein verquerer Kosename, sondern bedeutet, dass sich im Trockentauchanzug ein konstantes Gas-Volumen befindet. Vor allem bei tiefen Tauchgängen kommt das zum Tragen. Während ein Nasstauchanzug mit zunehmender Tiefe durch die Materialkompression an Isolierwirkung verliert, bleibt diese bei einem Trocki erhalten. Das liegt daran, dass der eigentliche Isolierbereich, also der Unterzieher, seine Isolierwirkung behält, weil eben das Luft-Volumen im Anzug konstant bleibt. Das wird dadurch erreicht, dass über ein Einlassventil Luft in den Anzug gegeben wird, um das verringerte Luftvolumen im Anzug auszugleichen, dass durch den zunehmenden Druck in der Tiefe entsteht. Macht man das nicht, sieht man schnell wie ein vakuumverpacktes Steak aus, nur nicht so lecker.


Wer mit den Füßen voran abtaucht, vermeidet unerwünschte Luftverlagerungen. (Foto: Wolfgang Pölzer)

Abstandsgewirke 
gegen Kompression


Druckunterschiede sind aber auch bei Trockis ein Problem. In normaler Schwimmlage ist an der Unterseite des Anzugs, also im Brustbereich und an der Vorderseite der Beine, der Druck etwas höher als im Rückenbereich. Dort sammelt sich die Luft, während der Unterdruck an der Unterseite die Isolierung zusammendrückt. Hier wird es dadurch etwas kälter. Fourth Element verwendet darum im „Halo 3D“-Unterzieher (www.fourthelement.com) ein Abstandsgewirk, das sich nicht zusammendrücken lässt und zudem eine Luftzirkulation ermöglicht. Der schwedische Hersteller Waterproof (www.waterproof.de) hat sogar einen Teil seiner Anzüge mit einem ähnlichen Material ausgestattet, das er als „3D Netzgewebe“ bezeichnet, ein „Gewebe aus zwei Lagen, die mit Nylonfedern in geringem Abstand voneinander gehalten werden.“ Neu ist die Idee aber nicht. Schon in den 90er-Jahren bot Jürgen Pastorino über Beluga einen Anzug aus Abstandsgewirk an. Durchgesetzt hat er sich nicht, möglicherweise, weil er recht dünn war. Und Isolierung ist ja, wie wir weiter oben schon gesehen haben, abhängig von der Dicke des Materials und der darin eingeschlossenen Luft.


Hierbei handelt es sich um ein Pinkelventil, das in den Anzug eingebaut wird. Der Schlauch wird mit einem Urinalkondom verbunden.

Pinkelpause mit „P-Valve“


Viel zu trinken und beim Tauchen einem Trocki eine Unterkühlung zu vermeiden gilt als Mittel gegen ein erhöhtes Risiko einer Dekompressionserkrankung (DCS). Ein Problem aber stellt die Frage dar: Was machen, wenn man pinkeln muss? Anders als im Nasstauchanzug kann man aus naheliegenden Gründen im Notfall den Dingen nicht freien Lauf lassen. Gerade Trockentaucher trinken darum oft zu wenig vor dem Tauchen. Eine wenig beliebte Option sind Windeln („Tena Parts Super“, Aufnahmefähigkeit circa 1–1,5 Liter). Weite Verbreitung haben hingegen sogenannte „P-Valves“, auf Deutsch Pinkelventile, gefunden. Sie werden mit Urinalkondomen verwendet, wie man sie aus dem Pflegebereich kennt. Für Frauen gibt es spezielle Einsätze wie das „She-P“ (www.she-p.com). Kondome oder ein „She-P“ werden mit einem Schlauch verbunden, der in einem Ventil endet, das im Bereich des Oberschenkels angebracht ist und eine Entleerung in das Umgebungswasser ermöglicht. „P-Valves“ gibt es zum Beispiel von ScubaForce (www.scubaforce.eu).
Der Einbau eines solchen Ventiles erfordert einige Fachkunde, da dazu ein Loch in den Anzug gestanzt werden muss. Bei langen Tauchgängen von zwei und mehr Stunden sind sie unverzichtbar. Bei kurzen Tauchgängen können sie durchaus Sinn machen. 




TAUCHEN-TIPPS

1. Das Wichtigste bei einem Trocki ist die Passform. Vor allem die Beine des Anzugs dürfen nicht zu lang sein, damit man in Überkopflage nicht aus den Füßlingen herausrutschen kann. Dann wäre man nämlich weitgehend hilflos.

2. Ein warmer Tipp aus dem technischen Tauchen: Argon statt Luft als Anzuggas. Dieses Inertgas mit hoher Dichte isoliert besser als Luft. 


Die letzten Millimeter des Trockenreißverschlusses gehen etwas schwer, also lieber doppelt checken. (Foto: Wolfgang Pölzer)

Ist ein Leck im Anzug tödlich?


Zum Schluss noch ein Myth Buster: Vor einigen Jahren sagte mir ein habilitierter Naturwissenschaftler, er habe kein Problem mit dem Solotauchen, nur im Kaltwasser sei das nichts, denn wenn ein Trocki ein Leck bekäme, könnte man ohne Tauchpartner gar nicht mehr aufsteigen, weil das Wasser im Anzug einen in die Tiefe ziehen würde. An Land stimmt das. Mit viel Wasser im Anzug fällt der Ausstieg schwer, weil das Wasser für dicke, schwere Beine sorgt. Klimmzüge macht danach keiner mehr.


Aber im Wasser? Da wird es allenfalls kalt, denn das Wasser im Anzug wiegt nicht mehr als das in der Umgebung. Ich habe das einige Male ausprobiert. Man verliert den Auftrieb, den die Luft bietet, die aus dem Leck entweicht. Das sind maximal vier Liter also vier Kilo. Zudem ist es auch nicht so leicht, einen Trockentauchanzug vollständig zu fluten. Bei einem Versuch im Schwimmbad mit einem „CF 200 X“ von DUI musste ich trotz vollständig geöffnetem Reißverschluss das Material des Anzugs mehrfach mit den Händen vom Körper wegziehen, um den Anzug weiter zu füllen. Das Material in der unmittelbaren Umgebung des „Lecks“ saugte sich durch den Unterdruck am Körper fest und verhinderte ein weiteres Eindringen von Wasser. 
Den größten Auftriebsverlust hat in den 70er-Jahren der Offshoretaucher und Journalist Steve Barsky mit sieben Kilogramm gemessen. Dabei wurde ein altertümlicher „Wooly Bear“ verwendet. Mit dem moderneren Thinsulate-Unterzieher wurden maximal ein Auftriebsverlust von vier Kilo festgestellt.
Je dichter die Fasern des Unterziehers verarbeitet sind – optimal sind hier Thinsulate und Powerstretch – desto weniger Luft kann das eindringende Wasser verdrängen. Das Gewebe bildet dann winzige Luftkammern, in die kein Wassermolekül eindringen kann. Das wirkt sich nicht nur auf den Auftriebsverlust, sondern auch auf die Wärmeisolierung aus. Mit einem „Arctic“ aus Powerstretch von Fourth Element hatte ich in Hemmoor bei einem Kreislaufgerätetauchgang von etwa zwei Stunden gleich von Beginn an einen kleinen Wassereinbruch an der Halsmanschette eines Trilaminatanzugs. Am Ende befanden sich gut drei Liter Wasser im Anzug und der Unterzieher war komplett nass. Trotz einer Wassertemperatur, die je nach Tiefe zwischen 8 und 18 Grad Celsius lag, war mir nie kalt. 



Eine wichtige Übung: Abkoppeln des Inflatorschlauchs bei vereistem oder verklemmtem Einlassventil. (Foto: Wolfgang Pölzer)

Ist ein Specialty unbedingt notwendig?


Nein, aber die Lernkurve ist in einem Kurs steiler als beim Training in Eigenregie. Zudem vermeidet man Fehler, die einem den Tag vermiesen können. Hier sind die 130 bis 160 Euro für den Kurs gut angelegt.


Wichtig ist vor allem die Praxis, etwa Abstieg mit Druckausgleich im Anzug. Infos über das Einlassventil sowie den Aufstieg mit kontrollierter Luftabgabe über das Auslassventil. Unverzichtbar ist die Notfallübung bei der man lernt, wie man sich bei einem ungewollten Aufstieg in der Überkopflage verhält, auch wenn das durch Knöchelbebänderung oder Rockboots (Schuh für Trockentauchanzüge) selten vorkommt. Man lernt, wie man sich austrimmt und perfekt tariert. Wenn man sparen möchte, sollte man die ersten Tauchgänge im Schwimmbad machen.

Texte von Walter Comper

Trockentauch-Specialtys gibt es bei allen Ausbildungsorganisationen, unter anderem bei