Bei einer Mission zur Bergung von Geisternetzen in der Straße von Sizilien filmten technische Taucher einen ausgewachsenen Weißen Hai in freier Wildbahn. Solche Aufnahmen gelten im Mittelmeer als äußerst selten. Nach Angaben der beteiligten Organisationen könnte es sich um die erste dokumentierte Begegnung dieser Art während eines regulären Tauchgangs handeln.
Die drei Ghost-Diving-Taucher Derk Remmers, Hens van Oeveren und Ben Ortwijn befanden sich auf rund 40 Metern Tiefe über einem Wrack in der Straße von Sizilien. Eigentlich sollte der Tauchgang Vorbereitungen für die späteren Geisternetz-Bergungen treffen. Plötzlich tauchte aus dem Blau ein ausgewachsener Weißer Hai auf. Rund 20 Sekunden lang blieb das Tier in Sichtweite der Taucher, bevor es wieder verschwand.
»Ich habe gelesen, die Chance, einem Weißen Hai zufällig in freier Wildbahn zu begegnen, ist 30 mal geringer als vom Blitz getroffen zu werden«, sagt Derk Remmers. »Wir waren auf etwa 40 Metern Tiefe und mich hat im ersten Moment völlig gestresst, dass meine Kamera noch aus war und das Lenscover noch auf dem Domeport saß.«
Die Sichtung ereignete sich während einer gemeinsamen Mission von Healthy Seas, Ghost Diving und der Society for Documentation of Submerged Sites (SDSS). Ziel der Expedition war die Bergung alter Fischernetze an einem Wrack zwischen Sizilien und Tunesien. Die sogenannten Geisternetze gefährden Meeresschildkröten, Fische und andere Meeresbewohner. Während eines Vorbereitungstauchgangs gelang den Tauchern die außergewöhnliche Begegnung mit dem Weißen Hai.
»Im ersten Moment war da natürlich die Angst: Was passiert als Nächstes?«, erinnert sich Hens van Oeveren. »Der Hai hat mich angesehen und ich hatte alles vergessen – welche Position man einnehmen soll und was man eigentlich machen muss. Der Hai war vielleicht 20 Sekunden da und dann war er wieder weg.«
Remmers schätzt, dass sich das Tier bis auf zwei bis drei Meter näherte. Trotz der außergewöhnlichen Begegnung setzten die Taucher ihre eigentliche Aufgabe anschließend fort. »Im Wesentlichen wollten wir bei diesem Tauchgang Dinge für die späteren Arbeiten vorbereiten«, sagt Remmers.
Van Oeveren erinnert sich daran, wie schnell die Gruppe wieder in den Arbeitsmodus wechselte: »Wir sind runtergekommen, um die Netze zu bergen. Durch eine Stunde Grundzeit war die Chance wieder auf den Hai zu treffen geringer – auch ein Grund weswegen wir unseren Plan weiter getaucht sind.«
Alle drei Taucher verwendeten Kreislauftauchgeräte. Ob die nahezu geräuschlosen Systeme eine Rolle spielten, lässt sich nicht beantworten. Die Vermutung liegt jedoch nahe. Auf die Frage, ob die Begegnung mit offenen Systemen womöglich unwahrscheinlicher gewesen wäre, sagt Remmers: »Das denken wir auch, haben aber keine Gegenprobe.«
Seltene Begegnung im Mittelmeer
Weiße Haie (Carcharodon carcharias) zählen zu den seltensten Großfischen des Mittelmeers. Wissenschaftler stufen die Mittelmeerpopulation als stark gefährdet ein. Sichtungen lebender Tiere sind selten, viele Nachweise stammen von Beifängen der Fischerei oder tot aufgefundenen Exemplaren. Selbst Forschungsprojekte, die gezielt nach Weißen Haien suchen, dokumentieren nur vereinzelt Begegnungen.
Nach Angaben der beteiligten Organisationen könnte es sich bei den Aufnahmen um die erste dokumentierte Unterwasserbegegnung mit einem frei schwimmenden ausgewachsenen Weißen Hai im Mittelmeer handeln.
Diese Aussage lässt sich nicht unabhängig verifizieren. Unstrittig ist jedoch, dass Filmaufnahmen lebender Weißer Haie aus dem Mittelmeer äußerst selten sind. Die meisten bekannten Bilder und Videos entstehen von Booten aus oder im Zusammenhang mit Fischereiaktivitäten. Noch seltener sind Unterwasseraufnahmen freischwimmender Tiere.
Besonders bemerkenswert ist zudem der Kontext der Begegnung. Der Hai erschien während eines regulären Tauchgangs zur Bergung von Geisternetzen. Die Taucher suchten nicht gezielt nach Haien und setzten weder Köder noch andere Lockmittel ein.
Wie selten Begegnungen mit Weißen Haien im Mittelmeer sind, zeigt ein Vergleich mit einer BBC-Produktion. Nach unseren Recherchen hatte ein Filmteam im Vorjahr an einer ähnlichen Stelle versucht, Weiße Haie zu dokumentieren. Trotz gezielter Suche und Anlockversuchen gelang damals keine Aufnahme. Umso überraschender war die Sichtung während eines regulären Tauchgangs im Rahmen der Geisternetz-Mission.
Geisternetze als Gefahr für die Artenvielfalt
Im Mittelpunkt der Expedition stand die Bergung sogenannter Geisternetze. Dabei handelt es sich um verlorene oder aufgegebene Fischernetze, die über Jahre hinweg Meerestiere fangen und töten können.
Bereits bei früheren Untersuchungen des Wracks hatten die Projektpartner dokumentiert, dass sich Meeresschildkröten und größere Fischarten in den Netzen verfingen. Während der aktuellen Mission entfernten die Taucher weitere Netzteile vom Wrack und dem umliegenden Meeresboden.
Die Straße von Sizilien gilt als wichtiger Biodiversitäts-Hotspot des Mittelmeers. Gleichzeitig zählt die Region zu den am stärksten befischten Gebieten Europas. Wracks fungieren dort häufig als künstliche Riffe und bieten zahlreichen Arten Schutz und Lebensraum. Geisternetze können diese Lebensräume jedoch in tödliche Fallen verwandeln.
Wissenschaftliche Untersuchungen begleiten die Mission
Neben den Bergungsarbeiten führten die Beteiligten auch wissenschaftliche Untersuchungen durch. Dazu gehörten Umwelt-DNA-Proben (eDNA) sowie Maßnahmen zur Dokumentation der Artenvielfalt rund um das Wrack.
An dem Projekt waren unter anderem Wissenschaftler der Universität Palermo sowie der Stazione Zoologica Anton Dohrn beteiligt. Die während der Expedition gesammelten Daten sollen in den kommenden Monaten ausgewertet werden.
Die Mission wurde von Healthy Seas organisiert und gemeinsam mit Ghost Diving und SDSS durchgeführt.
FAQ – Haie im Mittelmeer
Was macht die Sichtung des Weißen Hais so besonders?
Weiße Haie gelten im Mittelmeer als äußerst selten. Nach Angaben der beteiligten Organisationen könnte es sich um die erste dokumentierte Unterwasserbegegnung mit einem frei schwimmenden ausgewachsenen Weißen Hai während eines regulären Tauchgangs handeln.
Wo wurde der Weiße Hai gefilmt?
Die Begegnung ereignete sich in der Straße von Sizilien zwischen Sizilien und Tunesien. Das Gebiet gilt als wichtiger Biodiversitäts-Hotspot im Mittelmeer.
Wer hat die Aufnahmen gemacht?
Die Fotos und Videos stammen vom deutschen technischen Taucher Derk Remmers von Ghost Diving. Er dokumentierte den Hai während einer Mission zur Bergung von Geisternetzen.
Wurde der Hai künstlich angelockt?
Nein. Nach Angaben der Projektpartner tauchte das Tier während eines regulären Tauchgangs auf. Die Taucher suchten nicht gezielt nach Haien und verwendeten keine Köder oder Lockmittel.
Warum wurden die Taucher an dem Wrack eingesetzt?
Die Mission diente der Bergung sogenannter Geisternetze. Diese verlorenen oder aufgegebenen Fischernetze können Meeresschildkröten, Fische und andere Meeresbewohner über Jahre hinweg gefährden.
Wie selten sind Weiße Haie im Mittelmeer?
Die Mittelmeerpopulation des Weißen Hais gilt als stark gefährdet. Sichtungen lebender Tiere sind selten, viele wissenschaftliche Nachweise stammen von Beifängen der Fischerei oder tot aufgefundenen Exemplaren.