73 Haisichtungen in nur zwei Tagen – die Meldung aus Sydney klingt zunächst nach einer alarmierend hohen Zahl. Tatsächlich sprechen Experten jedoch nicht von einer Zunahme der Haie, sondern von einem Erfolg moderner Drohnentechnik. Die neuen Daten könnten künftig nicht nur Badegäste besser schützen, sondern auch helfen, das Verhalten der Tiere besser zu verstehen.
Die Schlagzeile:
Sydney meldet 73 Haisichtungen in zwei Tagen
Die Zahl wirkt auf den ersten Blick alarmierend hoch. Tatsächlich sprechen die Verantwortlichen und Wissenschaftler jedoch von einem Erfolg moderner Überwachungstechnik – nicht von einer plötzlichen Zunahme der Haipopulation.
Auslöser ist ein neues Drohnenprogramm von Surf Life Saving New South Wales, das seit Anfang Juli die Strände der australischen Millionenmetropole nahezu lückenlos überwacht. Sämtliche Angaben und Zitate dieses Beitrags stammen aus einer Meldung der Nachrichtenagentur Agence France-Presse (AFP).
Neue Technik liefert ein neues Bild
An den ersten beiden Einsatztagen registrierten die Drohnen insgesamt 73 Sichtungen von Weißen Haien, Tigerhaien und Bullenhaien – den drei Arten, die in Australien als potenziell gefährlich für Menschen gelten. Diese drei Haiarten sind die Zielarten der Drohnenaufklärung.
67 dieser Sichtungen entfielen auf die nördlichen Strände Sydneys. Gleichzeitig weisen die Rettungskräfte ausdrücklich darauf hin, dass einzelne Tiere mehrfach gezählt worden sein können, wenn sie entlang der Küste unterwegs waren. Die Zahl beschreibt daher registrierte Sichtungen, nicht zwangsläufig 73 verschiedene Haie.
An einem Strand – South Narrabeen – entdeckten die Drohnen zudem eine Gruppe von 13 Haien. »Die Drohnen entdecken jetzt einfach mehr,« sagt Donna Wishart von Surf Life Saving NSW. Sie überrascht das Ergebnis kaum. »Wenn so viele Drohnen den ganzen Tag unterwegs sind, entdecken sie natürlich alles«, sagte sie gegenüber AFP.
Die Aussage bringt den entscheidenden Punkt auf den Punkt: Die Wahrscheinlichkeit einer Sichtung steigt mit der Intensität der Überwachung. Moderne Technik verändert damit vor allem den Blick auf das Meer – nicht zwangsläufig das Verhalten seiner Bewohner.
Surfschulen spüren die Folgen
Die häufigeren Sichtungen bleiben dennoch nicht ohne Konsequenzen. Sobald ein potenziell gefährlicher Hai in Strandnähe entdeckt wird, räumen die Rettungskräfte vorsorglich den Strand und sperren den Bereich zeitweise für alle Wassersportler.
Für Surfschulen bedeutet das immer häufiger Unterrichtsabbrüche und organisatorischen Aufwand.
Dan O’Connell, Betreiber der Dee Why Salty Surf School, musste seinen Unterricht innerhalb weniger Stunden gleich zweimal abbrechen.
»Sie waren ohnehin schon verängstigt und nervös, weil der Strand zuvor geschlossen worden war«, sagte er AFP mit Blick auf seine Surfanfänger.
Bereits am Vortag hatten mehrere Sichtungen zu Sperrungen geführt. O’Connell rechnet damit, dass solche Unterbrechungen künftig häufiger werden. Um wirtschaftlich unabhängiger zu sein, bietet seine Surfschule inzwischen zusätzlich Skateboardkurse an.
Noch stärker als die Sperrungen selbst belasten ihn jedoch die psychologischen Folgen. Nach mehreren tödlichen Haiunfällen in Australien hätten zahlreiche Schulklassen ihre Surfkurse storniert.
»Wir werden einen Teil der Schönwettersurfer verlieren, weil ihre Angst größer wird als die Freude am Meer.«
Damit zeigt sich ein Dilemma moderner Warnsysteme: Sie erhöhen die Sicherheit der Menschen, können gleichzeitig aber auch dazu beitragen, dass spektakuläre Sichtungszahlen eine größere Bedrohung suggerieren, als tatsächlich besteht.
Behörden sehen Sicherheitsgewinn
Auch Sydneys Bürgermeisterin Sue Heins bewertet die Entwicklung positiv. Gegenüber AFP erklärte sie, dass eine intensivere Überwachung zwangsläufig mehr Sichtungen hervorbringe. Das Ziel sei jedoch nicht, Angst zu erzeugen, sondern Millionen Badegäste jedes Jahr besser schützen zu können.
Auch der Premierminister des Bundesstaates New South Wales, Chris Minns, hatte bereits angekündigt, dass sich Strandbesucher künftig darauf einstellen müssten, das Wasser bei Haisichtungen häufiger vorsorglich verlassen zu müssen.
Die Haie waren vermutlich schon immer da
Besonders deutlich ordnet Umweltwissenschaftler Daryl McPhee von der Bond University die Zahlen ein. »Es ist nahezu sicher, dass die Haie schon immer dort waren«, erklärte er gegenüber AFP. Weiße Haie folgen ihren natürlichen Wanderungen und halten sich dort auf, wo ausreichend Nahrung vorhanden ist. Als mögliche Ursache nennt McPhee unter anderem die saisonale Wanderung der Buckelwale sowie große Fischschwärme entlang der Küste.
Nach seiner Einschätzung entstehen die aktuellen Rekordzahlen deshalb vor allem durch die wesentlich dichtere Überwachung.
Mehr Daten statt mehr Panik
Gerade aus wissenschaftlicher Sicht könnte das neue Drohnenprogramm einen wichtigen Fortschritt bedeuten.
Erstmals entstehen nahezu flächendeckende Datensätze darüber,
wann Haie bestimmte Küstenabschnitte nutzen, wie lange sie dort bleiben, welche Umweltbedingungen ihre Anwesenheit beeinflussen,
und wann Warnungen tatsächlich notwendig sind.
Solche Informationen helfen nicht nur den Rettungsdiensten. Sie können langfristig auch dazu beitragen, Wanderbewegungen besser zu verstehen und Schutzmaßnahmen gezielter zu entwickeln.
Haiunfälle bleiben eine Ausnahme
Bei aller Aufmerksamkeit dürfen die Relationen nicht verloren gehen.
Nach Angaben der von AFP zitierten australischen Haiunfalldatenbank wurden seit 1791 rund 1.300 Zwischenfälle zwischen Haien und Menschen registriert. Etwa 260 davon verliefen tödlich.
Gemessen an den Millionen Menschen, die jedes Jahr Australiens Küsten zum Baden, Surfen, Schnorcheln oder Tauchen nutzen, bleiben schwere Haiunfälle äußerst selten.
Wie Sie sich bei einer Haisichtung richtig verhalten, lesen Sie in unserem Ratgeber auf sharkproject.org.
Ein Modell mit Potenzial – wenn es richtig eingesetzt wird
Die 73 Haisichtungen vor Sydney erzählen letztlich weniger über Haie als über den technischen Fortschritt. Wo früher vieles unbemerkt blieb, liefern Drohnen heute nahezu in Echtzeit Informationen über das Geschehen an der Wasseroberfläche.
Das verbessert die Sicherheit für Wassersportler, ohne Haie töten oder vertreiben zu müssen – ein entscheidender Vorteil gegenüber Hainetzen oder Drumlines, die seit Jahren wegen ihrer Auswirkungen auf Haie, Delfine, Schildkröten und andere Meerestiere in der Kritik stehen.
Gleichzeitig dürfen die neuen Zahlen nicht isoliert betrachtet werden. Sie sind nur ein Baustein eines modernen Haimanagements. Ebenso wichtig bleiben die Erforschung der Wanderbewegungen und des Verhaltens der Tiere, der Schutz ihrer Lebensräume und ihrer natürlichen Beutetiere sowie eine sachliche Aufklärung der Öffentlichkeit.
Nur wer versteht, warum Haie wann und wo auftreten, kann Risiken realistisch einschätzen und Schutzmaßnahmen sinnvoll planen.
Die Rekordzahl von 73 Sichtungen ist deshalb kein Beleg für eine »Hai-Invasion«. Sie zeigt vielmehr, dass wir beginnen, die Präsenz dieser Tiere genauer zu erfassen.
Für Wissenschaft, Naturschutz und letztlich auch für alle, die das Meer nutzen, ist das eine Chance – vorausgesetzt, aus den neuen Daten entstehen Erkenntnisse und nicht nur Schlagzeilen.
FAQ – Anstieg von Haisichtungen um Sydney
Warum wurden plötzlich so viele Haie vor Sydney gesichtet?
Nicht, weil es zwangsläufig mehr Haie gibt. Seit Anfang Juli überwachen Drohnen die Strände Sydneys von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang. Die höhere Zahl der Sichtungen ist daher vor allem eine Folge der deutlich intensiveren Überwachung. Darauf weisen sowohl Surf Life Saving NSW als auch der von AFP zitierte Haiforscher Daryl McPhee hin.
Werden dieselben Haie mehrfach gezählt?
Ja, das ist möglich. Surf Life Saving NSW weist ausdrücklich darauf hin, dass einzelne Tiere während ihrer Wanderung entlang der Küste mehrfach von verschiedenen Drohnen erfasst worden sein können. Die 73 Meldungen entsprechen deshalb nicht zwangsläufig 73 einzelnen Haien.
Sind Haiunfälle in Australien häufig?
Nein. Obwohl Australien weltweit zu den Ländern mit den meisten dokumentierten Haiunfällen zählt, bleiben Begegnungen mit schwerem Ausgang äußerst selten. Gemessen an Millionen Menschen, die jedes Jahr baden, surfen, schnorcheln oder tauchen, ist das individuelle Risiko sehr gering.
Warum setzen die Behörden auf Drohnen statt auf Hainetze?
Drohnen erkennen Haie frühzeitig und ermöglichen es, Badegäste gezielt aus dem Wasser zu holen. Im Gegensatz zu Hainetzen oder Drumlines töten sie keine Haie und gefährden auch keine Delfine, Schildkröten oder andere Meerestiere. Sie gelten deshalb als deutlich naturverträglichere Form des Risikomanagements.
Welche Rolle spielen die neuen Daten für die Forschung?
Die Drohnen liefern kontinuierliche Informationen über Aufenthaltsorte und Wanderbewegungen der Tiere. Zusammen mit Markierungsprogrammen, Umweltdaten und Beobachtungen können diese Daten helfen, das Verhalten von Haien besser zu verstehen und Warnsysteme künftig gezielter einzusetzen.
Weiterführende Quellen
- SharkSmart – Regierung von New South Wales
Informationen zum australischen Shark-Management-Programm, aktuelle Haisichtungen, Drohnenüberwachung, Warnsysteme und Verhaltensempfehlungen.
https://www.sharksmart.nsw.gov.au/ - Shark Activity Map (NSW SharkSmart)
Aktuelle Drohnensichtungen, markierte Haie, Wanderbewegungen und Echtzeitmeldungen entlang der Küste von New South Wales.
https://www.sharksmart.nsw.gov.au/shark-activity - Australian Shark-Incident Database (Taronga Conservation Society Australia)
Australiens offizielle wissenschaftliche Datenbank zu Hai-Mensch-Interaktionen seit 1791.
https://taronga.getanchor.io/conservation-and-science/australian-shark-incident-database.html - The Australian Shark-Incident Database – Scientific Data (Nature Portfolio)
Wissenschaftliche Veröffentlichung zur Methodik und Datengrundlage der australischen Haiunfalldatenbank.
https://www.nature.com/articles/s41597-022-01453-9 - International Shark Attack File (Florida Museum of Natural History)
Die weltweit bedeutendste wissenschaftliche Datenbank zu Haiunfällen und Hai-Mensch-Interaktionen.
https://www.floridamuseum.ufl.edu/shark-attacks/ - IUCN SSC Shark Specialist Group
Fachgruppe der Weltnaturschutzunion (IUCN) mit Informationen zu Biologie, Schutzstatus und Erhaltung von Haien, Rochen und Chimären.
https://www.iucnssg.org/