Das Cap de Creus an der katalanischen Costa Brava verbindet klassische Mittelmeer-Tauchplätze mit einer überraschend wilden pelagischen Welt. Vor der Küste fällt der Meeresboden in einen gewaltigen Unterwassercanyon ab. Dort begegnen Taucher und Schnorchler mit Glück Blauhaien und anderen Hochseebewohnern. Nachts eröffnet Blackwater Diving noch einmal einen völlig anderen Blick auf das Leben im Mittelmeer.
Hinter dem Horizont: Cap de Creus
Seit über drei Jahrzehnten zieht es mich als passionierten Taucher und Unterwasserfotografen Jahr für Jahr an die schroffe Küste der Costa Brava – genauer gesagt nach Cadaqués und an das Cap de Creus im Nordosten Kataloniens. Der östlichste Punkt des spanischen Festlands ragt hier weit ins Mittelmeer hinaus. Seit 1998 stehen die Halbinsel und Teile der angrenzenden Meeresgebiete als Parc Natural de Cap de Creus unter Schutz. Er war der erste maritim-terrestrische Naturpark Kataloniens und umfasst neben mehr als 10.000 Hektar Land auch gut 3.000 Hektar geschützte Meeresfläche.
Hier, wo das Land endet und das Meer beginnt, entfaltet sich eine Unterwasserwelt, die selbst nach all den Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat.
An bekannten Tauchplätzen wie El Gat oder Massa d’Or fallen Felswände in die Tiefe. Besonders im tieferen, lichtärmeren Bereich prägen koralligene Lebensgemeinschaften das Bild. Rote Gorgonien wachsen an den Felsen, zwischen ihnen stehen Schwärme von Fahnenbarschen. Barrakudas ziehen vorbei und Zackenbarsche finden zwischen Felsen, Höhlen und Spalten geeignete Rückzugsräume. Auch pelagische Besucher können immer wieder für Überraschungen sorgen.
Doch das Cap de Creus hat nicht nur spektakuläre Bootstauchplätze zu bieten. Auch von Land aus lassen sich rund um Cadaqués abwechslungsreiche Tauchgänge unternehmen. Zwischen Felsen und Seegras lohnt sich vor allem der Blick auf die kleinen Bewohner des Mittelmeers. Nacktschnecken, Krebstiere und mit etwas Glück auch Seepferdchen machen die Makrofotografie hier besonders interessant. Wer langsam taucht, Geduld mitbringt und genau hinsieht, entdeckt eine Farben- und Formenvielfalt, die sich keineswegs hinter vielen weiter entfernten Tauchzielen verstecken muss.
Seit 2025 gelten für den Meeresbereich des Naturparks neue Nutzungs- und Managementregeln. Sie betreffen unter anderem Tauchen, Schifffahrt, Fischerei und Ankern. Wer im Schutzgebiet tauchen möchte, sollte sich deshalb vor dem Besuch über die aktuellen Bestimmungen informieren.
Der Ruf der Tiefe: der Cap-de-Creus-Canyon
Während die meisten Taucher in Küstennähe bleiben, zieht es mich zunehmend hinaus auf die offene See. Dort beginnt ein verborgenes Reich: der Cap-de-Creus-Canyon.
Der mächtige Unterwassercanyon gehört zu einem weit verzweigten System von Canyons am Kontinentalrand des Golfs von Lion. Sein oberer Bereich reicht bis auf wenige Kilometer an die Küste heran. Von dort zieht sich das System über viele Kilometer hinaus und erreicht Tiefen von etwa 1.400 Metern. Die steilen Canyonwände verbinden den flachen Kontinentalschelf mit der Tiefsee und machen die Region auch aus wissenschaftlicher Sicht besonders interessant.
Über diesen großen Tiefen beginnt eine pelagische Welt, die mit den vertrauten Tauchplätzen an Felswänden und Riffen kaum noch etwas gemeinsam hat. Mondfische, Delfine, Finnwale, Mobulas und Pilotwale wurden in den Gewässern vor Cap de Creus beobachtet. Und auch einer der elegantesten Hochseehaie des Mittelmeers ist hier unterwegs: der Blauhai.
Forschung und Monitoring
Gerade diese Art steht inzwischen im Mittelpunkt mehrerer Forschungs- und Monitoringaktivitäten. Bereits 2019 fanden vor Cap de Creus erste gezielte Ausfahrten auf der Suche nach Blauhaien statt, 2020 begann ein systematisches Monitoring. In den folgenden Jahren wurden die Untersuchungen ausgeweitet. Wissenschaftler, lokale Fachleute, Fischer und die Tauchbasis Sotamar arbeiteten dabei in unterschiedlichen Projekten zusammen.
Die Ziele sind vielfältig: Wo halten sich die Blauhaie auf? Welche Gebiete nutzen sie? Wie setzt sich die Population zusammen? Und wie lassen sich die Tiere langfristig besser schützen?
Dafür werden unter anderem einzelne Haie markiert und ihre Bewegungen verfolgt. Bei verschiedenen Projekten kamen elektronische beziehungsweise akustische Sender und Pop-up-Satelliten-Tags zum Einsatz. Gleichzeitig entstand eine Fotodatenbank, mit deren Hilfe einzelne Tiere anhand charakteristischer Merkmale wiedererkannt werden können.
Inzwischen liefern die Untersuchungen ein immer genaueres Bild. Eine 2025 veröffentlichte wissenschaftliche Studie auf Grundlage von 170 pelagischen Untersuchungsausfahrten in den Jahren 2022 bis 2024 dokumentierte 213 Blauhai-Beobachtungen. Darunter befanden sich Jungtiere, Neugeborene und adulte Tiere sowie ein trächtiges Weibchen. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass der Bereich um die Canyons von Cap de Creus, Lacaze-Duthiers und Begur/La Fonera eine wichtige Paarungs-, Geburts- und Aufwuchsregion für Blauhaie im westlichen Mittelmeer ist.
Schutz dieser Gewässer von besonderer Bedeutung
Viele Haie tragen zudem sichtbare Spuren menschlicher Einflüsse: Narben, Verletzungen oder zurückgebliebene Haken. Vor allem die Fischerei gehört zu den wesentlichen Gefahren für Blauhaie im Mittelmeer. Die Zusammenarbeit mit Fischern ist deshalb ein wichtiger Bestandteil der Forschung. Ihre Beobachtungen liefern Informationen über Vorkommen und Beifänge, gleichzeitig können Markierungsprogramme helfen zu verstehen, wie die Tiere die Region nutzen.
Auch Unterwasserfotografen können einen Beitrag leisten. Gute Aufnahmen sind nicht nur spektakuläre Erinnerungen an eine seltene Begegnung. Sie können charakteristische Merkmale eines Tieres zeigen, Verletzungen dokumentieren und damit Material für die Fotoidentifikation liefern.
Wenn Wetter und Bedingungen stimmen, heißt es deshalb: hinaus auf die offene See, dorthin, wo der Canyon unter dem Boot in die Tiefe führt und das Mittelmeer sein pelagisches Gesicht zeigt.
Solche Ausfahrten sind ein Zusammenspiel aus Erfahrung, Technik, Geduld und einer gehörigen Portion Glück. Denn das offene Meer gibt keine Garantie. Manchmal wartet man lange – und manchmal taucht plötzlich eine schlanke Silhouette aus dem Blau auf.
Begegnung mit dem Blauhai
Begegnungen mit Blauhaien gehören für mich zu den eindrucksvollsten Momenten auf dem offenen Meer. Schon der Name verrät etwas über die außergewöhnliche Erscheinung dieser Tiere. Der Rücken kann intensiv blau bis indigofarben wirken, die Flanken werden heller und gehen schließlich in die helle Bauchseite über.
Wenn ein Blauhai zwischen den Schnorchlern auftaucht, geschieht dies häufig ruhig und scheinbar gelassen – und doch ist seine Präsenz unmittelbar spürbar.
Mit langen Brustflossen und seinem auffallend schlanken Körper zieht er durch das Wasser. Mal verschwindet er im Blau, dann taucht er wieder auf und kommt möglicherweise näher. Seine Bewegungen wirken kontrolliert und mühelos.
Gerade diese Ruhe macht die Begegnung so eindrucksvoll.
Dabei darf die Faszination nicht darüber hinwegtäuschen, wie verletzlich die Art im Mittelmeer geworden ist. Der Blauhai wird hier vor allem durch Fischerei und Beifang belastet. Im Mittelmeer wird die Art in der regionalen Bewertung der Weltnaturschutzunion IUCN als vom Aussterben bedroht eingestuft.
Dass vor Cap de Creus sowohl adulte Tiere als auch Jungtiere und sogar Neugeborene nachgewiesen wurden, macht die Region deshalb besonders bedeutend. Es geht nicht nur darum, einzelne spektakuläre Haie zu sehen. Es geht um einen Lebensraum, der offenbar für unterschiedliche Phasen ihres Lebenszyklus wichtig ist.
Der Blauhai gehört zu den großen pelagischen Räubern des offenen Meeres und nimmt als solcher eine wichtige Position im Nahrungsnetz ein. Sein Schutz ist deshalb nicht allein eine Frage der Faszination für Haie, sondern Teil des Schutzes eines komplexen pelagischen Ökosystems.
Und dennoch bleibt nach einer Begegnung vor allem ein persönlicher Eindruck: Wer einem Blauhai im offenen Mittelmeer gegenübersteht und erlebt, wie das Tier aus der Tiefe auftaucht, für einige Augenblicke seine Bahnen zieht und wieder im Blau verschwindet, betrachtet diese scheinbar leere Wasserfläche anschließend mit anderen Augen.
Die Suche nach dem Unsichtbaren: Blackwater Diving im Mittelmeer
Doch mein Blick richtet sich nicht nur auf die großen Tiere. Irgendwann stellte sich eine andere Frage: Was passiert nachts über dieser gewaltigen Tiefe?
Die Antwort führt zu einem der größten regelmäßig stattfindenden biologischen Vorgänge der Erde. In vielen Meeresregionen steigen nach Einbruch der Dunkelheit unzählige Organismen aus tieferen Wasserschichten Richtung Oberfläche und ziehen sich bei Tagesanbruch wieder zurück. Diese tägliche Vertikalwanderung ist auch für das nordwestliche Mittelmeer wissenschaftlich nachgewiesen.
Was also würde passieren, wenn wir nachts über den tiefen Gewässern vor Cap de Creus tauchen?
Wenn die Sonne untergeht und die Meeresoberfläche in Dunkelheit versinkt, verändert sich die Wahrnehmung vollständig. Unter dem Boot gibt es keinen Riffhang, keinen Felsen und keinen Meeresboden als optischen Bezugspunkt. Stattdessen hängt eine Lichtquelle im schwarzen Freiwasser.
Und aus der Dunkelheit erscheinen plötzlich Lebewesen.
Kleine Tintenfische, Quallen, planktonische Larven und andere pelagische Organismen können in den Lichtkegel geraten. Viele dieser Tiere verbringen zumindest einen Teil ihres Lebens weitgehend außerhalb unserer gewöhnlichen Tauchwelt.
Genau darum geht es beim Blackwater Diving: nicht um einen klassischen Nachttauchgang über einem Riff, sondern um das Tauchen im offenen Wasser über großer Tiefe. Die Taucher bewegen sich dabei im Freiwasser und beobachten Organismen, die mit der nächtlichen Vertikalwanderung in oberflächennahe Wasserschichten gelangen.
In tropischen Tauchregionen hat sich diese Form des Tauchens längst einen Namen gemacht. Im Mittelmeer ist sie im kommerziellen Tauchtourismus dagegen noch deutlich weniger verbreitet.
Für unsere Versuche vor Cap de Creus dienten Erfahrungen aus anderen Regionen als Grundlage. Die dort bewährten Vorgehensweisen mussten an die Bedingungen des Mittelmeers angepasst werden.
Die ersten Tauchgänge über den tiefen Gewässern des Cap-de-Creus-Canyons waren herausfordernd. Der Weg hinaus ist weit, Wetter und Seegang bestimmen, ob ein Tauchgang überhaupt möglich ist, und die Zeitfenster sind begrenzt. Hinzu kommt: Blackwater Diving garantiert keine spektakulären Motive. Manchmal bleibt das Ergebnis verhalten.
Vielleicht sind genau das einige der Gründe, weshalb diese besondere Form des Nachttauchens hier bislang kein verbreitetes Angebot ist.
Blackwater-Mekka Mittelmeer?
Doch gerade darin liegt für mich der Reiz. Denn das Mittelmeer besitzt nachweislich eine ausgeprägte nächtliche Vertikalwanderung von Zooplankton und anderen Organismen. Was sich dabei unmittelbar vor der Maske beobachten und fotografieren lässt, ist noch längst nicht so bekannt wie an etablierten Blackwater-Destinationen in tropischen Gewässern.
Als Unterwasserfotograf bin ich überzeugt, dass es auch hier Taucher gibt, die bereit sind, sich auf diese ungewöhnliche Welt einzulassen. Dafür braucht es allerdings erfahrene Anbieter, geeignete Sicherheitskonzepte und die Bereitschaft, eine anspruchsvolle Form des Freiwassertauchens unter den lokalen Bedingungen weiterzuentwickeln.
Wer einmal erlebt hat, wie aus völliger Dunkelheit ein nahezu transparentes Lebewesen in den Lichtkegel driftet, bekommt eine Ahnung davon, wie wenig wir von jener Welt sehen, die sich jede Nacht unter der Oberfläche abspielt.
Das Mittelmeer hat noch viele Geschichten zu erzählen. Man muss nur bereit sein, ihnen zu lauschen.
Zwischen Licht und Dunkelheit
Das Cap de Creus ist für mich weit mehr als ein klassisches Tauchziel an der Costa Brava. Es ist ein Ort der Übergänge – zwischen Land und Meer, Küste und Tiefsee, Wissenschaft und Abenteuer, Sichtbarem und Verborgenem.
In Küstennähe warten Felslandschaften, Gorgonien und die typische Artenvielfalt des nordwestlichen Mittelmeers. Wenige Kilometer weiter beginnt über dem Unterwassercanyon eine pelagische Welt, in der Blauhaie, Mondfische, Delfine und andere Hochseebewohner unterwegs sein können.
Und wenn die Sonne untergeht, öffnet das Blackwater Diving noch einmal eine vollkommen andere Perspektive.
Nach mehr als drei Jahrzehnten an dieser Küste ist genau das für mich die größte Faszination des Cap de Creus: Der Horizont markiert keine Grenze. Hinter ihm beginnt ein Teil des Mittelmeers, den wir gerade erst kennenlernen.
Der ursprüngliche Artikel von Lars von Ritter-Zahony erschien in TAUCHEN 03/26. Für die Veröffentlichung auf tauchen.de wurde der Beitrag redaktionell überarbeitet und für die Webfassung angepasst.
Externe Quellen und weiterführende Informationen
Parc Natural de Cap de Creus
Offizielle Informationen der katalanischen Parkverwaltung zu Naturpark, Schutzgebieten und Besuchsmöglichkeiten:
https://parcsnaturals.gencat.cat/ca/xarxa-de-parcs/cap-creus/
Regelungen im Parc Natural de Cap de Creus
Informationen der Parkverwaltung zu den aktuellen Nutzungsregeln im Meeresgebiet, unter anderem für Tauchen, Schifffahrt und Ankern:
https://parcsnaturals.gencat.cat/
Blauhaie am Cap de Creus
Informationen zum Forschungsprojekt über die Bewegungen und den Schutz von Blauhaien vor Cap de Creus, Institut de Ciències del Mar (ICM-CSIC):
https://www.icm.csic.es/en/news/icm-csic-will-track-blue-shark-movements-cap-de-creus-improve-its-conservation
Blauhai-Monitoring
Informationen zum lokalen Blauhai-Monitoring und zu den Untersuchungen vor Cap de Creus:
https://www.sotamarsharktour.com/en/Blue-Shark-Monitoring-Study-in-Cap-de-Creus
Blauhaie im nordwestlichen Mittelmeer
Wissenschaftliche Studie zur Bedeutung der Canyonregion vor der katalanischen Küste als Paarungs-, Geburts- und Aufwuchsgebiet für Blauhaie:
https://scientiamarina.revistas.csic.es/index.php/scientiamarina/article/view/5616
FAQ: Tauchen am Cap de Creus
Wo liegt das Cap de Creus?
Das Cap de Creus liegt im Nordosten Kataloniens an der spanischen Costa Brava, nahe der französischen Grenze. Die felsige Halbinsel bildet den östlichsten Punkt des spanischen Festlands und gehört zum Naturpark Cap de Creus.
Lohnt sich Tauchen am Cap de Creus?
Ja. Das Cap de Creus gehört zu den abwechslungsreichen Tauchregionen des westlichen Mittelmeers. Felsriffe, Steilwände und eine strukturreiche Unterwasserlandschaft bieten Lebensraum für zahlreiche mediterrane Arten.
Was kann man beim Tauchen am Cap de Creus sehen?
Typisch sind unter anderem große Gorgonien, Schwämme, Zackenbarsche, Muränen, Oktopusse und verschiedene Schwarmfische. Auch größere Barrakudaschwärme sind möglich. Im Freiwasser können mit Glück pelagische Arten beobachtet werden.
Kann man am Cap de Creus Haie sehen?
Im Mittelmeer vor der katalanischen Küste kommen verschiedene Haiarten vor. Dazu gehört auch der Blauhai (Prionace glauca), der überwiegend im offenen Meer lebt. Eine Begegnung beim normalen Rifftauchgang ist allerdings nicht planbar und eher ungewöhnlich.
Wann ist die beste Zeit zum Tauchen am Cap de Creus?
Grundsätzlich kann in der Region über weite Teile des Jahres getaucht werden. Besonders angenehm sind die wärmeren Monate vom späten Frühjahr bis in den Herbst. Sichtweite, Wassertemperatur und Bedingungen hängen jedoch von Jahreszeit, Wetter und Wind ab.
Ist das Cap de Creus auch für Anfänger geeignet?
Das hängt vom jeweiligen Tauchplatz ab. Neben vergleichsweise geschützten Spots gibt es anspruchsvollere Plätze mit größeren Tiefen, Strömung oder exponierter Lage. Die Auswahl sollte deshalb dem Ausbildungs- und Erfahrungsstand angepasst werden.
Steht die Unterwasserwelt am Cap de Creus unter Schutz?
Ja. Der Parc Natural de Cap de Creus umfasst sowohl Land- als auch Meeresflächen. Für besonders geschützte Bereiche gelten entsprechende Nutzungs- und Schutzbestimmungen, die Taucher und Anbieter beachten müssen.