Die Kunstperformance Sp02.

Die Kunstperformance Sp02. © Benjamin Schulze

SpO2

Das Projekt eines Schweizer Geschwisterpaares bringt Live-Performance-Kunst unter Wasser.

T & F Benjamin Schulze

Anne Rochat und ihr Zwillingsbruder Jean klettern über die massive Steinmauer, die den Genfer See von der Künstlerresidenz La Becque trennt. Sie wollen ins dunkle Wasser. Über dem See liegt Finsternis um kurz nach Acht an einem lauen Herbstabend Ende September. Einen Steinwurf weit draußen auf dem See schaukelt ein kleiner Katamaran mit einem Scheinwerfer, der auf die Wasseroberfläche gerichtet ist. Das einzige Licht. Eine Brise bewegt die Trauerweiden, die entlang des Ufers wachsen. Deren Äste streifen die Felsbrocken über die Anne und Jean gebückt balancieren, in Richtung des dünnen Führungsseils unter Wasser. Jean zieht einen dünnen Schlauch hinter sich her. Alles Teil der Performance. Das Wasser gluckert zwischen den Steinen. Ein Auf und Ab von Fahrradpumpen ist zu hören. Damit versorgen zehn Freiwillige einen Stahlzylinder mit Luft. Er ist das Reservoir, dort ist der Anfang von Jeans Schlauch, der Luftversorgung der beiden Künstler - ihrer Leben spenden Verbindung zu den Menschen an er Oberfläche. Das Publikum schaut auf eine Leinwand, darauf zu sehen sind Wasserpflanzen, gelegentlich schwimmt ein Flussbarsch vorüber, bleibt stehen, so als glotze er in die Kamera. Jemand fragt: »Ist das ein Aquarium?« Die Luftblasen der Kameramänner gurgeln nach oben, Unterwassermikrofone übertragen diese Geräusche an Lautsprecher, platziert in allen vier Ecken des Freiluftkinos. Sanfter Klarinettenklang begleitet die Stimmung, live eingespielt durch den Musiker Laurent Bruttin. Die Gäste entspannen sich auf Stühlen, halb sitzend, halb liegend.  

 

Dem Projekt Sp02 der Live-Performerin Anne Rochat gehen zwei Jahre intensiver Planung voraus. Locations müssen gefunden werden, die Finanzierung muss geklärt werden, es wird festgestellt, ob es technisch machbar ist und ob es tauchmedizinisch sicher ist. Sie hat bereits viele Performances inszeniert. Häufig gibt es eine Verbindung mit Wasser, ein Element das Anne nach eigener Aussage liebt, das der Divemasterin aber auch Respekt einflößt. »Ich könnte diese Performance mit niemand anderem als meinem Bruder Jean machen. Er ist da unten mein Anker.« 
Jean tastet sich am Seil entlang und hat seine Schwester an der anderen Hand. Er bringt sie auf drei Meter Tiefe. Die beiden haben mehrere Lagen Neopren an. Sie tragen Bleiwesten, bestückt mit 19 Kilogramm. Sonst hätten sie zu viel Auftrieb, denn Tauchausrüstung tragen sie keine. Selbst die Masken sind an Land geblieben. Schemenhaft erscheinen die Körper der beiden, die gerade über die Mauer verschwunden sind, auf der Leinwand. Sie bewegen sich langsam, tastend, suchend auf den Lichtkegel zu. Abwechselnd atmend sie aus dem Kugelhahnventil am Ende des Schlauches, das sie bei Bedarf öffnen. Dann sprudelt sofort Luft heraus. Zwei Kameras fangen jede Bewegung ein. Wie bei einer Show im Fernsehen werden die Kameraeinstellung live geschnitten und wechseln sich auf der Leinwand ab. Mal sind die Hände bei der Schlauchübergabe bildschirmfüllend zu sehen, mal der Mund beim Atmen, mal das Gesicht, mal die gesamte Unterwasserszene. Langsam und ruhig sind die Schnitte. Es wirkt unwirklich, wie von einem anderen Stern, diffus, auch wenn es direkt nebenan passiert. Die Zuschauenden werden in eine Welt gesogen, die den meisten völlig fremd und unwirtlich erscheint. Bestehen bleibt die Verbindung zu den Rochats, da die Pumpenden sichtbar für alle weiter arbeiten. Das Geschehen nutzt Monotonie und Reduktion als Stilmittel. 60 Minuten in Dunkelheit, Kälte, ohne Sicht mit rudimentärer Luftversorgung. Das Publikum ist tief berührt ob der Erfahrung. Als Anne und Jean die Wasseroberfläche am Ufer durchbrechen, applaudiert die Menge, ob vor Erleichterung, dass die beiden wohlbehalten zurück sind und vor Begeisterung, weiss man nicht, wahrscheinlich ist ein bißchen von beiden dabei. Olivier Kaeser, Kurator des Unternehmens, ist beeindruckt: »Diese Bilder waren magisch, so scharf, so stark, so unwirklich.« 

Aufführungen fanden an drei Standorten statt: in Lausanne, in Genf und im Tessin. Auf- und Abbau an den teils entlegenen Orten waren aufwendig, eine mobile Luftversorgung von großem Wert.