© Der schmucke Anker liegt vor Warnemünde (Foto: M. Siegel).

Tauchen in der Ostsee: die schönsten Plätze in Mecklenburg-Vorpommern

Die Ostseeküste vor Mecklenburg-Vorpommern ist ein wahres Wrack-Eldorado und lädt zum Tauchen ein! Wir stellen Ihnen die interessantesten Spots Mecklenburg-Vorpommerns vor.

Mecklenburg-Vorpommern, das nordöstliche Bundesland, das zwischen Schleswig-Holstein und der polnischen Grenze liegt, kann mit rund 2000 Kilometern Küste auftrumpfen und ist damit einfach perfekt zum Tauchen. Die geringer werdende Salzkonzentration des Wassers gen Osten bringt zwar eine geringere Artenvielfalt mit sich, hat aber dafür auch einen Vorteil: Für Wracktaucher ist die deutsche östliche Ostsee nämlich ein Eldorado. 


Der Grund: Der Holz fressende Schiffsbohrwurm kommt wegen des geringen Salzgehalts kaum vor. So bleiben Wracks vom Mittelalter über die große Seglerepoche bis zum Zweiten Weltkrieg erhalten. Zudem wurde die Küste zu Zeiten der DDR nicht annähernd so massiv ausgebaut wie im Westen. Und auch das bis 1990 gültige strikte Tauchverbot ist ein Grund, warum hier an vielen Stellen die Schifffahrtsgeschichte noch zum Greifen nah liegt. 


Algenbüschel wachsen auf den Findlingen bei Steinbeck. Dazwischen verstecken sich bodenlebende Tiere (M. Siegel).

 

Boltenhagen: 
Quer durchs Kanonenriff


Von Lübeck erreicht man Richtung Osten als erstes den Klützer Winkel. Hier befindet sich an der Küste das malerische Seebad Boltenhagen, das mit weißen Sandstränden und imposanten Jugenstil-Villen mittlerweile ein beliebtes Urlaubsziel ist. Langjährige Taucher kennen am Ortsrand noch den alten Marinehafen Tarnewitz. Heute steht an der Weißen Wiek ein Ferien-Resort. Und auch die Tauchschule-Nord hat hier ihre Zelte aufgeschlagen. Im Programm stehen die Tauchplätze Steinbeck und das Steilufer. In den ausgedehnten Steinfeldern tummeln sich vor allem bodenlebende Tiere zwischen großen Findlingen. Die weiten Seegraswiesen dienen als Kinderstuben für Jungfische. 


Blickt man vom Strand auf das offene Meer, sieht man zwei flache Betonanlagen aus dem Wasser ragen. Auf den Zielinseln wurden im Zweiten Weltkrieg Flaggeschütze eingerichtet. Basisbetreiber Dieter Kalfack: „Beide Inseln können von Land aus angetaucht werden. Für alle anderen Ziele bieten wir eine Tauchgangsbegleitung oder ein detailliertes Briefing an.“ Das nehmen wir gern an – und nähern uns der ersten Insel. Das künstliche Riff wurde längst von der Natur übernommen, sodass man hier je nach Jahreszeit die regionale Ostsee-Flora und -Fauna bestaunen kann. Aalmuttern, Butterfisch und Garnelen gehören zum Standard. Im August setzt zudem die Brutzeit der Seenadeln ein – ein Highlight für Ostsee-Taucher. Unser erster Ausflug zu den Zielinseln ist ein voller Erfolg. Auf dem Rückweg passieren wir noch das Deckgeschütz eines U-Boots aus dem Ersten Weltkrieg, das hier für Zielübungen versenkt wurde. 
Wenige Kilometer entfernt befindet sich Wohlenberg. Hier bietet ein alter Anlandesteg für Kartoffeldampfer einen schönen Anschlusstauchgang. Wir umrunden den Steg einmal und entdecken in der üppig bewachsenen Spundwand Seenadeln, Aalmuttern und See-Skorpione. Um uns herum glitzert es silbrig: Ein großer Heringsschwarm begleitet uns und lässt sich mit dem Strahl unserer Lampen eindrucksvoll dirigieren. Boltenhagen ist definitiv einen Ausflug wert und wir speichern die beiden Spots für zukünftige Besuche ab.



Von Muscheln überkrustet: der Motorblock der „Sturmvogel“ vor Rerik (Foto: M. Siegel).

Rerik: Abtauchen im 
Wrack-Paradies


Kurz vor Rostock liegt Rerik, ein Ort, dessen Geschichte bis in die Wikingerzeit zurückgeht. Auf dem Gelände eines sehr komfortablen Campingplatzes betreibt Atlantis Berlin die Ostseebasis Rerik. Wir betreten ein einladendes, großzügiges Areal. Mit Spülbecken, Trockenvorrichtungen und verschließbaren Ausrüstungsboxen erinnert uns die Basis eher an Betriebe in Urlaubsländern. An der Ostsee hätten wir das nicht erwartet. Basisleiter Jens erklärt uns den Ablauf: „Ihr könnt direkt vom Strand aus tauchen. In drei Metern Tiefe haben wir einen biologischen Lehrpfad eingerichtet. Doch die interessanteren Spots erreicht man per Boot. Wir fahren täglich bis zu acht Mal raus.“


Der Seehase ließ sich am Kühlungsborner Hausriff porträtieren (Foto: M. Siegel).

Bei 14 Ausfahrtszielen haben wir die Qual der Wahl. Im Nahbereich kommen vor allem Naturfreunde auf ihre Kosten: an künstlichen Riffen, eiszeitlichen Torf- und Mergelcanyons, der Teufelsschlucht mit großen Findlingen oder an den 21 Meter tiefen Abbruchkanten des Seesternecks. Vor der Halbinsel Wustrow sollen auch noch viele Waffen- und Munitionsreste von Übungen der Wehrmacht und der Roten Armee liegen. Die Bergung ist natürlich streng verboten. Doch Rerik ist nicht ohne Grund bei Wracktauchern ein beliebtes Ziel. Und schon hieven wir unsere Ausrüstung auf ein Boot. Die U-Boot-Trümmer, bei denen das Turmfragment noch gut erkennbar sein soll, lassen wir aus. Unser erstes Ziel ist der „Ewer von Wismar“. Das hervorragend erhaltene Wrack soll noch viel über die Plattbodenschiffe des 19. Jahrhunderts erzählen. Wir sind gespannt und tauchen am Ankertau auf 21 Meter ab. Nach kurzer Zeit sind wir am Bug und erkennen die Konturen eines intakten Rumpfs mit Resten des Klüverbaums. Dar-über zeichnen sich die Aufbauten ab. Wir umrunden das Schiff einmal und finden auf dem Grund eines der Seitenschwerter. Auf dem Deck liegen noch einige Lehmziegel verstreut – die Ladung. Ein faszinierender Gedanke, dass diese Ziegel genau hier vermutlich in den 1830er-Jahren deponiert wurden. 
Es geht weiter zum Wrack der „Sturmvogel“. In acht Metern Tiefe stoßen wir auf ein Trümmerfeld, in dem sich zahlreiche Fischarten tummeln. Im Umfeld sehen wir Steinbutte, Aalmuttern, einen Seabull (Langstachligen Seeskorpion) – und den Motorblock samt Propeller. Wir wollen mehr sehen. Kein Problem, die Basis in Rerik fährt noch diverse andere Segelschiffswracks an. Es lohnt sich also auf jeden Fall, hier ein längeres Wochenende einzuplanen. 



Algenbüschel wachsen auf den Findlingen bei Steinbeck. Dazwischen verstecken sich bodenlebende Tiere (Foto: M. Siegel).

Rostock: 
Wissenschaftlich abtauchen


Passiert man in Rostock die Warnow, kommt man nach Hohe Düne. Direkt auf einem Steg der Marina liegt das Divecenter Rostock. Der 2016 eröffnete SSI-Betrieb hat sich innerhalb einer Saison eine gute Stammkundschaft aufgebaut. Christian Harfmann erklärt uns sein Erfolgsrezept: „Wir liegen in unmittelbarer Nähe zu zwei hervorragenden Tauchplätzen. Die künstlich angelegte Wissenschaftsstation Riff Nienhagen bietet eine eindrucksvolle biologische Vielfalt. Und direkt vor Warnemünde liegt das Wrack eines etwa 100 Jahre alten Schleppers.“ Das klingt vielversprechend. In den großzügigen Ankleideräumen springen wir in unsere Trockentauchanzüge und legen schon wenig später direkt an der Basis ab. 


Drummonds Fadenschnecke wirkt wie ein klitzekleines Feuerwerk (Foto: M. Siegel).

An der Markierung des Schlepperwracks tauchen wir ab. Schon in neun Metern Tiefe haben wir das Stahlschiff vor Augen. Es liegt auf ebenem Kiel und ist in seiner Struktur sehr gut erhalten. Bei einer Umrundung leuchten wir durch Bullaugen und betrachten den eindrucksvollen Propeller. Auch auf dem Deck ist noch vieles erhalten. Mittig steht ein großer Motorblock, korrodierte Bereiche geben den Blick in die Innenräume frei. Bei gut zehn Metern Sichtweite ein echtes Vergnügen. Wir finden, es ist insgesamt ein lohnendes Tauchziel. Von Christian wissen wir, dass noch sehr viel mehr Wracks angefahren werden. Diese liegen allerdings weiter draußen und werden als Expeditionen angeboten. Mit dabei sind der Dreimast-Schoner „Gaarden“, der „Kreidesegler“, ein Saugbagger und einige mehr. Grund genug, das Divecenter Rostock bald wieder aufzusuchen. 


Doch vorher wollen wir noch das künstliche Riff sehen. Hier wurden im letzten Jahrzehnt auf 40 000 Quadratmetern hunderte Betonstrukturen in zwölf Metern Tiefe versenkt. Inzwischen hat sich eine Riff-Landschaft entwickelt, die – bedingt durch ein striktes Angelverbot – die gesamte östliche Ostseewelt repräsentiert. Direkt vor dem Forschungsturm tauchen wir ab. Das Ausmaß der Anlage können wir nur erahnen. Mit nur drei Metern ist die Sicht ungewöhnlich schlecht. Doch die gewaltigen Beton-Tetrapoden können wir gut erkennen. Hier tummeln sich Klippenbarsche, Seenadeln und Nacktschnecken. Ein Hartsubstrat folgt auf das nächste. Um die ganze Anlage zu betauchen, bräuchte man vermutlich zehn Tauchgänge und es gäbe immer noch etwas Neues zu entdecken. 
Zurück auf dem Boot blicken wir uns an und sind uns einig: Nach Rostock kehren wir zurück. Genauso wie an so manch anderen Tauchspot in Mecklenburg-Vorpommern. Wir sind uns sicher – hier gibt es noch sehr, sehr viel zu entdecken.

Tauchbasen

Die Tauchschule-Nord in Boltenhagen.

Tauchschule-Nord

Adresse: Weiße Wiek, Am Waldrand, 
23946 Tarnewitz/Ostseebad Boltenhagen

Tauchen: Steilufer, Anleger, Zielinseln, Bootstouren 
auf Anfrage

Saison: April bis Oktober, danach auf Anfrage

Preise: Tagesgebühr: 10 Euro, Flaschenfüllung: 
5 Euro (10 Liter)/6 Euro (12 Liter)

Info: www.tauchschule-nord.de

Unterkunft: Campingplatz Regenbogencamp (www.regenbogen.ag/ferienanlagen/boltenhagen.html)

Ausflugstipp: Schloss Bothmer in Klütz (6 km) 
(www.schloss-bothmer.de)

 

Das Tauchboot des Divecenter Rostock.

Divecenter Rostock

Adresse: Am Yachthafen 1–8, 18119 Rostock

Tauchen: vom Steg, Bootsausfahrten, Seehund-Tauchen

Saison: Mai bis September, Einzelevents auch außerhalb der Saison

Preise: Tagesgebühr: 5 Euro, Ausfahrten je Entfernung: 25–65 Euro, Flaschenfüllung (200 bar): 0,50 Euro/Liter (300 bar: 0,75 Euro/Liter)

Info: www.divecenter-rostock.com
Unterkunft: Hotel Yachthafenresidenz Hohe Düne (www.hohe-duene.de)

Ausflugstipp: Schwimmen mit Seehunden in der 
Forschungsstation (www.marine-science-center.de

Alle Texte und Infos sind von Elmar Klemm

 

 




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