© Der toll bewachsene Dreimastsegler liegt in 20 bis 26 Metern Tiefe vor Fehmarn. (Foto: Erhard Schulz)

Tauchen in der Ostsee: die schönsten Plätze in Schleswig-Holstein

Farbenprächtige Riffe, eine vielseitige Tierwelt und jede Menge Wracks – die Ostsee ist ein Überraschungskünstler! Wir stellt Ihnen die schönsten Spots für ein gelungenes Tauchwochenende in Schleswig-Holstein vor.

Für viele ist sie nur grün, kalt und hat miserable Sichtweiten. Die Vorurteile gegenüber dem Tauchen in der Ostsee sind vielfältig. Beinahe so vielfältig wie die Anzahl faszinierender Tauchspots und erstklassig geführter Basen an unserem Hausmeer. Scheinbar ein Widerspruch. Tatsache ist: Wer zwischen Flensburg und Usedom tauchen möchte, braucht nicht lange zu suchen. Denn getaucht werden darf grundsätzlich überall. Und solange keine Einschränkungen durch Privatgrundstücke bestehen, ist ein Einstieg vom Strand aus problemlos machbar. 


Entlang der gesamten Ostseeküste hat sich in den letzten 20 Jahren eine gut funktionierende Struktur an Tauchbasen etabliert. Hier können Brevets aller gängigen Ausbildungsverbände absolviert und Ausfahrten zu außen liegenden Naturplätzen sowie Wracks gebucht werden. Somit sind die Tauchbasen an der Ostsee ein idealer Anlaufpunkt für Wochenendurlauber. Oft befinden sich in unmittelbarer Nähe auch passende Unterkünfte und Ausflugsziele für den nicht tauchenden Teil der Familie. Wir haben uns im norddeutschen Tauchparadies umgeschaut und stellen unsere Tipps für Schleswig-Holstein vor.



Eckernförde


Den hübschen Hafen von Eckernförde sollte man auch besuchen (Foto: Matthias Süßen - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=55754912).

30 Kilometer nördlich von Kiel erreichen wir das malerische Fischerstädtchen Eckernförde. Hier begrüßt uns Thorsten Peuster, Betreiber der Tauchbasis Tauchen & Meer, in seinem gemütlichen Innenhof. Stolz erzählt er uns, dass er seine PADI-Basis bereits im 20. Jahr betreibt. „Die meisten Taucher gehen hier in die Mole“, erklärt er. „Dazu wurden extra Fenster in die äußere Hafenmole geschweißt.“ Gespannt schlüpfen wir in die Ausrüstung und gehen die 100 Meter zum Strand zu Fuß. Linker Hand sehen wir schon die Mole und tauchen ab. Nach wenigen Minuten haben wir die Spundwand mit den grün schimmernden Ausschnitten vor uns. Hintereinander passieren wir den Durchgang und finden uns im stählernen Inneren wieder. Rechts die Außenspundwand – üppig besiedelt von Seescheiden, Anemonen und Seesternen. Die offene linke Seite wird von massiven Pfeilern begrenzt. Wir fühlen uns ein bisschen wie in einem großen Stahlwrack. Auf dem über und über mit Miesmuscheln besetzten Grund entdecken wir See-Skorpione, ein paar Schollen und jede Menge Krebse. Nach etwa 15 Minuten erreichen wir in neun Metern Tiefe das Ende der Mole und tauchen seitlich heraus. Dahinter steht allerlei drapiertes Gerümpel. Ein Fahrrad, Schreibtisch, Tannenbäume – das so genannte „Arbeitszimmer“. Doch was leuchtet uns da so knallrot an? Nein, keine Lava-Lampe, sondern ein großes Seehasen-Männchen. Da sich die schlechten Schwimmer nie weit von ihrem Gelege entfernen, können wir das seltsam unförmige Tier eingehend betrachten. 


Seehasen kann man während der Laichzeit (März bis Mai) in flacheren Küstenbereichen beobachten. (Foto: Torsten Voss)

Im Briefing haben wir erfahren, dass es hier noch ein künstliches Riff geben soll. Schon bald haben wir die übereinandergestapelten Beton-Röhren erreicht. Der üppige Algenbewuchs leuchtet im Frühjahr grün, rot und violett. Dazwischen ragen die gelben Arme von Schwämmen hervor. Ein faszinierender Anblick, den wir bei gut sieben Metern Sichtweite voll auskosten. An mehreren Stellen entdecken wir auch prächtig gefärbte Nacktschnecken. Toll! Glücklich kehren wir in die Basis zurück. „Hattet ihr Seehasen?“, fragt Thorsten sofort. Wir bejahen. „Im März und April, wenn die Seehasen zum Laichen bei uns vor der Küste sind, kommen die Taucher von überall her. Und 2016 hatten wir sogar einen Delfin.“ Beim abschließenden Fischbrötchen am Hafen blicken wir auf die Mole und wissen: Hier waren wir nicht das letzte Mal. 



Surendorf


Die Reste der Torpedoversuchsanstalt bei Surendorf ragen bis über die Wasseroberfläche. Unter Wasser sieht es ähnlich wild aus (Foto: Erhard Schulz).

Unsere Reise führt uns die Küste weiter bis nach Surendorf. Hier wurden im Zweiten Weltkrieg Torpedos getestet, bis die etwa 300 Meter lange Anlage nach Kriegsende gesprengt wurde. Bei vielen norddeutschen Tauchern gilt Surendorf als der beste Ostsee-Tauchspot. In Sichtweite zu den aus dem Wasser ragenden Betonmonumenten der Torpedoversuchsanstalt betreibt Adrian Werner seine SSI-Basis Tauchparadies Scubalu.de. „Das Gelände ist nach wie vor militärisches Schutzgebiet. Doch in den Bereichen außerhalb der Betonnung wird das Tauchen von der Marine geduldet.“ Diese könne man entweder in Eigenregie mit Strandmarsch und langem Antauchweg absolvieren oder sich mit dem Boot zur Riffspitze fahren lassen. 


Wir entscheiden uns für die Eigen-Erkundung. Nach etwa zehn Minuten flösseln und Überwinden einer Sandbank nehmen wir Kurs und tauchen ab. Nach einigen Minuten über Seegras zeichnen sich vor uns die ersten Konturen ab. Was in den nächsten 60 Minuten folgt, ist schier unglaublich: Imposante Betonfragmente und Überhänge reihen sich aneinander. Dazwischen ragen Duckdalben bis zur Wasseroberfläche oder verlieren sich Trägerkonstruktionen im Grün der Ostsee. Wir haben Glück und können diesen Anblick bei über zehn Metern Sichtweite auf uns wirken lassen. Doch das ist eher die Ausnahme. In schmalen Kammern entdecken wir kapitale Dorsche und Seeforellen. Beim Durchtauchen der Durchgänge finden wir uns plötzlich mitten im „Riff“ wieder. Man muss hier sehr auf seine Orientierung achten, denn das viele Metall der Armierungen lenkt den Kompass ab. Auf den bunt bewachsenen Brocken tummeln sich Aalmuttern, Butterfische, Seenadeln und Klippenbarsche. In einer kleinen Höhle entdecken wir sogar eine Goldmaid, den farbenprächtigsten Ostseefisch. Wir sind überwältigt – dieser Spot steht einem Mittelmeer-Riff in nichts nach. Für eine Gesamt-Umrundung können hier gut 70 bis 80 Minuten veranschlagt werden. 
Beim zweiten Tauchgang geht es mit dem Boot hinaus. In etwa fünf Minuten haben wir die Riffspitze erreicht. Von der einstigen Plattform sinken wir bis auf 13 Meter Tiefe ab. Um uns herum türmen sich endlose Betonwände auf, verschachteln sich und geben immer wieder neue Nischen frei. Hier könnten wir 100 Tauchgänge machen – es gäbe immer wieder etwas zu entdecken.



Fehmarn


Die einen gehen tauchen, die anderen segeln – typischer Strandtag auf Fehmarn. (Foto: Erhard Schulz)

Über die Fehmarnbelt-Brücke gelangen wir auf Deutschlands Sonneninsel. Auf dem Gelände des Campingparks Wulfener Hals betreibt der Tauchanbieter Atlantis seine Ostseebasis Fehmarn. Direkt am Strand werden sämtliche SSI-Kurse angeboten. „Ansonsten stehen hier vor allem Wrackausfahrten auf dem Programm“, erklärt Basisleiter Chris Langfeld. „Im Nahbereich haben wir einen exzellent erhaltenen Prahm, eine versunkene Segeljacht und natürlich das berühmte Docktor.“ Das Wrackteil ist ein 100 Meter langer Stahlkoloss, der beim Transport 2006 im Sturm gesunken ist und heute auf 5 bis 13 Metern Tiefe liegt. „Weiter draußen liegen noch ein Zwei- und ein Dreimast-Segler, ein Schoner und ein bewaffnetes Vorpostenboot aus dem Zweiten Weltkrieg“, fügt Chris hinzu. 


Auf dem Docktor haben sich Algen und Seescheiden angesiedelt. (Foto: Erhard Schulz)

Alle Ziele werden nach Wetterlage und Erfahrung der Taucher angefahren. Wir wählen die etwa 40 Minuten lange Anfahrt zum Dreimaster und finden ein hervorragend erhaltenes Wrack auf ebenem Kiel vor. Obwohl vermutlich vor über 100 Jahren gesunken, offenbaren sich hier noch viele Details: In maximal 26 Metern Tiefe erstreckt sich das Wrack über eine Länge von 45 Metern. Das Deck mit Ankerwinsch, Laderäumen und Maststümpfen bietet viele spannende Motive. Auch große Teile der Reling sind noch erhalten. Faszinierend – denn sie ist, wie der Rest des Wracks, über und über mit Seeanemonen bewachsen. Auf dem Rückweg steigen wir noch an der 2009 gesunkenen Segeljacht „La Belle“ ab – offensichtlich ein Liebhaberschiff. In 18 Metern Tiefe liegt neben dem abgebrochenen Mast noch das vollständige Segel auf dem Grund. Zudem sind an Deck diverse nautische Details und Gebrauchsgüter zu erkennen. Unweit entfernt liegt der Prahm in 15 Metern Tiefe. Beim Umrunden entdecken wir in den großen Ladeluken viele kapitale Dorsche. 
Fehmarn ist auch für Landtauchgänge perfekt geeignet. Kommt der Wind aus West, fährt man nach Katharinenhof. Hier erstreckt sich eine üppige Unterwasserlandschaft mit riesigen Findlingen, an denen sich die Ostsee-Flora und -fauna tummelt. Bei Ostwind empfiehlt sich Westermarkelsdorf. In den tief ausgegrabenen Mergelcanyons beobachten wir Schollen und Aale. Etwas weiter südlich, in Wallnau, kann man rund 6000 Jahre alte Steinzeit-Klingen und Pfeilspitzen finden. Kein Wunder, dass die Ostsee bei so viel Vielfalt begeistert ...


Info-Facts zum Tauchen in der Ostsee

Mare Balticum 


Die Ostsee ist ein relativ junges Meer. Entstanden ist sie nach der letzten Eiszeit vor etwa 12 000 Jahren. Als die Eisdecke, die Skandinavien vollständig bedeckte, abschmolz sammelte sich das Wasser in einem Becken. Durch die damit verbundene Landabsenkung entstanden Öffnungen zur Nordsee – dem heutigen Kattegat und Skagerrak. So konnte Salzwasser einströmen und das süße Schmelzwasser wurde brackig (Brackwasser bezeichnet die Mischung aus Salz- und Süßwasser). So erklärt es sich, dass der ohnehin niedrige Salzgehalt des über 400 000 Quadratmeter großen Binnenmeeres gen Nordosten immer mehr abnimmt. Wer regelmäßig an der heimischen Küste taucht, weiß, dass dies großen Einfluss auf Größe und Vielfalt der Arten hat. Die Westliche Ostsee erstreckt sich auf deutscher Seite von der Flensburger Förde bis zur Darßer Schwelle bei Rostock. Getaucht werden kann hier das ganze Jahr. Während im Winter die Temperaturen meist nur knapp über dem Gefrierpunkt liegen, können sie im Hochsommer auf über 20 Grad Celsius ansteigen. Für viele Taucher gilt die Laichzeit der Seehasen als Saisonauftakt, wenn die Ostsee etwa 6 Grad Celsius erreicht hat – je nach Wetterlage im März/April. Die meisten Tauchbasen öffnen Ostern und führen ihren Betrieb bis zum Tag der Deutschen Einheit Anfang Oktober fort.


Tauchbasen an der Ostsee

1. Tauchbasis Tauchen & Meer, 2. Tauchbasis Tauchparadies Scubalu, 3. Tauchbasis Ostseebasis Fehmarn

 

1. Tauchen & Meer


Briefing in der Tauchbasis Tauchen & Meer

  • Adresse: Jungfernstieg 69, 24340 Eckernförde
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Tauchen: Mole mit künstlichem Riff, Hemmelmark (circa 6 Kilometer): versenkte Wracks auf 13 Metern Tiefe

  • Saison: April bis Oktober, danach auf Anfrage

  • Preise: Tagesgebühr: 5 Euro, Flaschenfüllung: 4 (10 Liter)/5 Euro (12 Liter)

  • Info: www.tauchenundmeer.net
  • Unterkunft: Ferienwohnungen direkt neben der Basis (www.fewo-deus.de)
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Ausflugstipp: Schloss Gottorf/Archäologisches Landesmuseum Schleswig-Holstein, circa 30 Autominuten entfernt (www.schloss-gottorf.de)


2. Tauchparadies Scubalu


Blick in die Tauchbasis Scubalu in Surendorf.

  • Adresse: Zum Kurstrand 3, 24229 
Surendorf

  • Tauchen: Torpedoversuchsanstalt, Wrack Betonschute (auf Anfrage)

  • Saison: Mai bis Oktober, danach auf Anfrage

  • Preise: Tagesgebühr: 10 Euro, Flaschenfüllung: 0,50 Euro/Liter, Ausfahrten ab € 12,50 Euro
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Info: www.scubalu.de
  • Unterkunft: Wohnungen neben der Basis (www.nordwind-wassersport.de), Campingplatz (www.groenwohld-camping.de)
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Ausflugstipp: Hansekogge (Replik des Bremer Wrackfunds) in Kiel (www.hansekogge.de)

3. Ostseebasis Fehmarn

Gute Adresse für Taucher: die Ostseebasis Fehmarn.

  • Adresse: Wulfener-Hals-Weg 100, 23769 Fehmarn

  • Tauchen: über 10 Tauchplätze, darunter mehrere Wracks, Tauchen von Land und per Boot

  • Saison: Mai bis Oktober, danach auf Anfrage

  • Preise: Tagesgebühr: 5 Euro, Ausfahrten: 24 bis 45 Euro, Flaschenfüllung: 5 Euro
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Info: www.ostseebasis-fehmarn.de

  • Unterkunft: Campingplatz direkt an der Basis (www.wulfenerhals.de)

  • Ausflugstipp: Indoor-Aquarium Fehmarn in Burg (www.meereszentrum.de), U11-U-Boot-Museum in Burg (ww.ostsee-u-boot.de)

Alle Texte und Infos sind von Elmar Klemm