Titel der 10/18

Tauchen in Westaustralien: Das ganz große Abenteuer wartet!

Exmouth: Im Reich der Großmäuler

Das Ningaloo-Riff ist trotz seiner Walhaie und seines Status als Weltnaturerbe nicht ansatzweise so bekannt, wie das Große Barriereriff im Osten Australiens. Zu Unrecht: Bei Exmouth trifft ein bestechender mariner Artenreichtum auf unvergessliche Outback-Eindrücke.

Manchmal reicht ein Mensch aus, um die Zukunft einer Region auf den Kopf zu stellen. Wäre ein lokaler Arzt namens Geoff Taylor nicht neugierig geworden als er beim Hochseeangeln in den frühen 1980er immer wieder auf jene weiß gepunkteten Riesenfische stieß und darüber schrieb, vielleicht wäre Exmouth dann auch heute noch ein Provinznest, in dem man von der Shrimp-Ernte lebt. Seitdem aber bekannt ist, dass sich zwischen März und August das größte Walhai-Aufkommen aller australischen Gewässer vor dem Ningaloo-Riff versammelt, ist der verschlafene 2000-Seelen-Ort in den Fokus von Tauchern gerückt.
Um mit Walhaien zu schnorcheln, muss man eigentlich nicht bis ans andere Ende der Welt fliegen, doch neben dem größten Fisch der Weltmeere und den Mantas, legen im Juni, Juli und Oktober auch zahlreiche Buckelwale mit ihren Kälbern im Golf von Exmouth eine Rast von ihren Wanderungen ein. Neuerdings können die bis zu 15 Meter großen Meeressäuger sogar in ihrem natürlichen Element beobachtet werden, wie Debbie Ferguson vom Exmouth Diving Center aufgeregt berichtet: „Im Sommer werden zum ersten Mal Lizenzen zum Schnorcheln mit den Tieren ausgegeben. Damit haben unsere Gäste gute Chancen, die ,Big Three‘ auf einmal im Wasser zu erleben!“

Die „Great Escape“ zählt zu den luxuriösesten Tauchsafarischiffen Westaustraliens. Highlight an Bord: der Jacuzzi und das tolle Essen. Unter Wasser begeistern Weichkorallen in allen Farben.

Die „Great Escape“ zählt zu den luxuriösesten Tauchsafarischiffen Westaustraliens. Highlight an Bord: der Jacuzzi und das tolle Essen. Unter Wasser begeistern Weichkorallen in allen Farben. Foto: Daniel Brinckmann

In den restlichen Monaten strolchen die zahlreichen Emus und Kängurus aus dem benachbarten Cape-Range-Nationalpark wieder ungeniert durch die Seitenstraßen. Sobald das Dorf in der Halbwüste in seinen Dornröschenschlaf fällt und sich das öffentliche Leben wieder zwischen Einkaufszentrum, Outback und Pub abspielt, wird es ruhig an den schneeweißen Sandstränden zwischen Bundegi und der Turquoise Bay, vor denen die bekanntesten und artenreichsten Riffe Westaustraliens liegen. Grund für die außergewöhnliche Vielfalt ist das Zusammentreffen der kalten Ningaloo-Strömung mit der warmen Leeuwin-Drift, die nicht nur reichlich Plankton als Leibspeise von Mantas und Walhaien, sondern auch Fisch- und Korallen-Larven aus indonesischen Gewässern weit in den Süden transportiert. Vor dem Nordwest-Kap treffen die Exoten aus dem Indopazifik dann auf die üppige Großfisch-Fauna Australiens. Und weil Ningaloo als Saumriff keine natürliche Barriere zwischen Strand und Hochsee bildet, tummeln sich die schweren Kaliber der Meere mitunter unmittelbar vor der Küste. Irreführend ist allerdings der Name Ningaloo selbst, der in der Sprache der Aborigines „tiefes Wasser“ bedeutet. Tatsächlich sorgt der gemächlich abfallende Meeresboden für angenehm flache Tauchprofile, ist aber im Umkehrschluss auch anfällig für die Launen der Elemente.
„Wollt ihr erst die schlechte Nachricht, oder die schlechte Nachricht hören“, fragt uns am nächsten Tag der deutsche Auswanderer Marcus Lorenz. „Der Navy Pier ist nach dem letzten Wirbelsturm vorübergehend geschlossen und die Sicht auf der Westseite ist wegen dem Wind der letzten Tage genauso gut wie in einem deutschen See.“ Klare Worte. Der mehr als hundert Meter lange Pier ist international bekannt als Oase für blickdichte Fischschwärme und Heim für alle Schuppenträger zwischen Schaukelfisch und Riesenzackenbarsch.
Umso größer ist das Erstaunen, als wir nach einer knappen Stunde am Dinner Table vor den beiden kargen Muiron Islands von Bord springen. Galapagos schaut anders aus, aber Alibi-Tauchen am Notfall-Spot ist das auch nicht: Gleich zu Beginn werden wir im Flachwasser von einem Schwarm Doktorfische umringt und unter uns erstreckt sich eine bunte Tischkorallenlandschaft. Dort, wo die Löcher im Schweizer Käse zu eng für Taucher werden, verbirgt sich nicht nur ein Wobbegong, sondern auch Juwelen-Zackenbarsche, Muränen und die endemischen Schwarzen Fahnen-Korallenwelse, denen eine gewisser Hang zum Verteilen von Stromschlägen nachgesagt wird. Eine Etage weiter oben bahnt sich die eine oder andere Olive Seeschlange ihren Weg durchs Korallendickicht. „Du weißt doch, in Australien ist jedes Tier giftig, sticht, beißt oder frisst gern Menschen“, flachst Marcus nach dem Auftauchen. „Aber mal im Ernst, zu den Muirons kommt man wegen der schönen Korallen, auf ,Fischjagd‘ gehen wir heute Nachmittag in der Lighthouse Bay.“ Nicht weniger als zehn Schildkröten rudern uns am Spot Labyrinth aus dem Erbsensuppen-Grün entgegen.
Uns fällt ein weiterer Bonus des Ningaloo-Riffs auf: Im Gegensatz zum Großen Barriereriff, wo die ersten guten Spots erst nach einer Tagesreise beginnen, dauert die Anfahrt hier nie mehr als eine Stunde. Unsere Vorfreude aufs saftige Känguru-Steak fällt flach – Marcus hat andere Pläne. „Wir machen noch einen Abstecher zum Leuchtturm Vlamingh Head und Fotos vom Sonnenuntergang.“ Und wie das so ist, sollte man auf „Locals“ hören, wenn man etwas erleben will. Während unter uns die Abendsonne warme Farben in das weite Outback zaubert, zücken seine Kolleginnen eine Flasche Rotwein aus dem Kofferraum. „Es ist gut, dass das hier nie ,Big Business‘ werden wird“, meint er und lässt den Blick über die Hügelkette schweifen. Nur die Rückfahrt, gibt er zu bedenken, die werde ein bisschen länger ausfallen wegen der Kängurus, die nach Sonnenuntergang die Straßen unsicher machen. Irgendwie entfährt einem da die australische Antwort auf alles urplötzlich von ganz alleine: „No worries, mate!“