Titel der 10/18

Wal-Massaker auf den Färöer-Inseln

Vor den Toren Europas findet jedes Jahr einer der blutigsten Grindwaljagden der Welt statt. Auch in diesem Sommer treiben die Bewohner der Färöer-Inseln hunderte Grindwale an die Strände und schlachten sie grausam ab. Bislang sind 250 Tiere getötet worden. Sea Shepherd ist vor Ort und versucht das brutale Wal-Massaker zu verhindern, dabei wurde ein deutsches Crew-Mitglied verhaftet.

Am 23. Juli 2015 wurden etwa 250 Grindwale an den Tötungsstränden der dänischen Färöer-Inseln abgeschlachtet. Die Abschlachtungen – bekannt unter dem färöischen Begriff Grindadráp – erfolgten mit zwei separaten Treibjagden, die an den Tötungsstränden von Bøur und Tórshavn in einem Wal-Massaker endeten, und diesen Tag zum bislang blutigsten Tag dieses Jahres auf der Inselgruppe machten.

Wie läuft so eine Grindwaljagd ab?

(Aus dem Juli-Heft 2014) Es ist ein klarer Sommertag. Die grünen Steilhänge der Färöer-Inseln liegen friedlich im Dunst der aufsteigenden Sonne. Auf den sanften Wellen treibt ein kleines weißes Fischerboot. Postkartenidylle. Dann durchbricht eine schwarze Rückenflosse das Wasser, ein Grindwal. Immer mehr Tiere versammeln sich, tauchen neben dem Boot auf. Die Fischer an Bord genießen dieses einmalige Naturschauspiel nicht, sie greifen aufgeregt zum Funkgerät, schlagen Alarm und setzen damit eine grausame Kette in Gang.

Eliza Muirhead/Sea Shepherd Global

Boote treiben die Grindwal-Schule an die Küste. (Credit:Eliza Muirhead/Sea Shepherd Global)

Sobald eine Grindwalschule vor der Küste auftaucht, wird eine der über 17 Gemeinden informiert. Gibt der Vorsitzende sein Okay lassen die Einheimischen alles stehen und liegen. Weitere Fischer fahren zur Walschule raus, am Strand der Bucht verbreitet sich Volksfeststimmung. Kinder bekommen schulfrei, Angestellte Urlaub. Selbst der Gottesdienst wird unterbrochen.

 

 

 

 

Die Walgruppe wird an den Tötungsstrand getrieben. (Credit: Eliza Muirhead/Sea Shepherd Global)

Die Schiffe treiben die bis zu hundert Tiere umfassende Familie auf die Bucht zu. Sie nutzen aus, dass Pilotwale immer einem Leittier folgen – bis in den Tod.
In großer Panik flüchten die Tiere Richtung Strand. Hinter ihnen bilden die Boote eine unüberwindbare Schranke. Einige stranden im flachen Wasser. Drängeln sich dicht an dicht. Dann springen Jugendliche Männer ins Wasser, bewaffnet mit einem 30 Zentimeter langem Messer und einem stumpfen Fanghaken. Der Haken stößt ins Blasloch des ersten erschöpften Tieres, zieht es an den Strand. Dann setzt der junge Mann das Messer am Nacken an und sticht zu. Er durchtrennt das Rückenmark und die Halsschlagader. Ein Schwall Blut fließt ins Wasser, langsam färbt sich die ganze Bucht rot.

 

Ein Tier nach dem anderen wird abgeschlachtet. (Credit: Mayk Wendt/Sea Shepherd Global)

Die ganze Wal-Familie muss mitansehen, wie ihre Verwandten abgeschlachtet werden. Tragende Mütter verlieren durch den Stress ihre Jungen. Bis alle Tiere erlöst sind, dauert es Stunden. Auf die Frage, warum man gleich die ganze Schule töten muss, antwortete ein Faringer mal: „Es wäre viel zu traumatisch für die Tiere, wenn sie nach solch einem Erlebnis weiterleben würden!“. Dem muss wohl nichts mehr hinzugefügt werden.

 

 

 

Das Fleisch der Wale ist stark mit Quecksilber sowie anderen Giften belastet und gesundheitsschädlich. (Credit: Rosie Kunneke/Sea Shepherd Global)

Das Fleisch der Pilotwale wird an die Teilnehmer des Grind, wie der Walfang auf den Färöer-Inseln genannt wird, verteilt. Bei uns würde es sicherlich nicht in den Handel gelangen, denn es ist, wie eine Studie ergab, hochgradig mit Quecksilber, DDT oder PCBs belastet. Die färöerische Gesundheitsbehörde riet 2008 erstmals offiziell davon ab, Walfleisch zu essen. Besonders Schwangere und Kinder sollten den Verzehr meiden. Trotzdem geht das Töten weiter.

Was treibt dieses ansonsten so friedliche, naturverbundene Volk der Faringer, die von den Wikingern abstammen, an? Die Tradition. Traditionen sind gut, wichtig für ein Volk – keine Frage, ob allerdings solch ein brutaler Brauch in der heutigen Zeit noch eine Berechtigung hat bleibt fragwürdig. Damals, vor 150 Jahren, war der Grind eine wichtige Methode um an Fleisch zu kommen, heutzutage gibt es auf den Färöer-Inseln moderne, gut gefüllte Supermärkte – hier muss niemand mehr sein Fleisch „erjagen“. Und trotzdem, selbst nach massiven Protesten, halten die Einwohner daran fest.