Cover der TAUCHEN 12/17
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bild-01-herbert-frei_dsc5954-x_preview © Eine außergewöhnliche amphibische Kamera mit vielen manuellen Einstellmöglichkeiten. Foto: H. Frei

Wasserdichte Kamera Leica X-U: Highend-Designerstück vom anderen Stern

Es gibt Kompaktkameras und es gibt die Leica „X-U“. Ein High-End-Designerstück wie vom anderen Stern. In der deutschen Edelschmiede Leica wird Handarbeit als Kult zelebriert. Herbert Frei ist mit der wasserdichten Kamera abgetaucht und hat dabei Licht, aber auch Schatten entdeckt.

Man mag es zuerst nicht glauben, aber Leica baut eine wasserdichte Kamera mit APS-C-Bildsensor. Druckfest bis 15 Meter Tiefe. Der Knaller aber ist das System: Es handelt sich hier um eine Kompaktkamera mit fest eingebautem Objektiv und einer Brennweite von 23 Millimetern, was kleinbildäquivalent einer 35-mm-Optik entspricht. Bei Leica muss man für diese Kompaktkamera mit APS-C-Bildsensor satte 3250 Euro auf den Tisch legen. Die Kamera weckt dadurch Ehrfurcht in religiösen Dimensionen. Aber was erkauft man sich da? Ob diese Leica zu einem Sammelgerät werden wird, kann man nur vermuten. Die drei teuersten Fotoapparate der Welt sind Leicas. Bis dahin hat die „X-U“ noch Zeit zur Wertsteigerung. Und diese Periode wird sie mit links überstehen, denn keine Kompakte weist eine vergleichbare Präzision und Verarbeitung auf. In die Jackentasche passt sie leider nicht, denn sie wiegt mit Akku stolze 635 Gramm. Und das Objektiv steht wie eine deutsche Eiche aus dem Body: kein Zoom, sondern Festbrennweite. Und man denkt verzweifelt: Die bei Leica sind halt so!

High-End-Kamera mit Super-Linse: Das Summilux-Objektiv besitzt eine Lichtstärke von 1:1,7 und ist mit vier asphärischen Linsen bestückt, die der chromatischen Aberration einen Kampf bis aufs Messer liefern – und letztendlich auch gewinnen. Foto: H. Frei

High-End-Kamera mit Super-Linse: Das Summilux-Objektiv besitzt eine Lichtstärke von 1:1,7 und ist mit vier asphärischen Linsen bestückt, die der chromatischen Aberration einen Kampf bis aufs Messer liefern – und letztendlich auch gewinnen. Foto: H. Frei

Licht und Schatten der Leica X-U liegen nah beieinander

Aber auf Dauer ist das Leben unter Wasser mit dieser Kamera so anstrengend wie die Besteigung des Mount Everests ohne Sauerstoff. Denn Makro-Linsen und Weitwinkelkonverter können nicht aufgesetzt werden. Das wäre für die Ingenieure Verrat am Können und schlimmer als Weinschorle von einem 1966er Château Lafite-Rothschild. Der optimale Wirkungsgrad hinsichtlich bester Bildschärfe und höchster Auflösung liegt bei Blende 8. Ins Objektiv fest eingebaut ist das Blitzgerät. Eine Mini-Leuchte mit Leitzahl fünf bei ISO 100, über Wasser wohlbemerkt. Da der mit 16 Megapixeln bestückte Bildsensor aber ISO 400 ohne Nachwirkungen schluckt wie ein stämmiger Bauarbeiter eine Kiste Bier, kann man mit einer UW-Leitzahl von 4,5 bei einem Meter Motivdistanz rechnen. Nicht viel, aber ausreichend, denn der Witz-Blitz reicht unter Wasser nur bis 0,4 Meter. Da sich die Optik bis 0,2 Meter nah einstellen lässt, kommt man in diesem Bereich durchaus klar, zumal man die Blitzbelichtung am Drei-Zoll-Monitor mit seinen 920 000 Pixeln kontrollieren kann. Einschränkend muss man aber sagen, dass das frontal verteilte Blitzlicht die Schwebeteilchen geradezu händeringend sucht.
Motivprogramme gibt es nicht. Auch das würde der Firmenphilosophie widersprechen. Dafür einen Button für die UW-Fotografie im Schnorchelbereich. An Belichtungs-betriebsarten stehen alle Programme einer Systemkamera bereit. Der Autofokus arbeitet sehr präzise, allerdings ist die Auslöseverzögerung mit 0,5 Sekunden kein Ruhmesblatt. Hinsichtlich der Bildqualität besteht nicht einmal der Hauch eines Zweifels, dass man hier das Nonplus-ultra einer Kompakten in der Hand hält. Darüber vergisst man gern, dass die Leica „X-U“ beim Speichern der Bilder ein Schneckentempo vorlegt. Vorbildlich ist die Kamera bei der Menüführung. Für Gegenlichtkünstler ist der Zentralverschluss gedacht. Er gestattet sogar mit einer Verschlusszeit von 1/2000-Sekunde synchron zu blitzen. Schade, dass man die Kamera nicht fiberoptisch nutzen kann. Wer, außer pathologischen Leica-Freaks, stellt manuell die Schärfe ein? Bei dieser Kamera funktioniert das perfekt – Präzision auf höchstem Niveau.

Die Leica „X-U“ ist unter Wasser in Verbindung mit der SeaDragon-LED-Leuchte eine gute Kombination. Foto: H. Frei

Die Leica „X-U“ ist unter Wasser in Verbindung mit der SeaDragon-LED-Leuchte eine gute Kombination. Foto: H. Frei

Fazit zur Leica X-U

Leica offeriert die „X-U“ als Outdoor-Gerät. Die Verarbeitung der Kamera ist erste Sahne. Wenig durchdacht sind die Einsatzmöglichkeiten aufgrund der Festbrennweite. Das Summilux-Objektiv hat hinsichtlich der Abbildungsleistungen keinen Gegner unter den Kompakten. Es ist wie mit Edel-Geländewagen, die in ihrem ganzen Autoleben nie einen verschlammten Feldweg gesehen haben. Dabei könnte man aus dem konstruktiven Prinzip dieser Kamera viel machen: Wechselobjektive vom Makro bis zum Fisheye, wasserdicht bis 60 Meter, fiberoptischer Anschluss. Liebe Leica-Konstrukteure, zeigt der Welt, dass es eine wasserdichte Kamera mit echten UW-Wechselobjektiven geben kann. Über den Preis wollen wir nicht fabulieren. Er wird gemäß der Firmenphilosophie hoch sein.