Kurzzusammenfassung:
Nacktschnecken (Nudibranchia) gehören zu den auffälligsten Motiven der Makrofotografie. Ihre Bestimmung gelingt jedoch nur selten über die Farbe allein. Entscheidend sind anatomische Merkmale wie Rhinophoren, Kiemenkranz, Cerata und Oberflächenstruktur. Auch das Mikrohabitat liefert wichtige Hinweise. Wer den Körperbau liest, kann viele Arten zuverlässig einordnen.
Die Welt der Nacktschnecken
Unter dem Begriff »Nacktschnecken« fasst man verschiedene Gruppen hausloser Meeresschnecken zusammen. International sind sie als Nudibranchs bekannt, vom Lateinischen nudus für nackt und branchia für Kiemen. Der Name beschreibt ein zentrales Merkmal: frei sichtbare Kiemen statt eines schützenden Gehäuses.
Für Taucher besonders relevant sind Doriden und Aeoliden. Doriden tragen ein Kranzkiemenbüschel am hinteren Rückenende und besitzen seitliche Mantelränder, häufig mit Höckern oder warziger Struktur. Aeoliden hingegen haben keinen sichtbaren Kiemenkranz. Auf ihrem Rücken sitzen fingerförmige Fortsätze, sogenannte Cerata, die oft leuchtend gefärbt sind. In diesen Cerata speichern sie aufgenommene Nesselkapseln ihrer Beutetiere und nutzen sie zur Verteidigung. Die Cerata sind damit nicht nur auffällige, sondern biologisch hochspezialisierte Strukturen.
Daneben existieren weitere markante Gruppen. Phyllidiiden zeigen eine warzige Oberseite mit kontrastreichen Farbfeldern. Andere Arten sind auf bestimmte Nahrungsquellen wie Eier spezialisiert und besitzen entsprechend reduzierte Mundwerkzeuge. Trotz der oft spektakulären Farbgebung gilt für die Bestimmung: Form schlägt Farbe.
Die Bestimmung unter Wasser
Der wichtigste Schritt, um Nacktschnecken zu bestimmen, ist das Lesen des Körperbaus. Achten Sie zunächst auf die Rhinophoren. Diese meist paarigen Fühler am Vorderkörper dienen der chemischen Wahrnehmung und sind gewissermaßen die »Nasen« unter Wasser. Ihre Form – glatt, längsgerieft oder lamelliert – ist ein wichtiges Merkmal.
Prüfen Sie, ob ein Kiemenkranz vorhanden ist oder ob Cerata den Rücken bedecken. Beachten Sie außerdem die Oberflächenstruktur: glatt, körnig oder deutlich warzig. Auch die Position der Rhinophoren und die Ausprägung des Mantelrandes liefern Hinweise.
Ebenso wichtig ist das Mikrohabitat. Lebt das Tier auf Schwämmen, Bryozoen (Moostiere), Hydrozoen (Nesseltiere), Weichkorallen oder Algen? Viele Arten sind Nahrungsspezialisten. Der Untergrund gibt daher häufig einen direkten Hinweis auf die Gattung. Wer die Beute erkennt, hat oft bereits die halbe Bestimmung geleistet.
Für die Dokumentation unter Wasser empfiehlt sich ruhiges Verhalten und eine zurückhaltende Beleuchtung. Geringe Fokuslichtleistung reduziert Stress für das Tier. Schräges Licht betont Oberflächenstrukturen, Rhinophoren und Kiemen. Eine zusätzliche Aufnahme von oben dokumentiert die Verteilung der Cerata oder den Kiemenkranz.
Farbe mit Vorsicht genießen
Farbmuster sind reizvoll, aber trügerisch. Innerhalb einer Art können stark unterschiedliche Farbmorphen auftreten. Umgekehrt sehen sich verschiedene Arten mitunter sehr ähnlich. Nutzen Sie die Farbe daher unterstützend, nicht führend.
Verlässlicher sind anatomische Details wie Rhinophorenform, Kiemenaufbau, Cerata-Form, Mantelrand und Oberflächenrelief. Notieren Sie Größe, Tiefe, Tageszeit und Verhalten. Viele Arten sind dämmerungs- oder nachtaktiv, was zusätzliche Hinweise liefern kann.
Ökologische Hinweise
Die meisten Nacktschnecken sind spezialisierte Räuber. Doriden ernähren sich häufig von Schwämmen oder Bryozoen, Aeoliden bevorzugen Hydrozoen oder Anemonen. Andere Arten leben auf Weichkorallen oder Gorgonien.
Zahlreiche Arten übernehmen chemische Abwehrstoffe oder Nesselkapseln ihrer Nahrung und setzen sie zur Verteidigung ein. Leuchtende Warnfarben können auf diese Wehrhaftigkeit hinweisen. Auch Eigelege sind charakteristisch: oft gerollt oder bandförmig abgelegt. Befinden sich Eier in unmittelbarer Nähe, unterstützt das die Zuordnung.
Verwechslungsgefahr: Nacktschnecke oder Plattwurm?
Auf den ersten Blick ähneln sich Nacktschnecken und Plattwürmer. Beide sind flach, häufig bunt und gleiten über den Untergrund. Biologisch jedoch unterscheiden sie sich grundlegend.
Nacktschnecken gehören zu den Weichtieren. Sie besitzen eine klar erkennbare Kopfregion mit zwei Fühlerpaaren, einen muskulösen Fuß und meist sichtbare Kiemen oder Cerata auf dem Rücken.
Plattwürmer hingegen zählen zu einer eigenen Tiergruppe. Sie sind extrem dünn, besitzen weder Kiemen noch Fühler und zeigen eine typische wellenförmige Bewegung. Häufig sind kleine Augenpunkte am Vorderende sichtbar.
Eine einfache Merkhilfe lautet: Sind Fühler oder Kiemen erkennbar, handelt es sich um eine Nacktschnecke. Ist der Körper sehr dünn, wellig und ohne erkennbare Anhänge, spricht dies für einen Plattwurm.
Hilfsmittel on- und offline
Unterwegs helfen Schreibtafel und Makrofotos bei der späteren Nachbestimmung. An Land unterstützen Bestimmungsbücher, wissenschaftlich kuratierte Bilddatenbanken, wie das World Register of Marine Species, regionale Artenkarten und digitale Plattformen mit Suchfunktionen. Auch KI-gestützte Anwendungen können erste Hinweise liefern, ersetzen bisher jedoch keine sorgfältige Prüfung anatomischer Merkmale.
Häufige Fragen zur Bestimmung von Nudibranches / Nackschnecken unter Wasser
Wie kann man Nacktschnecken unter Wasser sicher bestimmen?
Entscheidend sind anatomische Merkmale wie Rhinophoren, Kiemenkranz, Cerata und Oberflächenstruktur. Die Farbe allein reicht nicht aus.
Warum sind viele Arten so auffällig gefärbt?
Leuchtende Farben dienen häufig als Warnsignal, da viele Arten Gifte oder Nesselkapseln ihrer Beute speichern.
Woran erkennt man den Unterschied zwischen Nacktschnecke und Plattwurm?
Nacktschnecken besitzen Fühler und meist sichtbare Kiemen oder Cerata. Plattwürmer sind dünn, ohne Anhänge und bewegen sich wellenförmig.
Dieser Beitrag ist Teil 5 der Serie »Erkennen und identifizieren« auf tauchen.de. Bisher in der Reihe »Unter Wasser erkennen« erschienen:
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