Geborgenes deutsches Militärmotorrad DKW NZ 350-1 aus der Donau in Budapest
Wissen

Niedrigwasser: Europas Flüsse geben Geschichte frei

Niedrige Pegel legen Mammutknochen, römische Brücken, Schiffswracks und Relikte des Zweiten Weltkriegs in Europas Flüssen frei.

Karl Döhler
dpa/Arnulf Stoffel
Darko Vojinovic/The Associated Press
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e. V.
Lyuboslav Yordanov / Slivo Pole Municipality
WDR / Maike Krebber
Alessia Pierdomenico/Bloomberg
Regionales Historisches Museum Plewen

Extrem niedrige Wasserstände haben im Sommer 2026 in mehreren europäischen Flüssen historische Spuren sichtbar gemacht. In Donau, Rhein und Tiber tauchten Mammutknochen, römische Bauwerke, ein Schiffswrack und Relikte des Zweiten Weltkriegs auf. Einige der Fundstellen waren bereits bekannt, andere liefern Forschern neue Hinweise auf die Vergangenheit.

Niedrigwasser: Europas Flüsse geben Geschichte frei

Die Sommerhitze hatte Europas Flüsse fest im Griff. Wo die Wasserstände immer weiter sanken, kamen Dinge zum Vorschein, die sonst unter Wasser und Sediment verborgen bleiben: Mammutknochen, römische Brücken, historische Schiffswracks und Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg.

Von der Donau über den Rhein bis zum Tiber verwandelten sich trockengefallene Flussufer und freiliegende Flussbetten im Sommer 2026 zeitweise in Fenster zur Vergangenheit. Manche Funde waren neu, andere seit langem bekannt und lediglich selten sichtbar. Gemeinsam erzählen sie Geschichten, die von der Eiszeit über die römische Antike bis in das 20. Jahrhundert reichen.

Mammutreste in der Donau bei Ryahovo

Mammutknochen im trockengefallenen Bereich der Donau bei Ryahovo in Bulgarien
Das Niedrigwasser der Donau legte bei Ryahovo Überreste eines Mammuts frei.

Ende Juli entdeckte ein Einwohner des bulgarischen Dorfes Ryahovo große Knochen im durch das Niedrigwasser freigelegten Bereich der Donau. Fachleute des Regionalhistorischen Museums in Ruse untersuchten und bargen die Überreste.

Zum Fund gehören unter anderem ein Unterkiefer, Stoßzähne beziehungsweise Stoßzahnfragmente, Rippen, ein Schulterblatt und weitere Skelettteile. Die Forscher gehen davon aus, dass die Knochen von einem Mammut stammen. Nach den bisherigen Untersuchungen dürfte es sich wahrscheinlich um ein Wollhaarmammut gehandelt haben. Das Tier war offenbar noch vergleichsweise jung.

Eine genaue Datierung steht noch aus. Fachleute vermuten, dass das Gebiet in vorgeschichtlicher Zeit von sumpfigen Landschaften geprägt war. Ob das Mammut tatsächlich an der Fundstelle starb oder seine Überreste später dorthin gelangten, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Das außergewöhnlich niedrige Wasser der Donau machte die Knochen überhaupt erst zugänglich.

Hinweise auf einen römischen Hafen bei Bonn-Beuel

Archäologische Untersuchung eines Holzpfahls im trockengefallenen Rheinbett bei Bonn-Beuel
Holzpfähle im Rheinbett könnten zu einer römischen Hafen- oder Uferanlage gehört haben.

Auch am Rhein sorgt Niedrigwasser für neue Einblicke in die Vergangenheit. Im Raum Bonn-Beuel entdeckten Archäologen des LVR-Amts für Bodendenkmalpflege mindestens drei Holzpfähle im freigelegten Flussbett.

Die Fundstelle ist für Fachleute besonders interessant. Bereits 1985 war dort ein Pfahl entdeckt worden, außerdem wurden in der Umgebung römische Keramik und Bleigegenstände gefunden. Der Bereich ist deshalb bereits als Bodendenkmal eingetragen.

Einer der neu entdeckten, rund 60 Zentimeter langen Pfähle wurde vollständig geborgen. Mithilfe der Dendrochronologie, also der Untersuchung seiner Jahresringe, soll nun sein Alter bestimmt werden.

Erst danach lässt sich beurteilen, ob die Holzkonstruktionen tatsächlich aus römischer Zeit stammen. Sollte sich die Datierung bestätigen, könnten sie zu einer Hafen- oder Uferanlage am Rhein gehört haben.

Die sogenannte Nero-Brücke im Tiber

Reste der antiken Pons Neronianus im niedrigen Wasser des Tiber in Rom
Bei niedrigem Pegel werden die Reste der antiken Pons Neronianus im Tiber wieder sichtbar

Auch mitten in Rom wurde die Vergangenheit wieder sichtbar. Im außergewöhnlich niedrigen Wasser des Tiber ragten erneut Teile der sogenannten Pons Neronianus aus dem Flussbett.

Die Reste der antiken Brücke liegen nahe der Engelsburg und der heutigen Ponte Vittorio Emanuele II. Die Querung verband einst den Campus Martius mit dem rechten Tiberufer und dem Gebiet des heutigen Vatikan.

Der Name »Nero-Brücke« legt nahe, dass das Bauwerk unter Kaiser Nero zwischen 54 und 68 n. Chr. entstand. Die genaue Datierung ist allerdings nicht eindeutig. Einige Historiker führen die Anlage bereits auf Kaiser Caligula zurück und gehen davon aus, dass eine Brücke an dieser Stelle schon um 39 n. Chr. existierte.

Neu entdeckt wurde die Anlage durch das Niedrigwasser nicht. Die Überreste der Pfeiler werden bei besonders niedrigen Wasserständen immer wieder sichtbar. Der Sommer 2026 gewährte jedoch erneut einen ungewöhnlich freien Blick auf das fast 2000 Jahre alte Bauwerk.

Die Konstantinbrücke in der Donau

der Donau.jpgUnter Wasser liegende Fundamente der römischen Konstantinbrücke in der Donau
Das Niedrigwasser ermöglichte Archäologen einen seltenen Blick auf die erhaltenen Fundamente der Konstantinbrücke.

Noch eindrucksvoller sind die Dimensionen einer weiteren römischen Brücke, deren Fundamente durch das niedrige Wasser der Donau bei Gigen im Norden Bulgariens sichtbar wurden.

Die sogenannte Konstantinbrücke verband einst die römische Stadt Ulpia Oescus auf der heutigen bulgarischen Seite der Donau mit Sucidava im heutigen Rumänien. Sie wurde unter Kaiser Konstantin I. errichtet und im Jahr 328 n. Chr. eingeweiht.

Mit einer Länge von mehr als zwei Kilometern gehörte sie zu den längsten Brückenbauten der Antike. Lange genutzt wurde sie vermutlich nicht: Bereits im 4. Jahrhundert dürfte ein großer Teil der Konstruktion zerstört worden sein.

Normalerweise liegen die erhaltenen Fundamente unter dem Wasser der Donau. Das extreme Niedrigwasser gab Archäologen 2026 deshalb eine seltene Gelegenheit, die Strukturen direkt zu untersuchen. Forscher des Regionalhistorischen Museums in Pleven dokumentierten die sichtbaren Reste unter anderem mit Luftaufnahmen und Drohnen.

Ein alter Mühlstein im Rhein bei Kaiserswerth

Historischer Mühlstein im trockengefallenen Rheinbett bei Düsseldorf-Kaiserswerth
Der rund 800 Kilogramm schwere Stein kam bei Niedrigwasser im Rheinbett bei Kaiserswerth zum Vorschein.

Im trockengefallenen Rheinbett bei Düsseldorf-Kaiserswerth kam ein massiver Mühlstein zum Vorschein. Er misst etwa 1,35 Meter im Durchmesser, ist rund 20 Zentimeter dick und wiegt schätzungsweise 800 Kilogramm.

Möglicherweise steht der Stein mit einer historischen Mühle auf der Bastion St. Maximilian in Verbindung. Dort wurde mindestens bis zum Jahr 1814 eine Kornmühle betrieben.

Ob der Stein tatsächlich aus dieser Mühle stammt, ist allerdings nicht geklärt. Ebenso denkbar ist, dass er für die Anlage bestimmt war, sie aber nie erreichte. Solche schweren Steine wurden häufig per Schiff transportiert. Der Mühlstein könnte deshalb bereits beim Be- oder Entladen in den Rhein gefallen sein.

Inzwischen wurde der Fund geborgen. Wie genau er in das Flussbett gelangte und wie alt er tatsächlich ist, bleibt Gegenstand weiterer Untersuchungen.

Das Wrack der »De Hoop« bei Emmerich

Hölzernes Wrack der De Hoop bei Niedrigwasser am Rhein bei Emmerich
Nur bei sehr niedrigen Rheinpegeln treten größere Teile des historischen Wracks der »De Hoop« hervor.

Kein neuer Fund, aber ein selten sichtbares Zeugnis der Schifffahrtsgeschichte ist das Wrack der »De Hoop« am Niederrhein bei Emmerich.

Der hölzerne Frachter sank 1895 im Zusammenhang mit einer schweren Dynamitexplosion. Normalerweise liegen große Teile des Wracks unter Wasser und Sediment. Nur bei besonders niedrigen Pegelständen tritt das hölzerne Gerippe deutlich hervor.

Bereits während des extremen Niedrigwassers von 2018 war das Wrack weitgehend freigelegt. Im Sommer 2026 wurden erneut größere Teile der Holzkonstruktion sichtbar.

Damit ist die »De Hoop« ein gutes Beispiel dafür, dass Niedrigwasser nicht zwangsläufig völlig unbekannte Fundstellen ans Licht bringt. Häufig werden bekannte Relikte lediglich für kurze Zeit zugänglich und können dadurch erneut dokumentiert und untersucht werden.

Wehrmachtsmotorrad und Kriegstote in Budapest

Freigelegtes deutsches Schiffswrack aus dem Zweiten Weltkrieg in der Donau
Niedrige Donaupegel lassen immer wieder Wracks aus dem Zweiten Weltkrieg aus dem Flussbett auftauchen.

Besonders unmittelbar führt ein Fund in Budapest in die Geschichte des Zweiten Weltkriegs.

Anfang August tauchte am Budaer Ufer der Donau nahe dem Batthyány-Platz ein deutsches Militärmotorrad aus dem Flussbett auf. Inzwischen steht fest, dass es sich um eine DKW NZ 350-1 handelt, die 1944 in Zschopau produziert wurde. Dieses Modell war speziell für den militärischen Einsatz entwickelt worden.

In unmittelbarer Nähe wurden außerdem deutsche Tellerminen sowie die sterblichen Überreste zweier deutscher Soldaten entdeckt. Mitarbeiter des ungarischen Instituts und Museums für Militärgeschichte bargen das Motorrad, während der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge die menschlichen Überreste sicherte.

Bei den Toten fanden sich zwei gut erhaltene Erkennungsmarken sowie weitere militärische Gegenstände. Die Marken ermöglichen den Fachleuten, nach mehr als 80 Jahren nach der Identität der Männer zu suchen.

Ob die beiden Soldaten unmittelbar mit dem Motorrad in Verbindung standen und unter welchen Umständen sie starben, ist bislang nicht abschließend geklärt.

Wenn Flüsse zu archäologischen Fenstern werden

Geborgenes deutsches Militärmotorrad DKW NZ 350-1 aus der Donau in Budapest
Das 1944 gebaute Militärmotorrad wurde zusammen mit weiteren Relikten des Zweiten Weltkriegs in Budapest entdeckt.

Niedrigwasser verändert nicht nur Schifffahrt, Ökosysteme und Wasserversorgung. Es verändert auch den Zugang zur Vergangenheit. Bereiche, die normalerweise dauerhaft überspült oder von Sediment bedeckt sind, liegen plötzlich offen.

Für Archäologen kann das eine seltene Gelegenheit sein. Strukturen lassen sich vermessen, fotografieren und teilweise bergen, bevor steigendes Wasser sie wieder verdeckt. Gleichzeitig sind solche Fundstellen empfindlich. Materialien wie Holz oder Knochen, die über lange Zeit in feuchter oder sauerstoffarmer Umgebung erhalten geblieben sind, können nach dem Freilegen schnell Schaden nehmen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Ein historischer Gegenstand im Flussbett ist nicht automatisch ungefährlich. Gerade an Rhein und Donau kommen bei Niedrigwasser immer wieder Munition, Granaten und andere Kampfmittel aus den beiden Weltkriegen zum Vorschein. Solche Gegenstände solltest Du niemals berühren oder selbst bergen, sondern den Fundort Polizei oder zuständigen Behörden melden.

Die Funde des Sommers 2026 zeigen damit zwei Seiten desselben Phänomens. Extreme Niedrigwasserstände sind für Flüsse, Schifffahrt und Ökosysteme problematisch. Gleichzeitig öffnen sie für kurze Zeit ein Fenster in Schichten der Geschichte, die sonst unsichtbar unter der Wasseroberfläche liegen.

Dieser Beitrag stammt von Dr. Florian Huber und erschien ursprünglich in TAUCHEN 10/2026. Für die Veröffentlichung auf tauchen.de wurde der Text redaktionell für das Web angepasst.

Dr. Florian Huber (© Uli Kunz)
Der Unterwasserarchäologe, Forschungstaucher und Autor Dr. Florian Huber beschäftigt sich in seinen Arbeiten unter anderem mit marinen Ökosystemen und der Erforschung des Ozeans. Foto: © Uli Kunz

Weitere Artikel über Unterwasser-Archälogie

Historische Wracks im Greifswalder Bodden
Römische Schiffsladung im Neunburger See
»San José« – Erste Funde aus dem Wrack bei Cartagena

Externe Quellen

Regional History Museum Ruse / Bulgarische Nachrichtenagentur BTA – Mammutfund bei Ryahovo
Westdeutscher Rundfunk – archäologische Funde bei Niedrigwasser am Rhein
ANSA und Museo Nazionale di Castel Sant’Angelo – Pons Neronianus in Rom
Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge – Funde in der Donau bei Budapest