Dugongs über Seegraswiesen, winzige Blattschafschnecken beim Nachttauchgang und ein neugieriger Longimanus am Elphinstone Reef: Rund um das Equinox Beach Resort zeigt Marsa Alam, wie unterschiedlich Tauchen im südlichen Roten Meer sein kann.
Marsa Alam liegt im Süden Ägyptens an der Küste des Roten Meeres und gehört seit Jahrzehnten zu den vielseitigsten Tauchregionen des Landes. Legendäre Plätze wie Elphinstone und die Riffe von Abu Dabbab locken mit Großfisch und spektakulären Steilwänden. Doch auch unmittelbar vor der Küste gibt es einiges zu entdecken – etwa in der großen Bucht vor dem Three Corners Equinox Beach Resort zwischen Port Ghalib und Marsa Alam.
Zwischen Sandfläche und Korallenblöcken
Direkt am Strand schnappst Du Dir die Tauchflasche, steigst ins Hausriff-Zodiac und bist keine fünf Minuten später draußen in der großen Bucht. Mohamed möchte uns heute die äußersten Riffblöcke seines Hausriffs zeigen. Der langjährige Basisleiter spricht perfekt Deutsch und hat sich auch nach vielen Jahren im Tauchbusiness die Lust am Tauchen bewahrt.
Rolle rückwärts – und ab geht es im freien Fall auf knapp 30 Meter.
Zunächst erwartet uns eine eher karge Landschaft. Sandhügel wechseln sich mit lichten Seegrasbeständen und fingerlangen Grünalgen ab. Hat sich Mohamed bei der Position dieser selten betauchten Stelle geirrt?
Offenbar nicht. Am Horizont zeichnet sich ein großer Schatten ab. Wenige Flossenschläge später herrscht Gewissheit: Vor uns erhebt sich ein isolierter Korallenblock aus der Ebene. Fahnen- und andere Riffbarsche, Falter-, Drücker- und Kaiserfische bevölkern ihn. Selbst eine Anemone samt Clownfischen hat hier ihren Platz gefunden.
Ein Trupp juveniler Stachelmakrelen schießt auf der Jagd nach Kleinfischen durchs Riff, während dichte Wolken pinkfarbener Anthias unaufhörlich nach Plankton schnappen. Der größte Block reicht bis auf etwa 15 Meter Tiefe hinauf und steht wie ein kleiner Berg in der Sandfläche.
Wir haben ihn kaum halb umrundet, da kommt plötzlich ein knappes Dutzend Fledermausfische um die Ecke. Ohne erkennbare Scheu schwimmen die Tiere direkt auf uns zu, inspizieren uns aus nächster Nähe und ziehen anschließend zum nächsten Block weiter.
Plötzlich kommt ein Dugong
Gerade habe ich die Fledermausfische als Hochformatmotiv im Sucher, als ein unförmiger Schatten durch den oberen Bildrand zieht.
Tatsächlich: Ein Dugong taucht ab und gleitet zu uns hinunter.
So tief und so weit von der Küste entfernt hätten wir eine Seekuh nicht erwartet. Mit einigen kräftigen Schlägen der gegabelten Schwanzflosse erreicht der gut zweieinhalb Meter lange Meeressäuger den Boden und beginnt unmittelbar damit, im Seegras nach Nahrung zu suchen.
Dabei wühlt er den Untergrund auf und zieht eine Sedimentwolke hinter sich her. Vollkommen unbeeindruckt von unserer Anwesenheit arbeitet sich das Tier durch die Seegrasfläche.
In der Region um Abu Dabbab und Marsa Alam werden Dugongs regelmäßig beobachtet. Sie sind deshalb ein begehrtes Ziel von Schnorchel- und Tauchausflügen. Gerade deshalb ist Zurückhaltung wichtig: Abstand halten, den Tieren nicht den Weg abschneiden und sie keinesfalls berühren. Eine Sichtung sollte vom Verhalten des Tieres bestimmt werden – nicht vom Wunsch nach dem möglichst nahen Foto.
Nachttauchgang im Hausriff
Nach einer ausgiebigen Oberflächenpause geht es erst bei Einbruch der Dämmerung wieder ins Wasser. Diesmal stapfen wir auf eigene Faust vom Strand hinaus. Ein Nachttauchgang in der weitläufigen Hausriffbucht steht an.
Über sanft abfallenden Grund geht es vorbei an Flötenfischen, jagenden Rotfeuerfischen und Blaupunktrochen in den Fünf-Meter-Bereich. Sogar ein halbwüchsiger Schwarzspitzen-Riffhai schwimmt kurz durch den Lichtkegel unserer Lampen.
Doch heute interessieren uns wesentlich kleinere Tiere.
Zwischen den Seegrasblättern wachsen vereinzelt sattgrüne Fächeralgen. Sie sind der Lebensraum winziger Blattschafschnecken, die wegen ihres Aussehens häufig als »Shaun-the-Sheep-Schnecken« bezeichnet werden.
Zwei Millimeter voller Überraschungen
Die bei Makrofotografen beliebten Schnecken sind gerade einmal wenige Millimeter lang. Lange suchen müssen wir nicht. Bereits auf der ersten geeigneten Alge sitzen drei Tiere – eines davon ist für seine Art ausgesprochen groß.
Also Vorsatzlinse auf die Kamera und näher heran. Erst unter starker Vergrößerung werden die feinen Strukturen der kleinen Weichtiere sichtbar.
Noch bemerkenswerter ist ihre Biologie. Blattschafschnecken ernähren sich von Algen und verdauen dabei nicht sämtliche Bestandteile ihrer Nahrung. Funktionsfähige Chloroplasten können im Körper der Schnecke eingelagert werden.
Dieser Vorgang wird als Kleptoplastie bezeichnet. Die »gestohlenen« Chloroplasten bleiben eine Zeit lang aktiv und ermöglichen der Schnecke, indirekt die Produkte der Photosynthese zu nutzen. Damit gehören die unscheinbaren Winzlinge zu den biologisch ungewöhnlichsten Bewohnern der Seegrasflächen.
Völlig auf unsere Makromotive konzentriert, nehmen wir ein seltsam vertrautes Geräusch hinter uns zunächst kaum wahr.
Als wir uns umdrehen, glauben wir unseren Augen nicht zu trauen.
Keine Armlänge entfernt frisst sich eine Seekuh durch den Bodengrund.
Diesmal scheint der Dugong den Spieß umzudrehen: Nicht wir suchen ihn – er taucht bei uns auf.
Wie ungewöhnlich die Begegnung ist, wird uns erst am nächsten Morgen bewusst. Mohamed hat in all den Jahren hier noch nie einen Dugong bei einem Nachttauchgang gesehen.
Das ist durchaus nachvollziehbar. Nachttauchgänge führen normalerweise entlang des Riffs. In der nahezu ebenen Seegrasfläche fehlen dagegen markante Orientierungspunkte, weshalb sie nachts deutlich anspruchsvoller zu navigieren ist.
Auf Großfischkurs am Elphinstone Reef
Nach zwei Bootsausflügen zu vorgelagerten Riffen von Abu Dabbab mit viel Fisch, Korallen, Grotten und alten Wrackresten sitzen wir am nächsten Morgen bereits früh in einem der Schnellboote.
Kurs Südost.
Mit dabei sind wieder Mohamed und sein Sohn Karim, der während der Ferien an der Basis mithilft. Die Leidenschaft für das Meer hat er offenbar von seinem Vater übernommen: Er studiert Meeresbiologie.
Bei nahezu spiegelglatter See erreichen wir nach kurzer Fahrt Elphinstone. Das langgestreckte Offshore-Riff gehört zu den bekanntesten Tauchplätzen des südlichen Roten Meeres und wird regelmäßig von Safarischiffen angelaufen.
Spektakuläre Steilwände verschwinden in großen Tiefen, dicht bewachsene Korallenwände bieten zahllosen Rifffischen Lebensraum – und über allem steht die Hoffnung auf Großfisch.
Als erste Taucher des Tages lassen wir uns an der Nordspitze des rund 600 Meter langen Riffs ins Wasser fallen.
Fantastische Sicht. Abstieg ins Blau. Niemand sonst im Wasser.
In gut 20 Metern Tiefe erreichen wir das Nordplateau. Zunächst arbeiten wir gegen die spürbare Strömung, bevor wir an der Ostseite des Riffs entlangtreiben können.
Große Gorgonien stehen nahe der Sporttauchgrenze. Darüber wuchern Weichkorallen, zwischen denen Fahnenbarsche stehen. Kleine Trupps von Stachelmakrelen ziehen vorbei, einzelne Thunfische patrouillieren im Blauwasser.
Eine Karettschildkröte frisst zwischen den Weichkorallen, zwei kapitale Napoleons ziehen am Riff entlang. Überall herrscht Bewegung.
Immer wieder wechseln wir zwischen Steilwand und Blauwasser und bleiben überwiegend im Bereich um 30 Meter. Der Blick geht hinaus ins Freiwasser: Hai, Manta oder vielleicht sogar Delfine? An Elphinstone ist vieles möglich – planbar ist davon wenig.
Geduld zahlt sich aus
Schließlich zwingt uns die schrumpfende Nullzeit trotz Nitrox langsam nach oben. In Riffnähe begegnen wir einem stattlichen Barrakuda und kurz darauf einer fotogenen Schule Schnapper.
Nur Haie fehlen.
Noch.
Die Strömung ist stärker als zunächst gedacht. Nach rund 50 Minuten erreichen wir bereits die Südspitze des Riffs. Inzwischen liegen dort auch die ersten Safarischiffe.
Für den Sicherheitsstopp schwenken wir noch einmal hinaus ins Freiwasser und drehen in Sichtweite der Boote einige Runden.
Dann erscheint ein Punkt in der Ferne.
Zunächst ist es kaum mehr als Hoffnung. Doch der Punkt wird größer.
Ein Weißspitzen-Hochseehai – ein Longimanus.
Der Hai kommt direkt auf uns zu. Ohne erkennbare Nervosität nähert er sich immer weiter, bis der Abstand schließlich fast unangenehm klein wird. Das Tier zieht unmittelbar an der Kamera vorbei und dreht erst im letzten Moment ab.
Eine jener Begegnungen, bei denen sich die Perspektive schlagartig verändert: Eben noch haben wir nach einem Hai gesucht. Jetzt ist er so nah, dass für das geplante Foto kaum noch Platz bleibt.
Von Abu Dabbab bis Abu Ghusun
In den folgenden Tagen wollen wir möglichst unterschiedliche Seiten des Tauchgebiets kennenlernen. Das Spektrum reicht vom Tagesschiff über Schnorchelausflüge bis zur ganztägigen Fahrt nach Abu Ghusun weit südlich von Marsa Alam.
Dort liegt unmittelbar vor der Küste die »Hamada«. Das Frachtschiff sank Anfang der 1990er-Jahre und hatte unter anderem Kunststoffgranulat geladen.
Heute ist das Wrack bewachsen und von zahlreichen Fischen besiedelt. Noch immer lassen sich im Inneren Teile der Ladung erkennen. Deutlich interessanter finden wir allerdings einen stattlichen Krokodilsfisch, der am Oberdeck nahezu perfekt getarnt auf Beute wartet.
Doch zum Abschluss unserer Reise müssen wir noch einmal zurück ins Hausriff.
Danach stehen im Logbuch Schildkröten, Federschwanzstechrochen – und wie sollte es anders sein – noch einmal ein Dugong.
Gerade diese Mischung macht das Tauchen in Marsa Alam aus. Seegrasflächen und Makroleben liegen nur wenige Minuten von Korallengärten und Steilwänden entfernt. Ein Tauchgang kann sich um wenige Millimeter große Schnecken drehen, der nächste um Schildkröten, Dugongs oder Hochseehaie.
Manchmal sogar alles innerhalb weniger Tage.
Tauchen bei Extra Divers Equinox
Die Tauchbasis Extra Divers Equinox liegt direkt am Strand des Three Corners Equinox Beach Resorts. Basisleiter Mohamed Saleh spricht Deutsch.
Das Hausriff erstreckt sich über eine große, geschützte Bucht mit Seegrasflächen, einzelnen Korallenblöcken und Korallengärten. Getaucht wird vom Strand oder mit dem Hausriff-Zodiac. Hinzu kommen Ausfahrten mit Schnellboot, Tagesboot und Minibus.
Zu den erreichbaren Tauchplätzen gehören unter anderem Küstenriffe, Abu Dabbab, Elphinstone sowie Abu Ghusun.
Taucher mit wenig Erfahrung tauchen entsprechend den Vorgaben der Basis mit Guide. Erfahrene Buddyteams können nach Einweisung auch selbstständig am Hausriff unterwegs sein. Für bestimmte Tauchplätze und Tauchprofile gelten zusätzliche Erfahrungs- und Brevetanforderungen.
Vor dem ersten selbstständigen Tauchgang gehört ein Eingewöhnungstauchgang beziehungsweise eine Einweisung in das Hausriff zum Ablauf.
Nitrox ist ohne Zusatzkosten verfügbar.
Schnorcheln und Dugongs
Die flach abfallende Bucht eignet sich auch für Schnorchler. Schildkröten und verschiedene Rochen lassen sich regelmäßig im Bereich der Seegrasflächen beobachten. Mit Glück kommt auch einer der Dugongs in die Bucht.
Wie beim Tauchen gilt: Die Tiere sollten nicht verfolgt, eingekreist oder berührt werden. Besonders bei Dugongs entscheidet zurückhaltendes Verhalten darüber, ob aus einer Begegnung eine ruhige Beobachtung oder zusätzlicher Stress für das Tier wird.
Beste Reisezeit für Marsa Alam
Tauchen ist in Marsa Alam ganzjährig möglich. Im Winter sinken die Wassertemperaturen auf etwa 22 Grad Celsius, während sie im Hochsommer deutlich über 28 Grad steigen können.
Neben der Wassertemperatur unterscheiden sich auch Wind, Strömung und Sichtbedingungen je nach Jahreszeit. Für Offshore-Plätze wie Elphinstone sind die jeweiligen Bedingungen und die Einschätzung der Tauchbasis entscheidend.
Unterkunft
Das Three Corners Equinox Beach Resort liegt direkt an der geschützten Bucht von El Nabaa. Zur Anlage gehören mehrere Unterkunftsgebäude, Gartenflächen, Pools und ein eigener Strand.
Für Taucher besonders praktisch: Die Extra-Divers-Basis befindet sich unmittelbar am Strand, und die Boote können über den hoteleigenen Steg beziehungsweise direkt von der Basis aus genutzt werden.
Lage und Anreise
Das Equinox Beach Resort befindet sich an der Küste des Roten Meeres nördlich von Marsa Alam. Der internationale Flughafen Marsa Alam befindet sich rund 30 Kilometer entfernt. Der Transfer ist damit deutlich kürzer als bei einer Anreise über Hurghada.
Direktflüge nach Marsa Alam werden saison- und veranstalterabhängig von verschiedenen deutschen Flughäfen angeboten.
Der Beitrag von Barbara und Wolfgang Pölzer erschien ursprünglich in TAUCHEN 03/26 und wurde für die Webveröffentlichung redaktionell angepasst.
Kontaktinformationen und Links
Tauchbasis: Extra Divers Equinox
Hotel: Three Corners Equinox Beach Resort
Veranstalter: Reisecenter Federsee,
Telefon: +49 7582 9320790
E-Mail: reisen@reisecenter-federsee.de
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Häufige Fragen zum Tauchen in Marsa Alam
Wo liegt Marsa Alam?
Marsa Alam liegt im Süden Ägyptens an der Küste des Roten Meeres. Die Region ist für Hausriffe, Seegrasflächen, Steilwände und bekannte Tauchplätze wie Elphinstone und Abu Dabbab bekannt.
Kann man in Marsa Alam Dugongs sehen?
Ja. In der Region rund um Abu Dabbab und einige geschützte Buchten werden Dugongs regelmäßig beobachtet. Eine Sichtung ist dennoch nie garantiert. Wichtig ist, Abstand zu halten und die Tiere nicht zu verfolgen oder zu berühren.
Wann ist die beste Zeit zum Tauchen in Marsa Alam?
Tauchen ist ganzjährig möglich. Im Winter liegen die Wassertemperaturen ungefähr bei 22 Grad Celsius, im Sommer deutlich höher. Die Bedingungen an Offshore-Riffen wie Elphinstone können sich durch Wind und Strömung stark unterscheiden.
Ist Elphinstone für Anfänger geeignet?
Eher nicht. Strömung, Tiefe und Blauwasserpassagen machen Elphinstone zu einem Tauchplatz für erfahrene Taucher. Die konkrete Einschätzung hängt von den Bedingungen und den Vorgaben der jeweiligen Tauchbasis ab.
Welche Haie kann man bei Marsa Alam sehen?
Unter anderem können Weißspitzen-Hochseehaie, Schwarzspitzen-Riffhaie und andere Haiarten vorkommen. Sichtungen hängen stark von Tauchplatz, Jahreszeit und aktuellen Bedingungen ab.
Kann man in Marsa Alam direkt vom Strand tauchen?
Ja. Viele Anlagen verfügen über Hausriffe, die direkt vom Strand oder zusätzlich per Zodiac erreichbar sind. Am Equinox Beach Resort liegt die Tauchbasis unmittelbar an der großen Hausriffbucht.
Lohnt sich Marsa Alam auch für Makrofotografie?
Ja. Neben Großfisch und Schildkröten gibt es in Seegrasflächen und an kleinen Korallenblöcken auch zahlreiche kleine Motive. Dazu gehören etwa Blattschafschnecken, Garnelen, kleine Rifffische und andere Makrolebewesen.
Kann man in Marsa Alam auch nachts tauchen?
Ja. Nachttauchgänge werden an geeigneten Hausriffen angeboten. In weitläufigen Seegrasflächen kann die Orientierung allerdings schwieriger sein als entlang einer klar erkennbaren Riffkante.
Braucht man für das Tauchen in Marsa Alam einen Guide?
Das hängt von Erfahrung, Tauchplatz und den Regeln der jeweiligen Basis ab. Weniger erfahrene Taucher werden in der Regel geführt. Erfahrene Buddyteams können an manchen Hausriffen nach Einweisung selbstständig tauchen.
Ist Marsa Alam auch für Schnorchler geeignet?
Ja. Besonders flache Seegrasbuchten eignen sich gut zum Schnorcheln. Dort lassen sich häufig Schildkröten und Rochen beobachten, mit Glück auch Dugongs.