Die neue TAUCHEN Oktober Ausgabe 2017.
Dichter Bewuchs der „Le Polynesien“. Das 152 Meter lange Wrack wird auch als die „Titanic von Malta“ bezeichnet.

Dichter Bewuchs der „Le Polynesien“. Das 152 Meter lange Wrack wird auch als die „Titanic von Malta“ bezeichnet. © Foto: W. Pölzer

Tauchen auf Gozo: Wracks in der Tiefe

Die Insel ist bekannt für spektakuläre Höhlen und künstlich versenkte Wracks im kristallklaren Wasser. Weniger bekannt: sensationelle Leckerbissen für Tech-Taucher! Wolfgang Pölzer begab sich für TAUCHEN in größere Tiefen.

Mit müdem Pfeifen entweicht der letzte Lufthauch aus unseren Blasen. Schnell in bequeme Bauchlage bringen, dann geht die Fahrt los. Angenehm schwer liegt der Doppelpack auf dem Rücken. Gleichsam Fallschirmspringern sinken wir mit zunehmender Geschwindigkeit in die Tiefe. Die dünne Abstiegsleine ist der einzige Anhaltspunkt im unwahrscheinlich tiefen Blau. Eine Gefühlsmischung aus Entspannung und freudiger Erwartung macht sich breit.

Legendäres Gozo-Wrack: „Le Polynesien“

Zuerst nur eine Vorahnung, dann eine dunkle Silhouette, die sich zunehmend zu einem gigantischen Wrack formt. Höchste Zeit abzubremsen, wir sind da! Trotz fantastischer Sichtweiten lassen sich die Ausmaße der 152 Meter langen „Titanic von Malta“ nur erahnen. Spricht man über die „Le Polynesien“, wie der französische Luxusliner von 1890 tatsächlich heißt, beginnen die Augen von Kennern zu leuchten. Der Ende des Ersten Weltkriegs von einem deutschen U-Boot versenkte Dampf-Segler gilt unter Wracktauchern als das Highlight der Gegend. Verantwortlich dafür: seine exponierte Lage mit oft starken Strömungen, die große Tiefe und eine Menge an Artefakten, die seit bald 100 Jahren noch immer unberührt an Ort und Stelle ruhen.

Das britische Kampfflugzeug „Bristol Blenheim Bomber“ sank 1941 unwiederbringlich. Foto: W. Pölzer

Das britische Kampfflugzeug „Bristol Blenheim Bomber“ sank 1941 unwiederbringlich. Foto: W. Pölzer

In über 50 Metern Tiefe schwimmen wir entlang dem leicht schräg geneigten Stahlkoloss Richtung Heck. Das Metall ist längst verschwunden unter einer dicken Kruste aus schwefelgelben Schwämmen, rötlichen Seescheiden und fahlweißen Geflechten von Kalkröhrenwürmern. Ein knallroter Seestern hockt jetzt da, wo einst bis zu 350 Passagiere über das Oberdeck flaniert sind. Die beiden riesigen schwarzen Schornsteine haben sich ebenso aufgelöst wie Planken und Verkleidungen aus Holz. Lediglich ein käfigartiges Gerippe erinnert an die einstmals schmucken Decksaufbauten. In der gespenstigen Stimmung wird uns schlagartig klar, dass etwas nicht stimmt. Wo ist die versprochene Strömung? Völlige Flaute! Absolut ungewöhnlich, wie uns nachher noch jeder bestätigen wird. Problemlos kommen wir voran. Zahllose Öffnungen erlauben einen Blick auf das erste Unterdeck – unversehrte Bullaugen, mit einer feinen Sedimentschicht überzogenes Porzellan vom Teller bis zur Kaffeetasse, vom Urinal bis zum Waschbecken in den Kabinen der Ersten Klasse. Unser strenger Zeitplan mahnt jedoch zur Eile.