Violette Röhrenschwämme und ein orangefarbener Fassschwamm auf einem tropischen Korallenriff.
Biologie Wissen

Schwämme & sesshafte Tiere erkennen – Wer lebt da festgewachsen?

Schwämme, Seescheiden, Röhrenwürmer und Moostierchen sicher bestimmen. Teil 7 unserer Serie »Erkennen & Identifizieren« erklärt die wichtigsten Merkmale.

Shutterstock

Im siebten und letzten Teil unserer Serie »Erkennen & Identifizieren« geht es um Organismen, die beim Tauchen häufig übersehen werden. Schwämme, Seescheiden, Röhrenwürmer oder Moostierchen bewegen sich nicht aktiv fort, gehören aber zu den wichtigsten Baumeistern vieler Unterwasserlebensräume. Wer ihre Formen und Strukturen kennt, entdeckt eine oft verborgene Welt voller Vielfalt.

Tiere statt Pflanzen

Schwämme und sesshafte Tiere erkennen fällt vielen Tauchern zunächst schwer. Zwischen Korallen, Fischen und Algen wirken sie oft unscheinbar. Doch Schwämme, Seescheiden, Röhrenwürmer und andere festgewachsene Tiere erfüllen wichtige Aufgaben im Ökosystem und lassen sich mit wenigen Merkmalen zuverlässig unterscheiden.

Zwischen Korallen und Rifffischen wirken Schwämme oft wie unbelebte Dekoration. Tatsächlich gehören sie jedoch zum Tierreich. Schwämme (Porifera) besitzen weder Muskeln noch Nervensystem oder Organe. Stattdessen besteht ihr Körper aus einem ausgeklügelten Kanalsystem.

Über tausende winzige Poren saugen sie Wasser an, filtern Plankton, Bakterien und organische Partikel heraus und geben das gereinigte Wasser über größere Öffnungen – die sogenannten Oscula – wieder ab. Auf diese Weise können große Schwämme täglich mehrere tausend Liter Wasser filtern und tragen wesentlich zur Wasserqualität im Riff bei.

Schwamm ist nicht gleich Schwamm

Schwämme gehören zu den formenreichsten Organismen der Meere. Farbe allein hilft bei der Bestimmung nur selten weiter. Deutlich aussagekräftiger sind Wuchsform und Oberflächenstruktur.

Röhrenschwämme

Röhren- oder vasenförmige Schwämme besitzen deutlich erkennbare Austrittsöffnungen an den Enden ihrer Röhren. Durch diese Oscula verlässt das gefilterte Wasser den Körper. Typische Vertreter sind Arten der Gattung Aplysina.

Röhrenschwamm (Aplysina sp.) mit deutlich sichtbaren Austrittsöffnungen.
Röhrenschwämme besitzen große Austrittsöffnungen (Oscula), über die das gefilterte Wasser wieder ins Meer abgegeben wird.

Klumpen- und Massivschwämme

Viele Schwämme wachsen kugelig oder unregelmäßig klumpenförmig. Ihre feinporige Oberfläche lässt sie auf den ersten Blick leicht mit Korallen verwechseln.

Massiver orangefarbener Schwamm auf einem tropischen Korallenriff.
Massive Schwämme wachsen als große, kompakte Körper und können ganze Riffbereiche prägen. Ihre Oberflächenstruktur und Wuchsform sind wichtige Merkmale zur Bestimmung.

Krustenschwämme

Krustenschwämme überziehen Felsen, Korallen oder Wracks mit dünnen farbigen Belägen. Besonders häufig sind orange, rote, violette oder grünliche Arten.

Orangefarbener Krustenschwamm überzieht das Hartsubstrat eines Korallenriffs.
Krustenschwämme wachsen als flächige Beläge auf Felsen, Korallen oder Wracks und gehören zu den häufigsten Schwammformen tropischer Riffe.

Verzweigte Schwämme

Einige Schwämme wachsen nicht kompakt, sondern bilden finger-, röhren- oder geweihartige Verzweigungen. Solche Kolonien kommen häufig an Steilwänden oder in Bereichen mit stärkerer Strömung vor. Durch ihre verzweigte Wuchsform vergrößern sie ihre Filterfläche.

Verzweigt wachsender Röhrenschwamm auf einem tropischen Korallenriff.
Verzweigte Schwämme bilden finger- oder röhrenartige Kolonien. Ihre große Oberfläche verbessert die Filterleistung und bietet zahlreichen Kleintieren Lebensraum.

Seescheiden

Seescheiden (Ascidien) gehören zu den Manteltieren und damit überraschenderweise zu den nächsten Verwandten der Wirbeltiere. Sie besitzen zwei deutlich erkennbare Öffnungen, über die Wasser ein- und ausströmt. Viele Arten leben einzeln, andere bilden große Kolonien.

Kolonie transparenter Seescheiden mit zahlreichen Ein- und Ausströmöffnungen.
Seescheiden bilden häufig Kolonien. Die zahlreichen kleinen Öffnungen dienen dem Filtern des Meerwassers.

Röhrenwürmer

Röhrenwürmer bauen schützende Kalkröhren, aus denen sie ihre auffälligen Fächerkronen ausstrecken. Bereits kleinste Erschütterungen reichen aus, damit sie blitzschnell in ihre Röhren verschwinden.

Röhrenwurm mit geöffneter fächerförmiger Tentakelkrone auf einem Korallenriff.
Röhrenwürmer strecken ihre farbenprächtigen Tentakelkronen zur Nahrungsaufnahme aus. Bei Gefahr ziehen sie sich blitzschnell in ihre Kalkröhre zurück.

Moostierchen

Moostierchen (Bryozoen) bilden feine netzartige Kolonien, die häufig wie Spitzengewebe oder filigrane Blätter wirken. Jede Kolonie besteht aus zahlreichen winzigen Einzeltieren.

Netzartige Kolonie von Moostierchen mit einer kleinen Grundel als Bewohner.
Moostierchen bilden filigrane Kolonien, die zahlreichen Kleintieren als Versteck dienen. Zwischen den Strukturen lebt hier eine kleine Grundel.

Federpolypen

Federpolypen (Hydrozoen) erinnern an kleine Farnwedel. Obwohl sie pflanzenähnlich aussehen, gehören sie zu den Nesseltieren und sind mit Quallen und Seeanemonen verwandt.

Federpolypen auf einem Korallenriff dienen einer Nacktschnecke als Lebensraum.
Federpolypen gehören zu den Nesseltieren. Viele Nacktschnecken sind auf bestimmte Arten als Nahrung spezialisiert.

So lassen sich festgewachsene Tiere unterscheiden

Bei sesshaften Organismen ist der Körperbau meist wichtiger als die Farbe.

Folgende Merkmale helfen bei der Bestimmung:

  • Schwämme: poröse Oberfläche ohne erkennbare Symmetrie
  • Seescheiden: zwei Öffnungen und meist glatte oder gallertartige Hülle
  • Moostierchen: feine netzartige oder blattförmige Kolonien
  • Röhrenwürmer: Kalkröhre mit Fächer oder Spiralstruktur
  • Federpolypen: federartige Kolonien aus vielen kleinen Polypen

Makroaufnahmen und Notizen zu Wuchsform, Oberfläche und Untergrund erleichtern die spätere Bestimmung erheblich.

Wer lebt mit wem?

Schwämme und andere sesshafte Tiere bilden Lebensräume für zahlreiche weitere Arten. Wer genau hinsieht, entdeckt oft spannende Lebensgemeinschaften.

Schwämme dienen Garnelen, kleinen Krabben, Schlangensternen oder Jungfischen als Versteck. Manche Arten leben ausschließlich in bestimmten Schwämmen.

Zwischen Röhrenwürmern halten sich häufig Garnelen oder Schnecken auf, die dort Schutz finden.

Seescheiden dienen Dekorateurkrabben als Tarnuntergrund und werden von einigen Nacktschneckenarten gezielt als Nahrung genutzt.

Auch Moostierchen und Federpolypen verraten oft den Aufenthaltsort bestimmter Nacktschnecken. Wer den Wirt erkennt, findet häufig auch dessen Spezialisten.

Aolide Nacktschnecke auf einer Kolonie von Federpolypen.
Viele aolide Nacktschnecken sind auf bestimmte Federpolypen spezialisiert und leben direkt auf ihren Nahrungstieren.

Tauch-Tipp

Achte nicht nur auf das eigentliche Tier, sondern auch auf seine Mitbewohner. Schwämme, Seescheiden oder Röhrenwürmer bilden kleine Lebensgemeinschaften, die wertvolle Hinweise für die Bestimmung liefern und spannende Motive für die Makrofotografie bieten.

Bestimmungshilfen

Für die Nachbestimmung nach dem Tauchgang eignen sich unter anderem (alle Links findest du gesammelt am Ende des Artikels):

Do’s & Don’ts

Do

  • Langsam nähern und Details beobachten.
  • Seitenlicht nutzen, um Oberflächenstrukturen sichtbar zu machen.
  • Makroaufnahmen aus mehreren Perspektiven erstellen.
  • Form, Größe und Untergrund dokumentieren.

Don’t

  • Schwämme oder andere Organismen berühren.
  • Tiere für Fotos umsetzen oder freilegen.
  • Proben entnehmen.
  • Sesshafte Tiere mit Lampen dauerhaft anstrahlen.

Fazit

Schwämme, Seescheiden, Röhrenwürmer und andere sesshafte Tiere gehören zu den wichtigsten Baumeistern der Unterwasserwelt. Sie filtern Wasser, schaffen Lebensräume und bilden die Grundlage zahlreicher ökologischer Beziehungen im Riff. Wer beim Tauchen genauer hinsieht, entdeckt eine überraschend vielfältige Tierwelt, die weit mehr ist als nur Hintergrundkulisse.

Damit endet unsere Serie »Erkennen & Identifizieren«. Von Korallen über Fische, Pflanzen, Meeresschildkröten, Nacktschnecken und Krebstiere bis hin zu den sesshaften Bewohnern des Riffs zeigt sie, dass sich viele Organismen bereits anhand weniger Merkmale sicher einordnen lassen – und jeder Tauchgang dadurch noch spannender wird.

Bisher erschienen

▶ Teil 1: Korallen erkennen – Form schlägt Farbe

▶ Teil 2: Fische identifizieren und einordnen

▶ Teil 3: Pflanzen und Algen im Meer unterscheiden

▶ Teil 4: Meeresschildkröten – die 7 Arten sicher unterscheiden

▶ Teil 5: Nacktschnecken & Co. – Farben, Formen und Tarnkünstler

▶ Teil 6: Krabben, Garnelen & Co. – Krebstiere richtig zuordnen

Externe Quellen

WoRMS – World Register of Marine Species
https://www.marinespecies.org/
Die weltweit wichtigste wissenschaftliche Datenbank zur Bestimmung mariner Arten.

Reef Life Survey
https://reeflifesurvey.com/
Informationen zu Rifforganismen und ihrer weltweiten Verbreitung.

iNaturalist
https://www.inaturalist.org/
Community-Plattform zur Bestimmung von Tier- und Pflanzenarten anhand eigener Fotos.

Marine Species Identification Portal
https://species-identification.org/
Bestimmungshilfen und Steckbriefe zahlreicher mariner Organismen.

FAQ zur Bestimmung von Schwämmen und mehr unter Wasser

Sind Schwämme Pflanzen oder Tiere?

Nein. Schwämme (Porifera) gehören zum Tierreich. Sie besitzen weder Blätter noch Wurzeln, sondern filtern mit einem komplexen Kanalsystem Nahrungspartikel aus dem Wasser. Obwohl sie festgewachsen leben, zählen sie zu den ältesten Tiergruppen der Erde.

Woran erkennt man einen Schwamm unter Wasser?

Schwämme besitzen meist eine poröse Oberfläche und deutlich erkennbare Austrittsöffnungen (Oscula). Anders als Korallen zeigen sie keine einzelnen Polypen und häufig keine erkennbare Symmetrie. Form und Oberflächenstruktur sind für die Bestimmung meist wichtiger als die Farbe.

Was sind Seescheiden?

Seescheiden (Ascidien) sind festgewachsene Manteltiere mit zwei Öffnungen, durch die Wasser ein- und ausströmt. Überraschenderweise gehören sie zu den nächsten lebenden Verwandten der Wirbeltiere und nicht zu den Schwämmen.

Warum sind Schwämme für Korallenriffe wichtig?

Schwämme filtern große Mengen Wasser und entfernen dabei Bakterien sowie organische Partikel. Außerdem recyceln sie Nährstoffe und bieten zahlreichen Garnelen, Krabben, Schlangensternen und Jungfischen Schutz und Lebensraum.