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Historische Wracks im Greifswalder Bodden

Historische Wracks im Greifswalder Bodden erzählen von Handel und Krieg. Forscher untersuchen die Fundstellen – und kämpfen gegen ihren fortschreitenden Verfall.

Dr. Florian Huber

Im Greifswalder Bodden zwischen Rügen und Usedom liegen zahlreiche historische Schiffswracks auf dem Grund der Ostsee. Ein internationales Forschungsteam untersucht derzeit mehrere dieser Fundstellen, darunter zwei schwedische Kriegsschiffe, die 1714 im Eis verloren gingen. Die Wracks liefern Einblicke in Schiffbau, Handel und militärische Konflikte – zugleich sind die jahrhundertealten Holzreste durch Erosion und den Schiffsbohrwurm gefährdet.

Historische Wracks zwischen Rügen und Usedom

Am Eingang des Greifswalder Boddens zwischen den Inseln Rügen und Usedom liegt eines der bedeutendsten Unterwasserdenkmale Mecklenburg-Vorpommerns. Rund ein Dutzend versunkene Handelsschiffe aus dem 17. Jahrhundert ruhen hier auf dem Grund der Ostsee. Bei jüngsten Untersuchungen konnten Archäologen des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern, kurz LAKD, zudem zwei schwedische Kriegsschiffe lokalisieren, die im Jahr 1714 durch Eisgang zerstört wurden.

Die Untersuchungen fanden im Rahmen eines mehrjährigen Forschungsprojekts zur schwedischen Marinegeschichte statt. Federführend ist das in Stockholm ansässige Wrackmuseum Vrak. Ziel des Projekts ist es, die Wracks möglichst umfassend zu dokumentieren und ihren Erhaltungszustand zu bewerten. Gleichzeitig versuchen die Archäologen, die Fundstellen gegen weitere Erosion und fortschreitenden Verfall zu sichern.

Die Schiffsfunde veranschaulichen die historische Bedeutung der Ostsee als Handelsraum zwischen Mittel- und Nordeuropa, aber auch als Schauplatz militärischer Konflikte. Die Wracks bewahren Informationen über Handelsbeziehungen, Schifffahrtsrouten, Schiffbau und die maritime Kriegsgeschichte der Region.

Kulturministerin Bettina Martin betont deshalb die Bedeutung der grenzüberschreitenden Forschung: »Das Projekt zeigt, wie wichtig die internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung der archäologischen Fundstellen ist.«

Darüber hinaus können die Funde neue Erkenntnisse über den historischen Schiffbau in Vorpommern liefern.

Forschungstaucher untersucht ein historisches Schiffswrack im Greifswalder Bodden in der Ostsee
Die Erhaltungsbedingungen für hölzerne Schiffswracks sind in der Ostsee außergewöhnlich gut. Auch nach knapp 500 Jahren ist dieses Wrack, die dänische Gribshunden, noch erhalten und liefert der Forschung einzigartige Einblicke.

Zwei schwedische Kriegsschiffe im Eis verloren

Besonders interessant sind die Überreste der beiden schwedischen Kriegsschiffe. Sie gingen im Winter 1714/15 im Treibeis verloren. Die Wrackteile verteilen sich heute über einen Bereich von rund 200 Metern auf dem Meeresgrund.

Bemerkenswert ist, was die Jahrhunderte überstanden hat. Bei den Untersuchungen wurden unter anderem Überreste von Masten, Rudern und Segeln dokumentiert. Spätere Arbeiten brachten außerdem eine Schiffsglocke und ein rund 400 Kilogramm schweres Bronzekanonenrohr zum Vorschein. Die Glocke trägt unter anderem die Jahreszahl 1706 und das Monogramm des schwedischen Königs Karl XII. Solche Details können Archäologen dabei helfen, historische Wracks eindeutig zuzuordnen.

Warum Holzwracks in der Ostsee so gut erhalten bleiben

Für die Unterwasserarchäologie ist die Ostsee ein außergewöhnliches Archiv. In vielen ihrer Bereiche herrschen Bedingungen, unter denen sich Holz wesentlich länger erhalten kann als in salzreicheren Meeren.

Ein eindrucksvolles Beispiel ist die Gribshunden vor der südschwedischen Küste. Das dänische königliche Flaggschiff sank 1495 und liegt seit mehr als 500 Jahren auf dem Grund der Ostsee. Das Wrack ist bis heute bemerkenswert gut erhalten und ermöglicht Forschern Einblicke in Schiffbau, Bewaffnung und das Leben an Bord am Ende des Mittelalters.

Eine wichtige Rolle spielen dabei Salzgehalt und Temperatur. Am Fundort der Gribshunden liegt der Salzgehalt bei lediglich rund 7,7 PSU. Zusammen mit den niedrigen Wassertemperaturen verhindert dies dort weitgehend die Ausbreitung des holzfressenden Schiffsbohrwurms Teredo navalis. Selbst organische Reste wie Getreide, Früchte, Gewürze, Nüsse und Beeren konnten deshalb am Wrack nachgewiesen werden.

Der Schiffsbohrwurm bedroht historische Wracks

Doch diese günstigen Bedingungen gelten nicht für die gesamte Ostsee. Besonders im küstennahen und westlichen Ostseeraum kann Teredo navalis für historische Holzwracks zur Gefahr werden.

Trotz seines deutschen Namens ist der Schiffsbohrwurm kein Wurm, sondern eine Muschel. Das Tier bohrt Gänge in Holz und kann freiliegende Schiffsteile erheblich schädigen. Für die Unterwasserarchäologie ist seine Ausbreitung deshalb ein ernstes Problem: Was über Jahrhunderte im Sediment oder unter günstigen Umweltbedingungen erhalten blieb, kann nach einer Freilegung vergleichsweise schnell zerstört werden.

Hinzu kommen Strömungen, Wellengang und Küstenerosion. Häufige starke Sturmereignisse können Sedimente verlagern und bislang geschützte Wrackteile freilegen. Infrastruktur- und Offshore-Projekte erhöhen zusätzlich den Nutzungsdruck auf den Meeresboden.

Damit entsteht ein Wettlauf gegen die Zeit: Archäologen müssen Fundstellen dokumentieren, ihren Zustand überwachen und entscheiden, welche Schutzmaßnahmen erforderlich sind.

Wracks sind Archive der Ostseegeschichte

Für das LAKD besitzt die Zusammenarbeit im Greifswalder Bodden deshalb Modellcharakter. Forschung, internationaler Austausch, Schutz der Fundstellen und öffentliche Vermittlung greifen dabei ineinander.

Dr. Ramona Dornbusch, Direktorin des Landesamtes, beschreibt das archäologische Kulturerbe der Ostsee als einen der großen kulturellen Schätze Mecklenburg-Vorpommerns. Das Spektrum reicht von versunkenen steinzeitlichen Siedlungen bis zu historischen Schiffswracks.

Gerade diese Wracks sind weit mehr als Überreste alter Schiffe. Ihre Bauweise verrät, welche Techniken Werften verwendeten. Ladung und Alltagsgegenstände geben Hinweise auf Handelsbeziehungen und das Leben an Bord. Waffen und militärische Ausrüstung dokumentieren Konflikte und Machtverhältnisse ihrer Zeit.

Unter Wasser bleibt damit Geschichte erhalten, die an Land längst verschwunden ist. Die außergewöhnlichen Bedingungen der Ostsee haben dieses Archiv über Jahrhunderte bewahrt. Seine Erforschung zeigt zugleich, wie verletzlich dieses kulturelle Erbe ist.

Dr. Florian Huber (© Uli Kunz)
Der Unterwasserarchäologe, Forschungstaucher und Autor Dr. Florian Huber beschäftigt sich in seinen Arbeiten unter anderem mit marinen Ökosystemen und der Erforschung des Ozeans. Foto: © Uli Kunz

Weitere Infos zum Autor hier.

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Externe Quellen

Regierungsportal Mecklenburg-Vorpommern / LAKD – Internationales Forscherteam untersucht Schiffswracks
Das ist die zentrale Primärquelle für den eigentlichen Beitrag: Greifswalder Bodden, Handelsschiffe, zwei schwedische Kriegsschiffe, Projekt mit dem Wrackmuseum Vrak und die Zitate.
Zur Pressemitteilung des Landes Mecklenburg-VorpommernNDR – Archäologen entdecken schwedische Wracks im Greifswalder Bodden
Gute ergänzende Quelle zu den Wracks, dem Eisgang 1714 und der Gefährdung durch den Schiffsbohrwurm.
Zum NDR-Beitrag über die WracksNDR – Kanone und Glocke aus Schiffswracks vor Rügen gefunden
Relevant für die späteren Untersuchungsergebnisse, die Identifizierung als »Postillion« und »Cecilie« sowie Schiffsglocke und Bronzekanone.
Zum NDR-Beitrag über Kanone und SchiffsglockePLOS ONE – The king’s spice cabinet: Gribshunden
Wissenschaftliche Open-Access-Quelle zur Gribshunden und den außergewöhnlich erhaltenen organischen Funden.
Zur Gribshunden-Studie bei PLOS ONEDendrochronologia – The Danish royal flagship Gribshunden
Wissenschaftliche Quelle zu Alter, Herkunft der Hölzer, Baugeschichte und Erhaltungszustand des 1495 gesunkenen Wracks.
Zur Gribshunden-Studie bei ScienceDirect