Das Wichtigste in Kürze
- Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Die Vorhöfe schlagen ungeordnet und meist zu schnell, die Pumpleistung des Herzens kann sinken.
- Die Diagnose schließt Tauchen nicht grundsätzlich aus, erfordert aber eine individuelle kardiologische und tauchmedizinische Bewertung.
- Voraussetzungen sind Symptomfreiheit, ausreichende körperliche Belastbarkeit und ein stabil eingestelltes Vorhofflimmern ohne gefährliche Rhythmusstörungen unter Belastung.
- Die meisten Betroffenen nehmen Blutverdünner. Sie senken das Schlaganfallrisiko, erhöhen aber die Blutungsneigung. Wie streng das fürs Tauchen zu bewerten ist, sehen die Fachgesellschaften unterschiedlich.
- Wer mit Vorhofflimmern taucht, sollte flach, in warmem Wasser und ohne große Anstrengung tauchen und den Buddy informieren.
- Herzstolpern, Schwindel, Brustschmerz oder ungewöhnliche Müdigkeit sind klare Stoppsignale.
Hey Doc, bin ich damit tauchtauglich?
»Hey Doc, im Rahmen einer hausärztlichen Routine-Untersuchung wurde bei mir Vorhofflimmern diagnostiziert. Kann ich damit und dem mir verschriebenen Blutverdünner tauchen gehen?«
Vorhofflimmern ist die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Sie betrifft vor allem ältere, zunehmend aber auch jüngere, sportlich aktive Menschen. Eine Metaanalyse fand bei Sportlern ein höheres Risiko für Vorhofflimmern als bei Nichtsportlern (Newman et al., 2021). Viele Betroffene möchten trotz Diagnose weiterhin tauchen. Neben der Rhythmusstörung selbst spielt dabei die notwendige orale Antikoagulation (Blutverdünnung) eine Rolle.
Die tauchmedizinischen Fachgesellschaften sind sich in einem Punkt einig: Tauchen ist bei Vorhofflimmern nicht grundsätzlich ausgeschlossen, erfordert aber eine individuelle medizinische Bewertung.
Was ist Vorhofflimmern?
Beim Vorhofflimmern schlagen die Vorhöfe des Herzens ungeordnet und meist zu schnell. Die elektrische Aktivität ist chaotisch, sodass die Vorhöfe ihre Pumpfunktion weitgehend verlieren. Die Folge ist eine unregelmäßige Herzkammeraktion und eine potenziell verminderte körperliche Leistungsfähigkeit.
Manche Betroffene spüren kaum Symptome. Andere leiden unter Herzstolpern (Palpitationen), Luftnot, Schwindel oder Leistungseinbruch. Ein zentrales Risiko ist die Bildung von Blutgerinnseln im Vorhof, die zu Schlaganfällen führen können.
Welche Ursachen und Risikofaktoren gibt es?
Zu den wichtigsten Risikofaktoren für Vorhofflimmern zählt Bluthochdruck (arterielle Hypertonie), oft zusammen mit Alter, Übergewicht, Diabetes und Schlafapnoe. Auch Herzinsuffizienz, koronare Herzkrankheit (KHK) und Herzklappenfehler sind starke Risikofaktoren, die zu strukturellen Veränderungen führen, welche Vorhofflimmern begünstigen (ESC-Leitlinie 2024).
Warum ist Vorhofflimmern beim Tauchen relevant?
Tauchen stellt besondere Anforderungen an das Herz-Kreislauf-System. Durch Wasserdruck, Kältereiz, Atemgasdichte und körperliche Arbeit kommt es zu einer Verschiebung von Blut in den Brustraum und zu einer erhöhten Belastung des Herzens (Pendergast & Lundgren, 2009). Bei Vorhofflimmern ergeben sich daraus mehrere Risiken:
- Leistungsreserve: Bei unregelmäßigem Herzrhythmus kann die körperliche Belastbarkeit eingeschränkt sein. Unerwartete Anstrengung, Strömung oder Stresssituationen können zu körperlicher und seelischer Überforderung führen.
- Schwindel oder Bewusstseinsverlust: Rhythmusstörungen können mit Blutdruckabfällen oder Minderdurchblutung des Gehirns einhergehen. Unter Wasser ist das potenziell lebensgefährlich.
- Embolie-Risiko: Das erhöhte Schlaganfallrisiko erfordert meist eine dauerhafte Blutverdünnung, die wiederum das Blutungsrisiko beim Tauchen beeinflusst.
Wann ist Tauchen mit Vorhofflimmern vertretbar?
Kardiovaskuläre Erkrankungen zählen zu den wichtigsten Ursachen tauchbedingter Todesfälle. In einer Auswertung von 947 Todesfällen im Sporttauchen war bei rund einem Viertel ein kardiales Ereignis die auslösende Störung (Denoble et al., 2008). Herzkrankheiten mit Risiko für plötzliche Bewusstseinsstörung oder Leistungseinbruch sind deshalb im Zusammenhang mit Tauchen besonders kritisch zu betrachten.
Tauchen ist nur dann vertretbar, wenn eine ausreichende Leistungsreserve ohne relevante Arrhythmien unter Belastung nachgewiesen ist. Daher erfordern Herzrhythmusstörungen wie Vorhofflimmern immer eine strukturierte kardiologische und tauchmedizinische Bewertung sowie eine individuelle Tauchtauglichkeitsuntersuchung. Entscheidend sind Symptomfreiheit, ausreichende körperliche Belastbarkeit und eine stabile Einstellung des Vorhofflimmerns. Medikamente mit relevanten Nebenwirkungen wie Betablocker müssen dabei berücksichtigt werden.
In tauchmedizinischen Fachartikeln wird betont, dass Vorhofflimmern kein pauschales Ausschlusskriterium für das Tauchen darstellt. So hält die australisch-neuseeländische Fachgesellschaft SPUMS Tauchen bei Vorhofflimmern für vertretbar, wenn die Herzfrequenz ausreichend kontrolliert ist, unter Belastung keine Durchblutungsstörung des Herzmuskels auftritt und die Belastbarkeit ausreicht. Eine Ultraschalluntersuchung des Herzens soll strukturelle Herzerkrankungen ausschließen (SPUMS, 2025).
Tauchen kann also grundsätzlich möglich sein, wenn das Vorhofflimmern stabil eingestellt ist, keine ausgeprägte Symptomatik wie Schwindel, Synkopen oder schwere Luftnot besteht, unter Belastung keine gefährlichen Rhythmusstörungen auftreten, die körperliche Leistungsfähigkeit ausreicht, die Antikoagulation stabil eingestellt ist und keine relevanten Blutungskomplikationen vorliegen.
Wann spricht Vorhofflimmern gegen das Tauchen?
Nicht geeignet für das Tauchen sind in der Regel Personen mit häufigen oder unvorhersehbaren Anfällen von Vorhofflimmern, Ohnmachten oder ausgeprägtem Schwindel, schwerer Herzschwäche sowie kürzlich aufgetretenen Schlaganfällen oder Embolien.
Kann man mit Vorhofflimmern unter Antikoagulation tauchen?
Die meisten Menschen mit Vorhofflimmern erhalten eine orale Antikoagulation, entweder mit Vitamin-K-Antagonisten (zum Beispiel Phenprocoumon oder Warfarin) oder mit sogenannten DOAK, direkten oralen Antikoagulanzien (zum Beispiel Apixaban, Rivaroxaban, Dabigatran). Die aktuelle Leitlinie der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie empfiehlt für die meisten Patienten DOAK statt Vitamin-K-Antagonisten (ESC-Leitlinie 2024). Diese Medikamente senken das Schlaganfallrisiko deutlich, erhöhen aber die Blutungsneigung (mehr dazu in unserem Beitrag Tauchen nach Thrombose und Lungenembolie).
Wie streng die Blutverdünnung beim Tauchen zu bewerten ist, sehen die Fachgesellschaften nicht einheitlich. Das britische UK Diving Medical Committee (UKDMC) sieht sie nicht als absolutes Ausschlusskriterium und verlangt eine Einzelfallentscheidung. Es nennt für Taucher unter Vitamin-K-Antagonisten unter anderem eine Tiefengrenze von 20 Metern, Tauchgänge ohne Dekompressionsstopps und regelmäßige INR-Kontrollen. Für DOAK sieht das UKDMC bislang nicht genügend Daten für eine Empfehlung (UKDMC). Die SPUMS führt die Antikoagulation dagegen als Kontraindikation, räumt aber ein, dass manche Experten sie im Einzelfall zulassen und belastbare Daten für beide Positionen fehlen (SPUMS, 2025).
Einig sind sich die Fachleute darin, dass es erhöhte Vorsicht und eine klare Nutzen-Risiko-Abwägung braucht, die Tauchmediziner und Kardiologe gemeinsam treffen.
Wichtige Vorsichtsmaßnahmen für Taucher mit Vorhofflimmern
- Regelmäßige kardiologische Kontrolle und Tauchtauglichkeitsuntersuchung durch erfahrenen Taucharzt: Belastungs-EKG, Langzeit-EKG und Echokardiografie sind wichtig, um Leistungsfähigkeit und Rhythmusstabilität zu prüfen.
- Information des Tauchpartners: Der Buddy sollte über Erkrankung und Medikation informiert sein.
- Konservative Tauchprofile: flache Tauchgänge in warmem Wasser, wenig Strömung, keine hohen körperlichen Belastungen.
- Verletzungsrisiken minimieren: Vorsicht an Booten, Felsen und Korallen.
- Kein Tauchen bei aktuellen Symptomen: Palpitationen, Schwindel, Brustschmerz oder ungewöhnliche Müdigkeit sind klare Stoppsignale.
Fazit
Vorhofflimmern unter oraler Antikoagulation bedeutet nicht automatisch das Ende der Taucherkarriere. Um die Leseranfrage aufzugreifen: Tauchen ist nach Auffassung der Fachleute dann vertretbar, wenn die Erkrankung stabil, gut kontrolliert und mit ausreichender körperlicher Leistungsfähigkeit vereinbar ist. Entscheidend ist eine individuelle medizinische Beurteilung durch Kardiologe und Tauchmediziner. Wer konservativ taucht, Risiken meidet und Warnsignale ernst nimmt, kann auch mit Vorhofflimmern sicher Freude am Tauchen haben.
Serienhinweis
Dieser Beitrag gehört zur Serie »Hey Doc, bin ich damit tauchtauglich?«. Tauchmediziner Dr. Dr. Philipp Stahl von aqua med beantwortet Leserfragen zu gesundheitlichen Voraussetzungen fürs Tauchen. Ihr habt Fragen an unseren Doc? Schreibt an redaktion@tauchen.de, Stichwort »Hey Doc«.
Weitere Artikel aus dieser Serie:
- Tauchen mit PFO: Was bedeutet das für Taucher?
- Tauchen mit Bluthochdruck – wann ist man tauchtauglich?
- Tauchen nach Thrombose und Lungenembolie: Wann bist du wieder tauchtauglich?
- Tauchen mit Asthma – ist ein Tauchkurs möglich?
- Tauchen mit Paukenröhrchen – was Taucher wissen sollten
Häufige Fragen zum Thema Vorhofflimmern und Tauchen
Darf man mit Vorhofflimmern tauchen?
Vorhofflimmern ist kein pauschales Ausschlusskriterium. Tauchen kann vertretbar sein, wenn das Vorhofflimmern stabil eingestellt ist, keine relevanten Symptome bestehen und die Belastbarkeit ausreicht. Das muss individuell kardiologisch und tauchmedizinisch beurteilt werden.
Kann man mit Blutverdünnern tauchen?
Das ist eine Einzelfallentscheidung. Blutverdünner erhöhen die Blutungsneigung. Manche Fachgesellschaften halten Tauchen unter Auflagen für möglich, andere werten die Antikoagulation als Kontraindikation. Für DOAK ist die Datenlage dünn.
Welche Untersuchungen braucht man mit Vorhofflimmern vor dem Tauchen?
Empfohlen werden eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung bei einem erfahrenen Taucharzt sowie kardiologisch Belastungs-EKG, Langzeit-EKG und Echokardiografie.
Wann sollte man mit Vorhofflimmern nicht tauchen?
Bei häufigen oder unvorhersehbaren Anfällen, Ohnmachten oder ausgeprägtem Schwindel, schwerer Herzschwäche sowie nach kürzlich aufgetretenen Schlaganfällen oder Embolien. Auch bei aktuellen Symptomen wie Herzstolpern, Schwindel, Brustschmerz oder ungewöhnlicher Müdigkeit gilt: nicht tauchen.
Warum belastet Tauchen das Herz?
Wasserdruck, Kälte, dichteres Atemgas und körperliche Arbeit verschieben Blut in den Brustraum und erhöhen die Arbeit des Herzens. Eine eingeschränkte Leistungsreserve kann unter Wasser schnell kritisch werden.
Was ist der häufigste Risikofaktor für Vorhofflimmern?
Bluthochdruck gehört zu den wichtigsten Risikofaktoren, oft zusammen mit Alter, Übergewicht, Diabetes und Schlafapnoe. Auch Herzschwäche, koronare Herzkrankheit und Herzklappenfehler begünstigen Vorhofflimmern.
Wie sollte man mit Vorhofflimmern tauchen?
Konservativ: flach, in warmem Wasser, bei wenig Strömung und ohne große Anstrengung. Der Buddy sollte über Erkrankung und Medikamente Bescheid wissen.
Externe Quellen
- Van Gelder IC et al. (2024): 2024 ESC Guidelines for the management of atrial fibrillation. Eur Heart J
- SPUMS (2025): Guidelines on Medical Risk Assessment for Recreational Diving, 6. Auflage
- UK Diving Medical Committee: Anticoagulants
- Gesellschaft für Tauch- und Überdruckmedizin (GTÜM)
- Denoble PJ et al. (2008): Common causes of open-circuit recreational diving fatalities. Undersea Hyperb Med 35(6):393–406
- Pendergast DR, Lundgren CEG (2009): The underwater environment: cardiopulmonary, thermal, and energetic demands. J Appl Physiol 106(1):276–283
- Newman W et al. (2021): Risk of atrial fibrillation in athletes: a systematic review and meta-analysis. Br J Sports Med 55(21):1233
- aqua med – medizinischer Notruf für Taucher
Unser Experte
Dr. Dr. Philipp Stahl ist stellvertretender ärztlicher Leiter MHW/aqua med Medical Board und Facharzt für Innere Medizin, Notfallmedizin, Tauchmedizin und Reisemedizin. aqua med ist seit 20 Jahren der medizinische Notruf für Taucher. Hinter der Marke steht das Team der Medical Helpline Worldwide (MHW) in Bremen. Das Team aus Assisteuren und Ärzten ist rund um die Uhr erreichbar.
Dieser Artikel von Dr. Dr. Philipp Stahl erschien in TAUCHEN-Ausgabe 05/2026 und wurde für die Webfassung redaktionell und maschinell angepasst.