Reiseberichte

Tauchen auf Gozo: Wracks in der Tiefe

Dichter Bewuchs der „Le Polynesien“. Das 152 Meter lange Wrack wird auch als die „Titanic von Malta“ bezeichnet.

Das Heck liegt in knapp 60 Metern Tiefe

Knapp 60 Meter zeigt der Tiefenmesser, als wir endlich das Heck erreichen. Eine riesige Kanone ragt drohend über die Bordwand hinaus. Weder sie noch der Kapitän hatten eine Chance gegen den deutschen Torpedo der „UC-22“. 19 Seeleute kamen bei dem Untergang ums Leben. Der Torpedotreffer hat mittschiffs ein großes Leck gerissen, das beim Aufprall auf dem Meeresgrund die „Le Polynesien“ in zwei Teile gerrissen hat. Wie eine tödliche Wunde klafft dort der Rumpf auf und lässt den dahinter liegenden Maschinenraum erahnen. Scharfkantig verbogenes Metall, herunterhängende Kabel und jede Menge feinstes Sediment halten selbst erfahrene Wracktauchprofis davon ab, hier weiter einzudringen. Wir bleiben noch beim Heck, um einen Blick auf die Schraube zu werfen. Vor dem riesigen, dicht mit Schwämmen überzogenen Ruder steckt die vierblättrige Schiffsschraube halb im Sandgrund verborgen. Hier sind wir bei 67 Metern auf der Maximaltiefe angelangt. Ein stattlicher Zackenbarsch beäugt uns misstrauisch, ehe er träge hinter der Bordwand verschwindet.


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Die aktuelle Tauchen Magazin 08 2017.
Das aktuelle Tauchen Magazin 08/2017.

Nach kaum enden wollenden Dekostopps geht’s im Schnellboot zurück nach Gozo. Dort gilt das Atlantis Diving Centre in Marsalforn als eine der Top-Adressen für Tech-Taucher. Auch nach über 20 Jahren im Geschäft kann man den Enthusiasmus der Besitzer Stephania und Brian Azzopardi noch immer spüren. Während sich Stephania mit stoischer Ruhe um die Verwaltung der in Stoßzeiten schon mal bis zu über 100 Taucher täglich kümmert, springt der erfahrene Tech-Tauch-Instructor Brian überall ein, wo es gerade nötig ist. Seine Leidenschaft gehört dem technischen Tauchen. Unglaubliche 22 Doppelgeräte nebst zahllosen Stage-Flaschen verschiedener Größen stehen alleine für den Verleih bereit. Nicht nur seine Mischgas-Füllanlage bringt Tekkie-Augen zum Strahlen.

In das Wrack der „Imperial Eagle“ kann gefahrlos hineingetaucht werden. Das Deck befindet sich bereits auf einer Tiefe von circa 25 Metern.
In das Wrack der „Imperial Eagle“ kann gefahrlos hineingetaucht werden. Das Deck befindet sich bereits auf einer Tiefe von circa 25 Metern. Foto: W. Pölzer

Kein Wunder – lockt doch direkt vor der Küste Gozos eine Menge an bislang kaum betauchten Spots jenseits der 50-Meter-Marke. Selbst leicht vom Ufer aus zugängliche Felsriffe und Höhlen bergen ein großes Potenzial für entsprechend ausgebildete Taucher. Edelkorallen, seltene Fische wie große Heringskönige oder gar Mondfische sind oftmals der Lohn für die schwere Ausrüstung. Faszinierende Wracks aus den beiden Weltkriegen von Schiffen über Flugzeuge bis hin zum britischen U-Boot „HMS Stubborn“ gehören zu den Highlights, für die eine Woche Tech-Tauchen hier bei weitem nicht reicht. Mit rund 50 Tauchbasen im überschaubaren Malta-Archipel nimmt der Tauchtourismus mittlerweile einen wichtigen Stellenwert ein. Die Vorteile des EU-Landes liegen klar auf der Hand: kurze Anreise, ganzjährig mildes Klima, sensationelle Sichtweiten und eine Menge abwechslungsreicher Tauchspots.

Blick von Gozo über Comino nach Malta.
Blick von Gozo über Comino nach Malta. Foto: W. Pölzer

Unbekanntes Schiffswrack vor Gozo gefunden

Kurz darauf erreicht uns die Info, dass erst vor zwei Tagen ein neues Wrack entdeckt wurde! Brian klemmt sich ans Telefon und kurz darauf ist alles geklärt. Wir dürfen es morgen exklusiv betauchen! Aufrecht und auf den ersten Blick völlig unversehrt steht es dann am nächsten Vormittag tatsächlich vor uns. Exakt 63 Meter Tiefe misst der ebene Sandgrund. Mit geschätzten 40 Metern Länge hat es ideale Ausmaße, um sich innerhalb eines Tauchgangs einen groben Überblick zu verschaffen. Die vierblättrige Schraube ist intakt und ebenso dicht mit Schwämmen überzogen wie der breite, bullig wirkende Stahlrumpf. Massive Winden an Oberdeck von Heck und Bug, niedrige Aufbauten mittschiffs, ein offener Laderaum mit gitterartiger Abdeckung – möglicherweise, um Kohle zu bunkern – gleich daneben führen Leitern zu einem riesigen Kessel hinab. Darüber kleine Wolken von pinkfarbenen Fahnenbarschen. Nach 22 Minuten Grundzeit müssen wir die faszinierende Neuentdeckung schon wieder verlassen. Leider konnten wir in der kurzen Zeit keine eindeutigen Identifizierungsmerkmale aufspüren. Nicht nur wir finden das Wrack hochinteressant: Nur Tage später spricht das maltesische Kulturministerium ein vorläufiges Tauchverbot aus, damit das Wrack genauer untersucht und identifiziert werden kann.