Die Anzeige der Restluftzeit – oder genauer der verbleibenden Atemgasmenge – gehört zu den wichtigsten Sicherheitsfunktionen moderner, gasintegrierter Tauchcomputer. Allerdings berechnen Hersteller diesen Wert sehr unterschiedlich. Manche Systeme berücksichtigen Aufstieg und Stopps vollständig, andere zeigen lediglich an, wann ein Reservedruck erreicht wird. Das Problem: Viele Taucher interpretieren die Angaben falsch und verlassen sich auf Werte, die keine sichere Rückkehr zur Oberfläche garantieren. Der Beitrag erklärt die unterschiedlichen Methoden, ihre Risiken und worauf Du bei luftintegrierten Tauchcomputern achten solltest.
Zielgruppe & Einsatzbereich
Der Beitrag richtet sich an alle Taucher, die luftintegrierte Tauchcomputer verwenden oder deren Anschaffung planen.
Besonders relevant ist das Thema für:
– Urlaubstaucher / Gelegenheitstaucher
– fortgeschrittene Sporttaucher
– Tauchausbilder
– Nutzer luftintegrierter Systeme
Wer sich auf die Restluftzeit-Anzeige verlässt, sollte genau wissen, welche Berechnungsmethode das eigene Gerät tatsächlich verwendet.
Verarbeitung & Material
Da es sich bei diesem Beitrag nicht um einen klassischen Produkttest, sondern um eine technische Analyse verschiedener Rechenmethoden handelt, stehen nicht Gehäuse, Materialqualität oder Verarbeitung einzelner Geräte im Fokus. Entscheidend ist hier die Logik hinter den Algorithmen luftintegrierter Tauchcomputer.
Die Bezeichnungen unterscheiden sich je nach Hersteller erheblich. Typische Begriffe sind unter anderem »Time Till Reserve«, »Gas Time Remaining«, »Air Time Remaining«, »Time Till Surface« oder »Total Ascent Time«. Trotz ähnlicher Begriffe verbergen sich dahinter teils völlig unterschiedliche Berechnungsmodelle.
Genau diese mangelnde Transparenz ist das eigentliche Problem. Selbst Bedienungsanleitungen erläutern oft nicht eindeutig, welche Faktoren tatsächlich berücksichtigt werden. Teilweise widersprechen sich sogar Aussagen von Produktmanagern, Support-Abteilungen und Manuals desselben Herstellers.
Handhabung unter Wasser
Die entscheidende Frage lautet: Was erwartet ein Taucher von der Restluftzeit-Anzeige?
Die Antwort ist in der Praxis erstaunlich eindeutig. Die meisten Taucher gehen davon aus, dass der angezeigte Wert bedeutet, wie lange sie auf der aktuellen Tiefe bleiben können, um anschließend inklusive aller erforderlichen Stopps und mit der gewählten Gasreserve sicher an die Oberfläche zurückzukehren.
Genau diese Erwartung erfüllen jedoch längst nicht alle Systeme.
Time Till Reserve
Die problematischste Variante ist die sogenannte »Time Till Reserve«. Hier berechnet der Computer lediglich, wie lange Du auf der aktuellen Tiefe bleiben kannst, bis ein definierter Reservedruck erreicht wird.
Nicht berücksichtigt werden dabei:
- notwendige Dekompressionsstopps
- Sicherheitsstopps
- zusätzlicher Gasverbrauch beim Aufstieg
- reale Sicherheitsreserven
Der Taucher muss diese Faktoren selbst berücksichtigen und unter Wasser berechnen. Gerade unter Einfluss einer Stickstoffnarkose ist das ein erhebliches Risiko. Selbst bei moderaten Tiefen um 30 Meter können Konzentration und Rechenfähigkeit bereits eingeschränkt sein.
Time Till Surface
Etwas sinnvoller ist die Methode »Time Till Surface«. Hier wird zusätzlich die reine Aufstiegszeit angezeigt. Dennoch bleibt die entscheidende Berechnung beim Taucher: Reicht das verbleibende Gas tatsächlich für den kompletten Aufstieg inklusive aller Stopps?
Auch hier muss der Nutzer mehrere Informationen kombinieren und selbst interpretieren.
Remaining Gas Time / Remaining Air Time
Die technisch sinnvollste Lösung integrieren einige Hersteller bereits seit vielen Jahren. Dabei enthält die Restluftzeit alle relevanten Faktoren:
- aktuelle Tiefe
- momentanen Gasverbrauch
- erforderliche Stopps
- Aufstiegszeit
- definierte Gasreserve
Die Anzeige informiert also darüber, wie lange Du auf der aktuellen Tiefe bleiben kannst, um anschließend unter Einhaltung aller Stopps mit Reserve sicher an die Oberfläche zurückzukehren.
Bereits der 1994 vorgestellte Uwatec Aladin Air X beherrschte diese Berechnung.
Praxistest
Die Bewertung basiert auf dem Vergleich verschiedener luftintegrierter Tauchcomputer und ihrer dokumentierten Berechnungsmodelle. Analysiert wurden Bedienungsanleitungen, Herstellerangaben sowie praktische Nutzungsszenarien im Sporttauchbereich.
Besonders kritisch wird die Situation bei Tauchgängen nahe der Nullzeitgrenze oder bei kurzen Dekompressionsverpflichtungen. Genau dort verlassen sich viele Taucher stark auf die angezeigte Restluftzeit.
Im direkten Vergleich zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Herstellern:
Mares
Mares deklarierte beim Genius die Anzeige korrekt als »Time Till Reserve«. Gleichzeitig kündigte der Hersteller ein späteres Software-Update für eine vollständige Restgaszeitberechnung an. Dieses Update wurde bislang nicht veröffentlicht.
Suunto
Beim aktuellen Suunto Ocean existieren widersprüchliche Aussagen. Während das Manual angibt, dass Sicherheits- und Dekompressionsstopps nicht berücksichtigt werden, sprechen Produktmanager von einer vollständigen Einbeziehung dieser Faktoren.
Shearwater
Shearwater verfolgt einen Sonderweg: Während der Nullzeit wird eine echte Gas Time Remaining angezeigt. Sobald jedoch eine Dekompressionspflicht entsteht, verschwindet die Anzeige vollständig. Übrig bleibt nur die reine Auftauchzeit.
Der Hersteller begründet dies mit der Annahme, dass Dekompressionstauchgänge geplant und mit mehreren Gasgemischen durchgeführt werden sollten. In der Praxis betrifft das jedoch viele Sporttaucher nur eingeschränkt, da zahlreiche Tauchgänge im Grenzbereich der Nullzeit mit nur einem Gas durchgeführt werden.
Gerade in solchen Situationen entfällt jedoch eine wichtige Sicherheitsinformation.
Ein Beitrag von Dipl. Ing. Tessen von Glasow
Weiter lesen aus dieser Rubrik:
– Mares Sirius L im Praxistest
– Suunto Nautic – neue Tauchcomputer-Generation