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San José: Erste Funde aus dem Wrack vor Cartagena

Vor Cartagena untersucht Kolumbien das Wrack der San José. Erste Artefakte aus 600 Metern Tiefe geborgen. Hintergründe zu Geschichte, Technik und Eigentumsfragen.

Kolumbianische Präsidentschaft
Kolumbianische Generaldirektion für Seeverkehr
AFP
Getty Images

Vor der Küste von Cartagena in der kolumbianischen Karibik haben Wissenschaftler erste Objekte aus dem Wrack der spanischen Galeone San José geborgen. Die Artefakte stammen aus 600 Metern Tiefe, während die Mission der Forschung dient, nicht der Schatzbergung. Der Fall verbindet maritime Geschichte, moderne Tiefseetechnik und internationale Rechtsfragen.

Dieser Artikel erklärt historische Hintergründe, rechtliche Konflikte und die Bedeutung des Wracks für Forschung und Kulturerbe.

Relevant ist das Thema für historisch interessierte Taucher, Unterwasserarchäologen und alle, die sich für maritime Geschichte begeistern.


Was wurde aus dem Wrack der San José geborgen?

Ein Forschungsteam barg eine Kanone, drei Münzen und eine Porzellantasse, die von der spanischen Galeone San José stammen, die 1708 nach einem Gefecht mit britischen Schiffen sank.

Restauratoren behandeln die Objekte konservatorisch. Analysiert werden Material, Herstellungsweise und Erhaltungszustand. Für die Forschung sind selbst einzelne Artefakte von Bedeutung, da sie Rückschlüsse auf Bewaffnung, Handel und Alltagsleben an Bord erlauben.

Das Wrack liegt in rund 600 Metern Tiefe vor Cartagena. Dabei veröffentlichten die Behörden den Standort aus Gründen des Kulturgüterschutzes nicht.

© Shutterstock – Die Hafenstadt an Kolumbiens Nordküste war im 17. und 18. Jahrhundert ein strategisch zentraler Stützpunkt der spanischen Krone und Ausgangspunkt der Silberflotten Richtung Europa.

Warum gilt die San José als »Heiliger Gral der Schiffswracks«?

Die San José war Teil der spanischen Silberflotte, denn sie transportierte Edelmetalle und weitere Wertgegenstände aus den Kolonien Südamerikas nach Europa. Die Ladung sollte zur Finanzierung des Spanischen Erbfolgekriegs dienen.

»Action off Cartagena«, 28. Mai 1708. Undatiertes Ölgemälde von Samuel Scott (1702-1772), National Maritime Museum. Dargestellt ist die Explosion der San José.

Schätzungen sprechen von Millionen Gold- und Silbermünzen sowie Smaragden, die an Bord der San José sein sollen. Der materielle Wert wird auf mehrere Milliarden US-Dollar beziffert. Historisch noch bedeutender ist jedoch der wissenschaftliche Wert: Das Wrack ist ein geschlossener Fundkomplex aus dem frühen 18. Jahrhundert und liefert Erkenntnisse zur globalen Handels- und Militärgeschichte.

Wie wird in 600 Metern Tiefe geforscht?

In dieser Tiefe sind weder Sport- noch technische Tauchgänge möglich, daher kommen ROVs zum Einsatz. Sie dokumentieren das Wrack, fertigen hochauflösende Aufnahmen an und bergen ausgewählte Objekte kontrolliert.

Der kolumbianische Präsident Gustavo Petro (Mitte) betrachtet eine Kanone, die aus dem Wrack der San José geborgen wurde.

In der Unterwasserarchäologie steht der Fundkontext im Mittelpunkt. Lage, Umgebung und räumliche Anordnung der Artefakte sind entscheidend für die Interpretation. Eine unkontrollierte Bergung würde diesen Zusammenhang zerstören.

Die aktuelle Mission ist nach offiziellen Angaben als wissenschaftliche Untersuchung angelegt. Das Wrack soll grundsätzlich am Meeresboden verbleiben.

Wem gehört das San José Wrack?

Die Eigentumsfrage ist international umstritten, denn Kolumbien betrachtet das Wrack als nationales Kulturerbe. Spanien beruft sich auf die staatliche Immunität historischer Kriegsschiffe und sieht die Galeone weiterhin als spanisches Staatseigentum.

Zudem befindet sich Kolumbien in einem Schiedsverfahren mit der US-Investorengruppe Sea Search Armada. Das Unternehmen gibt an, das Wrack bereits 1982 lokalisiert zu haben, und fordert eine Entschädigung in Milliardenhöhe.

Drei Goldmünzen, die aus dem Wrack der San José geborgen wurden.

Der Fall berührt Fragen des internationalen Seerechts, des Denkmalschutzes und der UNESCO-Konvention zum Schutz des Unterwasserkulturerbes. Letztere sieht vor, archäologische Fundstätten möglichst am Meeresboden zu erhalten.

Ist das Wrack für Taucher zugänglich?

Nein. Mit 600 Metern Tiefe liegt die San José weit außerhalb der Reichweite des Sport- und technischen Tauchens. Die Untersuchungen erfolgen ausschließlich mit Spezialtechnik.

Für Dich als Taucher ist der Fall dennoch relevant, weil er die Bedeutung des Wrackschutzes verdeutlicht. Er verdeutlicht, wie sensibel der Umgang mit Wracks als kulturelles Erbe ist. International gilt der Grundsatz: beobachten, dokumentieren, nicht entnehmen.

Ist eine vollständige Bergung geplant?

Nach Angaben der kolumbianischen Regierung steht keine kommerzielle Komplettbergung im Vordergrund. Der Fokus liegt auf Forschung und Dokumentation einzelner Artefakte. Eine vollständige Bergung wäre technisch möglich, aber logistisch, konservatorisch und juristisch äußerst komplex.

Bedeutung für Unterwasserarchäologie und Wrackschutz

Das San José Wrack ist ein Beispiel für die wachsende Bedeutung der Tiefseearchäologie. Moderne Technik erlaubt heute Untersuchungen in Tiefen, die vor wenigen Jahrzehnten unzugänglich waren.

Gleichzeitig nimmt der Druck auf maritime Kulturgüter zu. Wirtschaftliche Interessen, nationale Ansprüche und wissenschaftliche Ziele stehen häufig in Spannung zueinander. Der Umgang mit der San José wird daher international als Präzedenzfall beobachtet.

Thematisch passende Hintergründe findest Du in unseren Beiträgen zu Fotogrammetrie beim Wracktauchen, Unterwasserarchäologie vor Helgoland, Griechenland – Einblicke in den Schiffsbau der Antike.

Der Beitrag wurde verfasst von Dr. Florian Huber in TAUCHEN-Ausgabe 02/26 und redaktionell für die Online-Darstellung aufbereitet.

© Shutterstock – Glockenturm im historischen Zentrum von Cartagena. Heute zählt die Altstadt zum UNESCO-Welterbe und ist touristisches Herz der Karibikmetropole.

Häufige Fragen zum Wrack San José und dessen Bergung

Wann wurde die San José entdeckt?
Kolumbianische Behörden gaben 2015 bekannt, dass sie das Wrack lokalisiert haben. Seitdem halten sie den genauen Standort geheim, um die Fundstelle zu schützen. Bereits in den 1980er-Jahren hatte die US-Gruppe Sea Search Armada Fundansprüche geltend gemacht.

Wie groß war die San José?
Die Galeone gehörte zur spanischen Silberflotte und war ein bewaffnetes Kriegsschiff mit mehreren Kanonendecks. Solche Schiffe waren typischerweise über 40 Meter lang und stark bewaffnet, um Handelsgüter und Edelmetalle gegen Piraten oder feindliche Flotten zu schützen.

Warum liegt das Wrack so tief?
Die San José sank nach einer Explosion während eines Gefechts im Jahr 1708. Sie liegt heute in rund 600 Metern Tiefe auf dem Meeresboden der Karibik. In dieser Tiefenzone herrschen hohe Druckverhältnisse, niedrige Temperaturen und kaum Licht.

Welche Technik wird bei der Untersuchung eingesetzt?
Zum Einsatz kommen ferngesteuerte Unterwasserfahrzeuge (ROVs) mit Kameras, Greifarmen und Sensorik. Sie ermöglichen präzise Dokumentation und selektive Bergung einzelner Artefakte, ohne das Wrack großflächig zu stören.

Was passiert mit den geborgenen Objekten?
Die Artefakte werden konservatorisch stabilisiert und wissenschaftlich untersucht. Ziel ist es, Materialzerfall zu stoppen und gleichzeitig historische Informationen zu sichern. Erst danach können sie gegebenenfalls museal präsentiert werden.

Warum ist der Eigentumsstreit so komplex?
Mehrere Parteien beanspruchen Rechte:
Kolumbien als Küstenstaat, Spanien als ehemalige Flaggenmacht eines Kriegsschiffs, Sea Search Armada mit wirtschaftlichen Forderungen.
Hinzu kommen internationale Abkommen zum Schutz von Unterwasserkulturerbe, die kommerzielle Verwertung einschränken.

Externe Quellen dieses Beitrags

Kolumbianisches Kulturministerium
https://www.mincultura.gov.co

Presidencia de la República de Colombia
https://petro.presidencia.gov.co

UNESCO – Convention on the Protection of the Underwater Cultural Heritage
https://www.unesco.org/en/culture/underwater-heritage

Permanent Court of Arbitration
https://pca-cpa.org