Seit dem 4. September 1901 liegt der kaiserliche Kleine Kreuzer „Wacht“ nordöstlich von Rügen am Grund der Ostsee. Das Wrack in rund 40 Metern Tiefe zählt zu den seltenen deutschen Kriegsschiffswracks aus der Kaiserzeit in heimischen Gewässern und ist nur für sehr erfahrene Taucher erreichbar. Autor Elmar Klemm und Fotograf Erhard Schulz erzählen seine Geschichte und nehmen mit auf einen Tauchgang.
Text: Elmar Klemm | Fotos: Erhard Schulz
Nur wenige Taucher haben die „Wacht“ je mit eigenen Augen gesehen. Die Position liegt weit draußen vor Kap Arkona, die Tiefe verlangt Dekompressionstauchgänge, und ohne Sonar, Shotline und ein seetüchtiges Schiff findet man das Wrack nicht. Wer es erreicht, taucht an einem Schiff, das für den Machtanspruch des Kaiserreichs auf See steht.
Das Wichtigste in Kürze
- Die „Wacht“ lief 1887 bei der AG Weser in Bremen vom Stapel, wurde 1888 als Aviso in Dienst gestellt und 1899 als Kleiner Kreuzer eingestuft.
- Am 4. September 1901 kollidierte sie bei einem Flottenmanöver mit dem Panzerschiff SMS Sachsen und sank. Die Besatzung wurde vollständig gerettet.
- Das Wrack steht nach Angaben des Autors etwa acht Seemeilen vor Kap Arkona aufrecht in rund 40 Metern Tiefe.
- Ein Tauchgang erfordert Sonarortung, eine Shotline, ein seetüchtiges Schiff und Erfahrung mit Dekompressionstauchgängen.
- Der kunstvolle Bugschmuck ist zum großen Teil verschwunden, durch Verfall oder durch Wrackplünderung.
Warum das Kaiserreich auf eine starke Flotte setzte
Im späten 19. Jahrhundert steht das Deutsche Reich ganz im Zeichen der Industrialisierung. Dampfmaschinen lösen das Manufakturwesen ab, die Städte wachsen rasant. Kaiser Wilhelm II., seit 1888 auf dem Thron, strebt nach Weltgeltung und einer weitreichenden Kolonialpolitik. Dafür braucht er eine starke Marine.
Ein Zeichen dieses Anspruchs ist die Eröffnung des Nord-Ostsee-Kanals im Jahr 1895, damals noch Kaiser-Wilhelm-Kanal genannt. Alfred von Tirpitz, ab 1897 Staatssekretär des Reichsmarineamts, treibt den Ausbau mit den Flottengesetzen ab 1898 voran. Die Werften wachsen mit der Auftragslage, man spricht von der Begeisterung eines „Marinevolkes“. Bei der Eröffnung des Stettiner Freihafens 1898 prägt der Kaiser den Satz, die Zukunft liege auf dem Wasser. Das Wettrüsten mit der Seemacht Großbritannien nimmt seinen Lauf.
Die „Wacht“: ein Aviso mit Repräsentationsaufgaben
Die Seepolitik ist eng mit dem kolonialen Streben der europäischen Mächte verbunden. 1888 stellt die Kaiserliche Marine den Aufklärer „Wacht“ in Dienst. Aus heutiger Sicht gilt dieser Schiffstyp als bescheidene Ingenieursleistung; die Schiffe der Aviso-Klasse erfüllen vor allem repräsentative Aufgaben. Davon zeugt auch die edle Bugzier, die laut Autor aus kolonialem Teakholz gefertigt war und an die aufwendig gearbeiteten Galionsverzierungen früherer Kriegssegler erinnert. Die Botschaft: Wer sich solche Schiffe leisten kann, baut nicht nur Masse, sondern auch Qualität.
Wie sank die SMS Wacht?
Nach mehreren Fahrten und Werftaufenthalten wird die „Wacht“, inzwischen als Kleiner Kreuzer geführt, im August 1901 zu den Herbstmanövern in die Ostsee befohlen. Von der Kieler Bucht aus läuft die Manöverflotte in Richtung Danziger Bucht. Nördlich von Rügen erhalten SMS Hela und die „Wacht“ den Befehl, durch die in Kiellinie dampfende Flotte nach Backbord durchzubrechen.
Bei diesem Manöver gerät die „Wacht“ am 4. September 1901 vor das Panzerschiff SMS Sachsen und wird mittschiffs gerammt. Die gesamte Besatzung kann gerettet werden, das Schiff aber ist verloren. Es sinkt nach Angaben des Autors etwa acht Seemeilen vor Kap Arkona und steht bis heute aufrecht auf ebenem Kiel. Wiederentdeckt wurde das Wrack laut Autor erst 1980.
Wie gelangt man zu einem Wrack mitten in der Ostsee?
Reinhard Öser organisiert seit 20 Jahren Expeditionsfahrten auf der Ostsee. Im Rahmen der Projekte mit Marine Research Germany hat er seit Anfang des Jahrhunderts mehrere Untersuchungen am Wrack der „Wacht“ durchgeführt.
Ein sicherer und zugleich lohnender Tauchgang an einem Wrack in 40 Metern Tiefe mitten in der Ostsee ist an Voraussetzungen gebunden:
- ein größeres, seetüchtiges Boot, das auf die Belange von Tauchern zugeschnitten ist
- ein erfahrener Bootsführer, der Wetter und Wellen richtig einschätzt und so Tag und Zeitpunkt für den Abstieg festlegt
- ein Experte an Bord, der das Wrack mit Side-Scan-Sonar und Echolot lokalisiert
- eine Shotline, deren Grundgewicht möglichst dicht am Wrack positioniert wird
Tauchgang zur SMS Wacht
Unterwasserfotograf Erhard Schulz war schon mehrmals dabei und hat die „Wacht“ betaucht: „Unser Zweimastschoner ‚Zephyr‘ mit 22 Tauchern an Bord nimmt mit elegantem Schwung Kurs auf die gesetzte Shotline und stoppt zehn Meter vor ihr auf. Der Taucheinsatzleiter gibt uns das Okay. Wir springen zu zweit in die ruppige Ostsee und lassen uns mit nur wenigen Flossenschlägen, unterstützt von der Strömung, zur Boje der Shotline treiben.“
Nach kurzer Absprache beginnt der Abstieg, zügig, um möglichst viel Atemgas für die Zeit am Wrack zu sparen. Die Sicht ist an diesem Tag hervorragend: Schon in 30 Metern Tiefe zeichnen sich die Konturen der „Wacht“ ab. Am Vorschiff stoppen die Taucher. Für einen „kleinen“ Kreuzer ist das ein mächtiges Schiff. An der Shotline befestigen sie ein Blitzsignal, das in regelmäßigem Takt aufleuchtet und später das Wiederfinden der Leine für den Aufstieg erleichtert.
Allein der hoch aufragende Bug ist ein Höhepunkt. Seine Verzierungen sind zum großen Teil verschwunden, entweder durch Verfall oder durch unverzeihliche Wrackräuberei. Sichtbar sind noch die Ankerklüsen und der Rest eines Vormasts. Richtung Mittelschiff passieren die Taucher eine mächtige Ankerwinsch, dicht bewachsene Festmacherpoller, Lüftungsrohre und viele Decksstrukturen, die sich nicht mehr eindeutig zuordnen lassen. Der Bewuchs liegt wie eine Maske über dem Schiff.
An der Steuerbordseite lassen sie sich absinken und blicken durch vom Rost aufgebrochene Öffnungen in die Innenräume. Auf der Backbordseite leuchten andere Taucher die Szenerie mit starken Lampen aus. In die Kabinen tauchen sie bewusst nicht ein: Aufsteigende Luftblasen würden Rostpartikel und Sedimente von der Decke lösen und die Sicht innerhalb von Sekunden auf null setzen.
Nach 18 Minuten in 35 bis 40 Metern Tiefe zeigen die Finimeter noch 80 und 90 bar. Zeit für die Umkehr. Dank des Blitzes finden die Taucher die Shotline ohne Umwege. Dann beginnt der lange Aufstieg mit seinen Dekompressionsstopps.
Was bedeutet das für Taucher?
Ein Abstieg zur „Wacht“ ist etwas für sehr erfahrene Taucher. Bei den in der Ostsee oft eingeschränkten Sichtweiten sind Zweierteams optimal, maximal sollte zu dritt getaucht werden. Wie lange man an einem tief liegenden Wrack bleibt, hängt vom Erfahrungsstand der Beteiligten, von der Ausrüstung und vom Ziel des Tauchgangs ab, etwa Erkundung, Fotografie oder Video. Wegen des hohen logistischen und finanziellen Aufwands plant kaum jemand nur wenige Minuten am Wrack ein. Längere Grundzeiten bedeuten aber auch entsprechend lange Dekompressionsstopps beim Aufstieg.
Warum die Wacht ein besonderes Zeugnis ist
Die SMS Wacht und die SMS Undine, ein 1915 versenkter Kleiner Kreuzer, genießen unter Ostseetauchern einen besonderen Status. Nach Einschätzung des Autors sind sie die einzigen bislang entdeckten Zeugen aus der Zeit vor oder um den Ersten Weltkrieg in deutschen Gewässern.
Dass beide Wracks in Tiefen zwischen 40 und 50 Metern liegen, ist ein Glücksfall: So bleiben sie vom Massentauchbetrieb und seinen Folgen verschont. Obwohl sie nur von sehr fortgeschrittenen oder technischen Tauchern aufgesucht werden können, ist von diesen historisch bedeutenden Schiffsrelikten bereits viel verschwunden. Umso wichtiger ist es, dass diese einmaligen Denkmäler in der Ostsee nicht weiter beschädigt werden.
FAQ: SMS Wacht
Was war die SMS Wacht?
Ein Aviso der Kaiserlichen Marine, gebaut bei der AG Weser in Bremen, 1887 vom Stapel gelaufen und 1888 in Dienst gestellt. 1899 wurde sie als Kleiner Kreuzer eingestuft.
Wann und wie sank die SMS Wacht?
Am 4. September 1901 bei einem Flottenmanöver in der Ostsee. Beim Durchbrechen der Kiellinie geriet sie vor das Panzerschiff SMS Sachsen, wurde gerammt und sank.
Gab es beim Untergang Todesopfer?
Nein. Die gesamte Besatzung wurde gerettet.
Wo liegt das Wrack der SMS Wacht?
Nordöstlich von Rügen, nach Angaben des Autors etwa acht Seemeilen vor Kap Arkona.
Wie tief liegt die SMS Wacht?
Das Wrack steht aufrecht in rund 40 Metern Tiefe; die Taucher waren am Wrack in 35 bis 40 Metern unterwegs.
Kann man die SMS Wacht betauchen?
Ja, aber nur als sehr erfahrener Taucher mit Dekompressionserfahrung, von einem seetüchtigen Schiff aus, mit Sonarortung und Shotline. Solche Fahrten werden etwa im Rahmen der Expeditionen von Reinhard Öser organisiert.
Was ist am Wrack noch zu sehen?
Der hoch aufragende Bug mit Ankerklüsen, der Rest des Vormasts, eine Ankerwinsch, Festmacherpoller und Lüftungsrohre. Der Bugschmuck ist weitgehend verschwunden.
Quellen und weiterführende Informationen
- SMS Wacht – Baudaten, Dienstzeit, Untergang (Wikipedia, auf Basis von Gröner und Hildebrand/Röhr/Steinmetz)
- Dive3D: 3D-Scan des Wracks SMS Wacht (2025, 42 m)
- Planet Wissen (WDR): Die kaiserliche Flotte
- Die deutschen Flottengesetze (Übersicht)
Elmar Klemm schreibt für TAUCHEN über das Tauchen in der Ostsee.
Erhard Schulz ist Unterwasserfotograf und TAUCHEN-Autor und hat die „Wacht“ mehrfach betaucht.
Dieser Artikel von Elmar Klemm (Text) und Erhard Schulz (Fotos) erschien in TAUCHEN-Ausgabe 06/2026 und wurde für die Webfassung redaktionell und maschinell angepasst.
