Island hat die kommerzielle Jagd auf Finnwale wieder aufgenommen. Bereits wenige Tage nach Beginn der Saison wurden sechs Tiere getötet. Der Fall rund um die Finnwaljagd Island sorgt international für Kritik, weil die Jagd trotz dokumentierter Tierschutzprobleme, sinkender wirtschaftlicher Bedeutung und einer politisch umstrittenen Lizenzvergabe fortgesetzt wird. Der Beitrag ordnet die Hintergründe ein und zeigt, warum das Thema auch für Taucher und Meeresschützer relevant ist.
Sechs tote Finnwale in wenigen Tagen
Island hat Mitte Juni 2026 die Jagd auf Finnwale im Nordatlantik wieder aufgenommen. Bereits innerhalb weniger Tage wurden nach Angaben der Captain Paul Watson Foundation (CPWF) sechs Tiere erlegt.
Die Finnwaljagd wird ausschließlich vom Unternehmen Hvalur hf. durchgeführt, das dem isländischen Unternehmer Kristján Loftsson gehört. Internationale Naturschutzorganisationen kritisieren die Fortsetzung der Jagd seit Jahren. Neben ethischen Fragen stehen vor allem dokumentierte Tierschutzverstöße, politische Entscheidungen rund um die Fanglizenzen und die Zukunft des kommerziellen Walfangs im Mittelpunkt.
Warum wird in Island überhaupt noch Finnwaljagd betrieben?
Island gehört neben Norwegen und Japan zu den wenigen Ländern, die weiterhin kommerziellen Walfang betreiben.
Die aktuelle Fanglizenz wurde Ende 2024 bis einschließlich 2029 verlängert. Sie erlaubt grundsätzlich weiterhin die Jagd auf Finn- und Zwergwale. Für 2026 wurde die Fangquote nach Angaben des isländischen Meeresforschungsinstituts zwar reduziert, die grundsätzliche Genehmigung bleibt jedoch bestehen.
Nach aktuellen Vorgaben dürfen in diesem Jahr bis zu 150 Finnwale sowie 168 Zwergwale gefangen werden.
Warum ist die Lizenzvergabe politisch umstritten?
Die erneute Genehmigung geht auf eine Entscheidung der damaligen Übergangsregierung Ende 2024 zurück.
Nur wenige Tage vor dem Ende ihrer Amtszeit genehmigte die Regierung neue Fanglizenzen für fünf Jahre. Kritiker bemängelten, dass eine geschäftsführende Regierung eine derart weitreichende Entscheidung normalerweise nicht mehr treffen sollte.
Bereits zuvor war es zu juristischen Auseinandersetzungen zwischen dem Unternehmen Hvalur hf. und dem isländischen Staat gekommen, nachdem der Walfang zeitweise aus Tierschutzgründen gestoppt worden war.
Naturschutzorganisationen werfen der damaligen Regierung vor, wirtschaftliche und politische Interessen höher gewichtet zu haben als die Ergebnisse staatlicher Untersuchungen zum Tierschutz.
Welche Tierschutzprobleme wurden dokumentiert?
Besonders schwer wiegen Untersuchungen der isländischen Lebensmittel- und Veterinärbehörde MAST aus den Jahren 2022 und 2023.
Die Behörde wertete Videoaufnahmen der Jagd aus und dokumentierte zahlreiche Verstöße gegen geltende Tierschutzvorgaben.
Demnach:
- starben nur rund zwei Drittel der getroffenen Wale sofort,
- lag die durchschnittliche Todeszeit bei rund 11,5 Minuten,
- wurden einzelne Tiere mehrfach harpuniert,
- kämpften einzelne Finnwale mehr als eine halbe Stunde ums Überleben,
- wurden trächtige Weibchen erlegt,
- gingen verletzte Tiere teilweise verloren und sanken im Meer.
Diese Untersuchungen führten 2023 zeitweise zum Entzug der Fanggenehmigungen.
Nach Einschätzung mehrerer Naturschutzorganisationen wurde jedoch nie nachgewiesen, dass sich die Jagdmethoden seitdem grundlegend verbessert haben.
Was ist bislang über die Saison 2026 bekannt?
Nach Angaben der Captain Paul Watson Foundation liefen die Fangschiffe von Hvalur hf. Mitte Juni erneut aus.
Bereits drei Tage später wurden die ersten beiden Finnwale in den Hafen von Hvalfjörður gebracht.
Inzwischen sollen sechs Tiere getötet worden sein.
Die britische CPWF berichtet außerdem über einen aktuellen Fang, bei dem nach ihren Angaben drei Harpunen notwendig gewesen seien, um einen Finnwal zu töten. Eine unabhängige Bestätigung dieses einzelnen Vorfalls liegt derzeit nicht vor.
Sollte sich der Bericht bestätigen, würde er allerdings zu den bereits durch staatliche Untersuchungen dokumentierten Problemen früherer Jagdsaisons passen.
Lohnt sich der Walfang wirtschaftlich überhaupt noch?
Nach Einschätzung zahlreicher Beobachter verliert der isländische Walfang zunehmend seine wirtschaftliche Grundlage.
Japan, über Jahrzehnte der wichtigste Abnehmer von isländischem Finnwalfleisch, betreibt seit 2024 wieder eine eigene Finnwaljagd und benötigt deutlich weniger Importe.
Mehrere Medien berichten deshalb seit Jahren über wirtschaftliche Schwierigkeiten des Unternehmens Hvalur hf.
Profitieren dürfte derzeit nur Hvalur hf., sofern sich überhaupt noch einzelne Exporte oder Lagerbestände vermarkten lassen. Mehrere Beobachter bezweifeln jedoch, dass wirtschaftliche Gründe heute noch ausschlaggebend sind. Mit dem schrumpfenden Absatzmarkt und den anhaltenden Verlusten gilt der Fortbestand der Jagd vielen Experten inzwischen eher als politisches Symbol denn als wirtschaftlich tragfähiges Geschäftsmodell.
Könnte die Finnwaljagd bald enden?
Die politischen Rahmenbedingungen haben sich in Island zuletzt deutlich verändert. Erstmals seit Jahren mehren sich die Anzeichen, dass die kommerzielle Finnwaljagd vor ihrem Ende stehen könnte.
Für den Herbst 2026 hat die Regierung angekündigt, ein Gesetz zum Verbot des kommerziellen Walfangs vorzulegen. Zudem wird im August über die Wiederaufnahme von EU-Beitrittsverhandlungen abgestimmt. Sollte Island der Europäischen Union künftig beitreten, wäre kommerzieller Walfang mit dem europäischen Rechtsrahmen nicht vereinbar.
Auch innerhalb Islands schwindet die Unterstützung für die Jagd. Umfragen zeigen seit Jahren eine wachsende Ablehnung des kommerziellen Walfangs in der Bevölkerung.
Ob die Jagd tatsächlich endet, hängt jedoch davon ab, wann neue gesetzliche Regelungen in Kraft treten. Die bis Ende 2029 gültige Fanglizenz bleibt zunächst bestehen und erlaubt es Hvalur hf., die Jagd auch in den kommenden Saisons fortzusetzen. Bis ein mögliches Verbot greift, können daher weiterhin Finnwale getötet werden.
Diese Fassung beantwortet die Frage aus der Überschrift klarer und schafft den Bogen zu deiner Konklusion: Es gibt berechtigte Hoffnung auf ein Ende der Jagd – aber die aktuelle Lizenz ermöglicht bis dahin weiterhin Abschüsse.
Welche Rolle spielt die Captain Paul Watson Foundation?
Die Captain Paul Watson Foundation begleitet die Jagd nach eigenen Angaben seit Jahren mit Dokumentationen und Beobachtungen vor Ort.
Für die aktuelle Saison hat die Organisation die Kampagne »Operation 86« gestartet. Das Schiff »Bandero« befindet sich auf dem Weg nach Island und soll die Aktivitäten der Walfangflotte beobachten.
Nach Angaben der Organisation verfolgt sie dabei das Ziel, die Jagd mit Mitteln des zivilen, direkten Protests zu behindern.
Captain Paul Watson erklärt dazu: »Seit vierzig Jahren setze ich mich gegen den Walfang in Island ein. Wir beabsichtigen, ihn auch in diesem Sommer 2026 wieder zu stoppen. Ich bin zuversichtlich, dass wir den Walfang in Island endgültig beenden können, wenn es uns gelingt, ihn in diesem Sommer zu stoppen.«
Während andere Organisationen vor allem auf politische und juristische Maßnahmen setzen, verfolgt die CPWF weiterhin das Konzept des direkten, gewaltfreien Eingreifens auf See.
Was bedeutet das für Taucher?
Für Taucher stehen Wale weltweit sinnbildlich für den Schutz mariner Ökosysteme. Finnwale gehören nach dem Blauwal zu den größten Tieren der Erde und können über 100 Jahre alt werden. Sie sind ein wichtiger Bestandteil weltweiter Nahrungsnetze und Ökosysteme.
Die aktuelle Debatte zeigt zugleich, wie komplex moderner Meeresschutz ist. Sie reicht von wissenschaftlichen Bestandsbewertungen über Tierschutz und Fischereipolitik bis hin zu wirtschaftlichen Interessen und internationalen Abkommen.
Unabhängig von der Bewertung einzelner Protestformen verdeutlicht der Fall, dass der Schutz großer Meeressäuger auch künftig ein zentrales Thema für den Naturschutz und die internationale Meerespolitik bleiben wird.
Was bedeutet der Tot eines Tieres für den Familienverbund der Wale?
Hinzu kommt ein weiterer Aspekt, der in der Debatte häufig zu kurz kommt: Finnwale gehören zu den hochentwickelten Meeressäugern. Zwar leben sie meist weniger eng in dauerhaften Verbänden als etwa Orcas oder Pottwale, dennoch zeigen wissenschaftliche Studien, dass Großwale über ausgeprägte soziale Bindungen verfügen, individuell kommunizieren und auf den Verlust von Artgenossen reagieren.
Bei verschiedenen Walarten wurden Trauerverhalten, lang anhaltendes Verweilen bei toten Tieren sowie gegenseitige Unterstützung dokumentiert. Zudem gilt als wissenschaftlich gut belegt, dass Wale Schmerzen, Stress und Angst empfinden können. Jeder getötete Finnwal bedeutet daher nicht nur den Verlust eines einzelnen, oft über Jahrzehnte oder sogar mehr als ein Jahrhundert lebenden Tieres, sondern kann auch Auswirkungen auf seine sozialen Beziehungen und das Gefüge der Population haben.
FAQ zur Waljagd in Island
Warum werden in Island noch Finnwale gejagt?
Island erlaubt als eines der wenigen Länder weltweit weiterhin kommerziellen Walfang. Grundlage sind nationale Fanglizenzen und Quoten.
Sind Finnwale vom Aussterben bedroht?
Die IUCN führt den Finnwal weltweit als »gefährdet« (Vulnerable). Weltweit leben Schätzungen zufolge weniger als 100.000 Tiere.
Warum steht die Jagd in der Kritik?
Vor allem wegen dokumentierter Tierschutzprobleme, langer Todeskämpfe einzelner Tiere sowie der politischen Umstände bei der Vergabe der Fanglizenzen.
Wird Island den Walfang verbieten?
Die Regierung hat angekündigt, im Herbst 2026 ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Ob und wann ein Verbot tatsächlich in Kraft tritt, ist derzeit offen.
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