Irrationale Phobien können unerträglich werden und unter Wasser zu großen Probleme führen.  Foto: W. Pölzer

Irrationale Phobien können unerträglich werden und unter Wasser zu großen Probleme führen. Foto: W. Pölzer

Wenn Ängste beim Tauchen unerträglich werden

Haihorror? Muränenpanik? Wenn Ängste beim Tauchen unerträglich werden.

Was ist eine „Phobie“? Es handelt sich hier um eine sogenannte Angststörung, wobei hier mehrere verschiedene, psychische Störungen zusammengefasst werden. So gibt es unspezifische Angststörungen, bei denen es immer wieder und ohne konkreten Anlass zu übermäßig starken Furchtgefühlen oder Panikattacken kommen kann. Teilweise ist dieses Unwohlsein sogar im Ansatz begründbar (etwa eine Schlangenphobie), teilweise ist sie aber auch für den Außenstehenden nicht nachvollziehbar. Phobien unterscheiden sich von konkreten und damit gerichteten einfachen Ängsten dadurch, dass eine unrealistische, vom Willen nicht beeinflussbare und wider besseres Wissen bestehende Angst gegen bestimmte Situationen, Gegenstände, Lebewesen oder Bedingungen besteht. Der Betroffene wird typischerweise versuchen, den Gegenstand der Angst oder die Situation, die zur Angst führt, zu vermeiden. 

Einige Taucher haben Tierphobien wie vor Haien, Muränen, Schlangen und Krebsen. Foto: W. Pölzer

Die wichtigsten Phobien, mit denen Taucher konfrontiert werden sind Flug- und Platzangst sowie die Furcht vor Enge und engen Räumen (Klaustrophobie) , zudem Tierphobien wie vor Haien, Muränen, Schlangen und Krebsen. 

Jemand, der unter Platzangst leidet, meidet große, freie Plätze, aber auch Menschenansammlungen. Der Fachbegriff ist Agoraphobie, wobei dieser sich aus dem Griechischen ableitet und wörtlich „Angst vor dem Marktplatz“ lautet. Relevant wird diese Angst im Hinblick auf das Tauchen, wenn es zu Abstiegen im freien Wasser kommt. Während dies für einige Taucher zu den schönsten Erlebnissen überhaupt zählt, haben sehr viele Taucher Probleme damit. Und diese können sich zu einer echten Panik entwickeln, wenn eine entsprechende Grundstörung vorliegt.

Die Klaustrophobie ist das genaue Gegenteil – der Begriff leitet sich vom lateinischen claudere ab, was „schließen“ bedeutet. Betroffene haben Angst vor engen Räumen. In einer nur milden Ausprägung lässt sich damit gut leben, beim Tauchen kann es aber kritisch werden. Jemand mit der Neigung zu klaustrophoben Ängsten wird schon Probleme mit einem Trockentauchanzug haben. Kritisch wird die Situation, wenn während des Tauchgangs Wracks, Höhlen oder Überhänge betaucht werden und der Betroffene dem Gruppenzwang folgt. Hier kann es dann wiederum zu einer Panikreaktion kommen, die in dieser Situation lebensbedrohlich sein kann.

Von der Flugangst (Aviophobie) sind viele Menschen betroffen, sogar solche, die oft aus beruflichen Gründen in ein Flugzeug steigen müssen. Bei der Flugangst spielen viele Faktoren eine Rolle, also auch eine unterschwellige Klaustrophobie. Es überwiegen aber irrational gesteigerte Ängste vom Abstürzen und Sterben. 

Ebenfalls weit verbreitet sind Tierphobien, zum Beispiel die Angst vor Schlangen (Ophiophobie) oder die Angst vor Spinnen (Arachnophobie) und als Sonderfall, die Angst vor Haien (Selachophobie)

Panik beim Tauchen: Todesangst in der Tiefe

Die Angst vor Schlangen und vor Spinnen kann beim Tauchen deshalb eine Bedeutung erhalten, weil diese Ängste projiziert werden können, und zwar jeweils auf Tiere, die im eigentlichen Sinne gar keine Schlange oder Spinne sind, diesen aber in der äußeren Erscheinung und wenn auch nur grob ähnlich sehen. So kann bei einem Menschen mit Schlangenphobie die Begegnung mit einer Muräne oder einem Conger (Meeraal) schon ein entsprechender Auslöser sein, der die Panikreaktion in Gang setzt.

Viele Taucher haben panische Angst vor Haien. Foto: M. Krüger

Die Hai-Phobie
Hier handelt es sich nicht um die durchaus begründbare Sorge, dass es unter Umständen ungünstig sein könnte, mit einer blutenden Wunde oder inmitten einer Herde Seelöwen in einem Gewässer zu schwimmen, in denen es eine große Dichte an Weißen Haien gibt, sondern um eine völlig irrationale, übersteigerte Angst, dass es, in welchem Gewässer auch immer, Haie geben könnte, die es nur darauf abgesehen haben, Menschen zu jagen und fressen. 

Madison Stewart – das Shark Girl aus Australien

Tatsächlich ist die Haiphobie eine relativ junge Erscheinung, und es lässt sich hier sogar ein äußerer Anlass und ein genaues Datum festmachen. Während vor den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts Menschen durchaus bewusst war, dass Haie Schwimmern, Surfern und Schiffbrüchigen unter Umständen gefährlich werden können, war der Hai als solcher doch kaum mit einer hysterischen Angst belegt. Das änderte sich schlagartig am 20. Juni 1975 zunächst in den USA, und mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung dann auf der ganzen Welt. Der Grund war die Filmpremiere von Steven Spielbergs Thriller „Der Weiße Hai“ unter dem Originaltitel „Jaws“ in die US-Kinos. Seither existiert bei vielen Menschen eine Angst vor dem, „was da draußen ist“, und mitunter ist diese Angst übermächtig. Manche Betroffene meiden sogar Schwimmbäder aus Angst vor der Bestie – wohl wissend, dass das rational gesehen, Unfug ist. Leider wird die Angst aber auch durch die Boulevardpresse kräftig geschürt, denn jedes Mal, wenn irgendwo auf der Welt ein Mensch von einem Hai attackiert wird, was im Grunde sehr selten vorkommt, ist es in Deutschland eine Schlagzeile wert. Und so kommt es weltweit immer wieder zu geradezu grotesken Situationen, bei denen zum Beispiel in Ägypten Strände gesperrt wurden, weil in Australien ein Mensch Opfer einer Haiattacke geworden ist. Sogar die Bundesregierung hat sich am 28. Juli 2008 zu der Pressemitteilung hinreißen lassen:„Haifrei von Hohenwacht bis Hiddensee – die deutsche Ostseeküste ist sicher“.

Weißer Hai: Erfolgsmodell der Evolution

In anderen Kulturen ist das völlig anders. So leben Südseeinsulaner, die sich ihre traditionelle Lebensweise erhalten konnten, eng mit Haien zusammen – und von den Tieren. Daher lernen schon kleine Kinder beim Spielen in den Lagunen, wie man Haien begegnen muss und wo das gefährliche Ende ist. Natürlich kommt es auch hier immer mal wieder zu Unfällen, nicht aber zu Hysterie. 

Diese ist auch nicht begründet, denn Haiattacken sind weltweit sehr seltene Ereignisse. Meist sind Schwimmer, Angler oder Surfer betroffen – nur in Ausnahmefällen Taucher. Dies an dieser Stelle tiefer zu begründen, würde zu weit führen, es hängt aber damit zusammen, dass Taucher nicht so recht  in das Beuteschema des Hais passen. Auch Schwimmer und Surfer werden nicht ständig von Haien attackiert, sondern hier sind solche Angriffe eher zufällig und die Ausnahme – wenn, ja wenn entsprechende Warnhinweise beachtet werden! So kam es im gesamten letzten Jahrhundert, also von 1900 bis 1999, weltweit zu insgesamt nur 1563 nachweisbaren Haiangriffen auf Menschen. Das sind im Durchschnitt rund 15 Haiangriffe pro Jahr, weltweit über alle Küstenlinien verteilt. 2018 gab es nach Auskunft des International Shark Attack File www.floridamuseum.ufl.edu/shark-attacks weltweit insgesamt 66 Haiangriffe auf Menschen. Davon waren vier tödlich. Bei der Mehrzahl handelt es sich um provozierte Angriffe durch Sportfischer und Harpunenjäger. Unter den nicht provozierten Angriffen verwechseln die Haie Menschen mit ihrer natürlichen Beute. Mehr dazu in der Ausgabe TAUCHEN 2/2020 "Streitthema Haifütterungen".
Natürlich können einige wenige Haiarten dem Menschen gefährlich werden, und es kommen immer wieder Menschen durch Haiattacken zu Schaden – doch gibt es keinerlei Grund für eine Hysterie oder Phobie, wenn man sich respektvoll und verantwortungsvoll verhält.

Haiattacken: Gefahr aus der Tiefe?

Wer Angst vor engen Räumen hat sollte nicht in Höhlen tauchen. Foto: W. Pölzer

Was tun bei Phobie?
Personen mit solchen Angststörungen erleben selbst die Angst gar nicht als das führende Krankheitszeichen. Stattdessen empfinden sie körperliche Symptome wie Schwindel, Herzklopfen, Herzrasen, Schweißausbruch, Zittern, Mundtrockenheit und Hitzewallungen. Dazu kann es zu Atembeschwerden, Beklemmungsgefühl, Brustschmerzen, Übelkeit, Erbrechen und Durchfall kommen. Diese Erlebnisse führen dazu, dass die betreffenden Personen übertrieben besorgt und schreckhaft sind.

Angststörungen können das tägliche Leben stark einschränken. Da sie sich ohne eine fachgerechte Therapie praktisch nie spontan zurückbilden, ist die korrekte Diagnose der erste Schritt zur Behandlung. Im Mittelpunkt der Diagnostik steht das ärztliche oder psychotherapeutische Gespräch. 

Anhand der Symptome kann eine erste Verdachtsdiagnose gestellt werden. Zur Therapie können verschiedene Konzepte eingesetzt werden. Dies kann beispielsweise eine Verhaltenstherapie, aber auch eine fundierte Psychotherapie sein. In jedem Fall sollte professionelle Hilfe gesucht werden, denn auch und gerade bei der Verhaltenstherapie, bei der Betroffene dem Angstauslösenden Reiz in verschiedener, steigernder Form ausgesetzt werden, ist eine professionelle Begleitung erforderlich. 

Solotauchen: Einsamer Horrortrip

Nur selten konsultieren Patienten mit Angststörungen ihren Arzt, um eine Tauchtauglichkeitsuntersuchung durchführen zu lassen. Besteht jedoch der Wunsch zu tauchen, so ist im Einzelfall abzuwägen, ob die Angststörung eine Gefahrensituation unter Wasser verursachen könnte. Dies ist auch bei Patienten mit Phobien zu beachten, da vor allem Situationen der Agoraphobie (Tauchen an einer Steilwand) und Klaustrophobie (Tauchen in einer Höhle oder in einem Wrack) zu lebensgefährlichen Panik- oder Fluchtreaktionen führen kann: Die betreffende Person kann nicht mehr rational entscheiden, so dass es zu tödlichen Überreaktionen oder schnellen Aufstiegen kommt, bei der weder Dekompressionsregeln Beachtung finden noch andere Sicherheitsmassnahmen beachtet werden. 

Unter Wasser kann es jedoch zu Panikaufstiegen, Verlust des Atemreglers und anderen Handlungen kommen, die Taucher und Mittaucher akut in Lebensgefahr bringen.

Patienten mit einer Panikstörung sind bei starker Ausprägung der Erkrankung regelhaft nicht tauchtauglich, da es auch ohne wesentliche äußere Einflüsse zu einem anfallartigen Angstzustand kommen kann. Zwar wird eine solche Paniksituation über Wasser als sehr unangenehm empfunden. Unter Wasser kann es jedoch zu Panikaufstiegen, Verlust des Atemreglers und anderen Handlungen kommen, die Taucher und Mittaucher akut in Lebensgefahr bringen. 

Cave diving: Unglaubliche Eindrücke in der Höhle

Eine Tauchtauglichkeit ist bei phobiengeplagten Tauchern grundsätzlich kritisch zu sehen und stets eine Einzelfallentscheidung: Gefährlich kann es werden, wenn Personen mit Angststörungen den Tauchsport wählen, um ihre Phobien abzutrainieren. Lediglich im Rahmen von besonderen Ausbildungen ist dieser spezielle Sonderfall möglich. Wenn bekannte Angststörungen vorliegen, sollten Betroffene nicht zum Tauchen überredet werden, sondern erst einmal einen Fachmann konsultieren.

Aqua med experience days 2020

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https://www.aqua-med.eu/aktuelles/veranstaltungsuebersicht/events/experience-days/special/




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