Biologie

Hai-Angriffe: Der gefährlichste Strand der Welt

Daniel Botelho

Stand: November 2026. Die Reportage beruht auf einer Recherche aus dem Jahr 2016; aktuelle weltweite Zahlen sind ergänzt.

Die Luft flimmert über weißem Sand, keine Wolke am Himmel, und die Wellen glitzern im Licht der Sonne. Klingt traumhaft, oder? Was sollte dich davon abhalten, dich in die Fluten zu stürzen? Haie! Es gibt Strände, die sind gleichermaßen schön und gefährlich. Denn in den Traumbuchten dieser Welt halten sich nicht nur Surfer und Sonnenanbeter auf. Warum Haie Menschen angreifen, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Als Ursachen für Häufungen gelten unter anderem trübes Wasser, Beutefischschwärme, Flussmündungen, Fischerei und vor allem: immer mehr Menschen im Wasser.

Das Wichtigste in Kürze

  • Als gefährlichster Strand der Welt gilt der Second Beach bei Port St. Johns in Südafrika: Zwischen 2007 und 2016 kam es dort zu zehn Haiangriffen, acht davon tödlich.
  • Fast alle Angriffe dort gehen auf Bullenhaie zurück, die in den Flussmündungen der Wild Coast jagen und ihre Jungen zur Welt bringen.
  • Weltweit zählt das International Shark Attack File pro Jahr einige Dutzend unprovozierte Haibisse – 2023 waren es 69, 2024 nur 47.
  • Das Risiko senkst du, indem du trübes Wasser, Flussmündungen, die Dämmerung und Orte mit Fischerei oder Beutefischschwärmen meidest.

Wo ist die Gefahr am größten?

Die Frage, die sich jeder Urlauber stellt: Wo ist das Risiko am größten, von einem Hai attackiert zu werden? In Kalifornien oder in Australien? Und wenn in Australien, wo genau? An welchen Stränden muss ich am meisten aufpassen, und wie sollte ich mich verhalten, wenn ich trotz des Risikos ins Wasser will?

Weltkarte mit Regionen, in denen besonders viele Haiangriffe registriert wurden
Regionen mit besonders vielen Haiangriffen (Stand 2016).

Zu den gefährlichsten Küsten der Welt gehörten zum Zeitpunkt der Recherche 2016:

  • Hawaii: Die meisten Haiangriffe passieren vor Maui. In den Gewässern um die Inseln leben rund 40 Haiarten.
  • Kalifornien: Vor der Küste nördlich von San Francisco, im sogenannten Red Triangle, jagen Weiße Haie Robben und Seelöwen.
  • Florida: Der New Smyrna Beach gilt als »Welthauptstadt der Haibisse«. Nirgends werden mehr Bisse registriert, die meisten verursachen allerdings nur leichte Verletzungen.
  • Brasilien: Im Bundesstaat Pernambuco kam es zwischen 1992 und 2011 zu 59 Angriffen, 36 Prozent endeten tödlich. Die meisten gab es an den Stränden von Recife.
  • Südafrika: Am Second Beach bei Port St. Johns starben seit 2007 acht Menschen durch Haie.
  • La Réunion: Seit 2011 starben vor der Westküste sieben Menschen durch Haie. Mehr dazu in Hai-Alarm im Inselparadies La Réunion.
  • Westaustralien: An der Westküste gab es von 2010 bis 2014 acht Tote.

Wie man den gefährlichsten Strand ermittelt

Um herauszufinden, welcher Strand in Bezug auf Haiangriffe der gefährlichste der Welt ist, gibt es zwei Wege:

  • Man vergleicht die Gesamtzahl der Attacken an verschiedenen Stränden und kürt den Strand mit den meisten Haiangriffen zum gefährlichsten.
  • Man sucht den Strand mit den meisten tödlichen Angriffen beziehungsweise den Strand, an dem Schwimmer und Surfer die schwersten Verletzungen davongetragen haben.

Erkennst du das Dilemma? Ist ein Strand, an dem es in einem Jahr sieben Haiangriffe gab, als gefährlich einzustufen? Mit Sicherheit. Was aber, wenn alle Opfer nur leicht verletzt wurden? Wäre dann nicht ein anderer Strand gefährlicher, an dem es in fünf Jahren »nur« sechs Angriffe gab, die aber alle tödlich endeten?

Die Nummer eins liegt in Südafrika

Eine Liste der gefährlichsten Strände kann also nur beide Werte kombinieren: Häufigkeit und Schwere der Angriffe. Ganz oben steht dann der Second Beach in Port St. Johns, Südafrika.

Second Beach bei Port St. Johns an der Wild Coast
Der Second Beach bei Port St. Johns gilt als gefährlichster Strand der Welt.

Südafrika besitzt eine fast 3000 Kilometer lange Küste. Ein rauer Streifen von 250 Kilometern Länge wird als »Wild Coast« bezeichnet. »Die wilde Küste zwischen East London und Port Edward ist Südafrikas naturbelassenste Ecke, wild, verführerisch, schön: smaragdgrünes Meer mit Stränden, die nicht mal Hollywood inszenieren könnte, Dünenlandschaften à la Sylt, felsige Kaps, Lagunen und eine überbordende, manchmal dschungelhafte Vegetation«, stand schon 2005 im »Stern«.

Inmitten der Wild Coast liegt Port St. Johns, ein afrikanisches Städtchen im Dornröschenschlaf. Neben der einheimischen Bevölkerung sieht man hier ein buntes Völkchen, denn der entlegene Ort gilt als Mekka der Aussteiger und Alt-Hippies. Der Hafen ist seit Jahrzehnten versandet, ab und zu schafft nur noch ein Fisch die Passage vom Meer in den breiten, braunen Umzimvubu-Fluss. Nur zum Jahresende brummt die Stadt, wenn Zehntausende junge Südafrikaner anreisen, um am Second Beach Silvester zu feiern. Auf den ersten Blick ein echtes Paradies.

Warnungen werden ignoriert

Auf der Homepage von Port St. Johns hieß es zum Zeitpunkt der Recherche über die Strände: »Durch einen Mangel an Phantasie hat man die Strände von Port St. Johns einfach durchnummeriert, sie heißen deswegen First Beach, Second Beach und Third Beach! First Beach liegt an der Mündung des mächtigen Flusses Umzimvubu. Wir empfehlen Ihnen, nicht dort zu schwimmen, wenn Sie nicht einem der zahlreichen Haie die Flosse schütteln wollen!«

Eine Warnung für den Second Beach hielt man nicht für nötig. Im Gegenteil, er wurde als idyllischer Badestrand beschrieben, »sehr sicher zum Schwimmen«, mit sanft abfallendem Ufer und genügend Rettungsschwimmern. Dass die Rettungsschwimmer selbst Opfer von Haien werden könnten, zog man offenbar nicht in Betracht.

Warnschild vor Haien am Second Beach
Warnschild am Second Beach bei Port St. Johns.

Das sollte sich am 14. Januar 2007 furchtbar rächen. An diesem Tag wurde der 24-jährige Rettungsschwimmer Sibulele Masiza beim Schwimmen getötet. Seine Leiche wurde nie gefunden, angespült wurde nur ein zerbissenes Stück seiner Flosse. Anhand der Zahnabdrücke ging Geremy Cliff vom Natal Sharks Board davon aus, dass ein großer Tigerhai ihn getötet hatte. Auf die Frage, ob man die Öffentlichkeit besser warnen müsse, antwortete er:

Es ist wichtig, dass die Menschen sich der Gefahr hier bewusst sind, aber wir wollen ihnen auch keine Angst einjagen.

Panik nach einem tödlichen Angriff hilft niemandem. Doch hätte man die Situation damals ernster genommen, wären die nächsten Angriffe vielleicht vermeidbar gewesen. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu Haiangriffen – zehn insgesamt, acht davon tödlich. Das bislang letzte Opfer zum Zeitpunkt der Recherche war am 2. Mai 2015 Mathieu Dasnois. Er erlitt schwere Bisswunden, überlebte aber.

Die Attacke geschah, als sich Port St. Johns auf den Sardine Run vorbereitete, der jährlich zwischen Mai und Juli vor der Küste stattfindet. Die Wanderung von Millionen Sardinen lockt Vögel und Raubtiere aller Art an: Robben, Wale, Delfine und viele Haiarten.

Wie konnte es zu so vielen Angriffen kommen?

Warum hat kaum ein Opfer überlebt, obwohl jedes Mal Rettungsschwimmer und andere Strandbesucher vor Ort waren? Sind die Haie am Second Beach aggressiver als anderswo, wie Anwohner vermuten? Und wie lassen sich weitere Attacken verhindern? »Port St. Johns Haiangriffe – was zur Hölle ist da los?«, titelte die Sunday Tribune bereits am 30. Januar 2011.

Die Angriffe an diesem Strand sind eine statistische Anomalie: Im Untersuchungszeitraum gab es hier mehr tödliche Angriffe als an jedem anderen Strand Südafrikas – und als an jedem anderen Strand weltweit. Wissenschaftler versuchten herauszufinden, warum ausgerechnet der beliebteste Strand der Wild Coast zu dem wurde, was Einheimische »the beach of death« nennen.

Bullenhai (Carcharhinus leucas) im Freiwasser
Bullenhaie suchen besonders im trüben Wasser vor Flussmündungen nach Beute.

Streit um Hainetze

Die Gemeinde ist gespalten: Sollen Hainetze installiert werden oder nicht? Wie im Film »Der Weiße Hai« schien Dries van der Merwe, Vorsitzender der Hausbesitzer-Vereinigung, vor allem besorgt, dass die Angriffe Touristen verschrecken – die Haupteinnahmequelle des Ortes:

Die Touristen kommen nicht mehr zu uns, um ihren Urlaub zu verbringen, wenn sie denken, dass unser Strand unsicher ist. Wir müssen etwas tun, damit wir ihnen zeigen können, dass die Behörden aktiv sind und dass wir versuchen, das Problem in den Griff zu kriegen. Aber wir können uns nicht einigen. Manche Eigentümer sind für Hainetze, andere dagegen.

Rod Hastier, ein Einwohner von Port St. Johns, der 16 Jahre lang für das Natal Sharks Board gearbeitet hat, bringt die Nachteile der Netze auf den Punkt:

Hainetze funktionieren hier nicht. Es gibt hier viele Haie, ja – aber das war schon immer so! Zum einen ist das Installieren von Netzen sehr teuer, und zum anderen würden darin nicht nur Haie zugrunde gehen, sondern auch Delfine, Schildkröten und Wale.

Patrick Muchangwe, Mitarbeiter einer Ferienlodge am Strand, glaubt, dass vielen Badegästen die Gefahr gar nicht bewusst ist: »Die Menschen, die hier während der Ferienzeit ins Wasser gehen, kommen aus ländlichen Gegenden wie Lusikisiki oder Flagstaff. Sie wissen nichts über Haie und den Ozean. Sie sind diejenigen, die wir schützen müssen.«

Rettungsschwimmer Gerald Mtakati, der am Tag eines tödlichen Angriffs Dienst hatte und den leblosen Körper ans Ufer zog, berichtet, dass viele Badegäste kein Verständnis für Badeverbote haben:

Wir versuchen ständig, den Strand abzusperren, aber die Leute drohen uns mit Prügel, wenn wir sie nicht ins Wasser lassen. Dann erzählen wir ihnen von den Haien und warnen sie, aber die Menschen schwimmen trotzdem – was sollen wir da noch machen?

Mögliche Ursachen: eine Kombination von Faktoren

  • Flussmündungen: Der Second Beach liegt zwischen mehreren Flussmündungen. Dort ist das Risiko wegen des Nahrungsangebots generell erhöht. Das allein erklärt die Serie aber nicht: Vor 2007 gab es hier kaum Angriffe, der letzte davor ereignete sich 1990.
  • Trübes, warmes Wasser und viele Badegäste: Laut Augenzeugen war das Wasser bei den Angriffen stets trüb und aufgewühlt, manche sagen eher verschmutzt, und sehr warm. Fast alle tödlichen Angriffe fanden im Dezember oder Januar statt, in der südafrikanischen Hauptferienzeit. Die Zahl der Menschen im Wasser hat über die Jahre zugenommen.
  • Bullenhaie: Für die meisten Angriffe wird der Bullenhai (Carcharhinus leucas), in Südafrika »Zambezi« genannt, verantwortlich gemacht. Er jagt bevorzugt im flachen Wasser und schwimmt weit in Flüsse hinein. Laut Geremy Cliff bringen die Weibchen ihre Jungen im Umzimvubu zur Welt; im warmen Sommer sind besonders viele vor der Küste, im Winter weniger.
  • Verschmutzte Flüsse: Als wichtiger Faktor gilt die zunehmende Verschmutzung. Kommunale Abwässer gelangen in die Flüsse, nach starkem Regen in die Bucht. Weniger Sauerstoff bedeutet weniger Beutefische, und im trüben Wasser orientieren sich Haie stärker an Geruch und Bewegung – und beißen eher zu, ob Fisch oder Mensch.
  • Tieropfer: Ein Gerücht besagt, dass traditionelle Heiler am Second Beach Ziegen, Schafe und Hühner opfern und Blut und Eingeweide am Strand entsorgen. Viele Dorfbewohner haben solche Rituale nach eigenen Angaben gesehen. Belegt ist ein Zusammenhang mit den Angriffen nicht.

Eine rasche Lösung war zum Zeitpunkt der Recherche nicht in Sicht. Die Behörden sperrten den Strand zeitweise für Schwimmer. Künftig sollte er zu einem Aussichtspunkt für die Haibeobachtung werden. Wie Hai-Spotter in Südafrika Badegäste warnen, erzählt Im Interview: die Hai-Spotter von Südafrika.

Wie gefährlich sind Haie wirklich?

So dramatisch einzelne Strände sind: Haiunfälle bleiben selten. Das International Shark Attack File (ISAF) am Florida Museum of Natural History zählte 2023 weltweit 69 unprovozierte Haibisse, 2024 nur 47; 2025 lag die Zahl wieder etwa im Durchschnitt. Dass die Zahlen über Jahrzehnte gestiegen sind, führen Forscher vor allem darauf zurück, dass immer mehr Menschen schwimmen, surfen und tauchen. Wie man einen aktuellen Fall einordnet, zeigt Haiunfall auf Malediven: Einordnung und Fakten.

So senkst du das Risiko

  • Meide trübes Wasser, Flussmündungen und Hafeneinfahrten.
  • Geh in der Dämmerung und nachts nicht ins Wasser.
  • Halte Abstand zu Fischerbooten, Anglern und großen Fischschwärmen, etwa während des Sardine Run.
  • Achte auf Warnflaggen, Schilder und Anweisungen der Rettungsschwimmer.
  • Schwimm nicht allein und nicht zu weit draußen.
  • Lass glänzenden Schmuck an Land; er kann an Fischschuppen erinnern.
  • Geh mit offenen Wunden nicht ins Meer.

Häufige Fragen

Welcher ist der gefährlichste Strand der Welt?

Gemessen an Zahl und Schwere der Haiangriffe gilt der Second Beach bei Port St. Johns an der südafrikanischen Wild Coast als gefährlichster Strand der Welt. Zwischen 2007 und 2016 gab es dort zehn Angriffe, acht davon tödlich.

Wo gibt es die meisten Haiangriffe?

Die meisten registrierten Haibisse gibt es seit Jahren in den USA, vor allem in Florida, gefolgt von Australien. New Smyrna Beach in Florida gilt als »Welthauptstadt der Haibisse«, die meisten Verletzungen dort sind allerdings leicht.

Wie viele Haiangriffe gibt es pro Jahr?

Das International Shark Attack File zählte 2023 weltweit 69 unprovozierte Haibisse, 2024 nur 47. 2025 lag die Zahl wieder etwa im Durchschnitt. Tödlich endet nur ein kleiner Teil davon.

Welcher Hai ist für die meisten Angriffe verantwortlich?

Die meisten dokumentierten unprovozierten Angriffe gehen auf Weiße Haie, Tigerhaie und Bullenhaie zurück. Am Second Beach in Südafrika gelten vor allem Bullenhaie als Verursacher.

Wie verhalte ich mich, um Haiangriffe zu vermeiden?

Meide trübes Wasser, Flussmündungen, die Dämmerung und Orte mit Fischerei oder großen Fischschwärmen. Achte auf Warnflaggen und Rettungsschwimmer, schwimm nicht allein und lass glänzenden Schmuck an Land.

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Quellen

Über den Autor

Autor Christian Kemper
Unser Autor Christian Kemper.

Christian Kemper ist TV-Redakteur und arbeitet für den WDR, SAT.1, PRO7, KABEL1 und RTL2. Er ist Fotograf, Sporttaucher und Hai-Enthusiast und recherchiert seit vielen Jahren zum Thema Haie und Haiangriffe. Von ihm stammt das Buch »Mein Freund, der Hai«. (Angaben Stand 2016)