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Eine halbe Stunde vor dem Rekordversuch wird die Journalistenschar gebeten

Eine halbe Stunde vor dem Rekordversuch wird die Journalistenschar gebeten © F. Schneider

Christian Redl nach Weltrekord-Tauchgang heute bei Johannes B. Kerner

Christian Redl stellte am 6. Februar 2010 im Weissensee in Kärnten/Österreich
einen Streckenweltrekord im Apnoetauchen unter Eis auf. tauchen-Autor Frank Schneider war bei dem eiskalten Tauchgang – dem danach wärmere folgten – mit dabei. Für alle Redl-Fans: Heute Abend gibt Redl ein Interview in der Sendung „Kerner“

Kärnten/Österreich am 6. Februar 2010: Es friert. Auf der dicken, geschlossenen Eisdecke des Weissensees steht eine mehr oder weniger bibbernde Schar Menschen in gebührendem Abstand zu zwei Löchern. Alle hier haben eiskalte Füße, und nur einer hat eiskalte Nerven: Christian Redl (33), der Apnoe-Rekordtaucher, sitzt am Rand eines der Löcher mit den Beinen im kühlen Nass. Heute will er einen Weltrekord aufstellen – und 100 Meter unter der Eisdecke zum geplanten Ausstiegsloch tauchen.

Zitternd auf dem See
Es klingt wie eine atemlose Stille auf dem Eis, doch mein dampfender Atem beweist das Gegenteil. Atmen, das ist aber für Christian jetzt erstmal vorbei: Mit einem letzten Vollpumpen der Lungen verschwindet er unter dem Eispanzer des Sees. Vor ein paar Tagen noch hat er an seinem Stand auf der Düsseldorfer Messe „boot“ gestanden und hat auch mit vielen tauchen-Lesern gesprochen. Weder von seiner intensiven Vorbereitung samt Yoga und speziellen Atemübungen war etwas zu spüren noch von irgendeiner Anspannung. Rund zwei Dutzend Journalisten, darunter zwei Fernsehteams, stehen in nur wenigen Metern Abstand um das Einstiegsloch herum. Vor der Absperrung haben sich etwa 200 Zuschauer eingefunden, weitere stehen auf einer Brücke über dem Weissensee direkt oberhalb des Ausstiegs – falls Redl es schafft. Es scheint, als ob das für ihn alles ganz normal ist. Gleich ist er jedenfalls erstmal weg. Verschwunden unter dem Eis des Weißensees in Österreich.
Nur noch wenige Sekunden!
Von denen, die auf dem Eis und der Bücke stehen, hat jetzt niemand mehr Sinn für die winterlichen Naturschönheiten Kärntens wie die Naggleralm mit ihrem Abfahrtshang, über den schon James Bond alias Timothy Dalton gehetzt ist. Auch, dass der See mit 6500 Hektar die größte Natureisfläche des Landes ist, geht sprichwörtlich unter. Jetzt zählen nur noch die 100 Meter, die Christian Redl vor sich hat.
Als er abtaucht gibt es einen vielstimmigen Aufschrei. Sofort hetzen die Journalisten über das Eis, um ja vor Christian Redl am Ziel zu sein. Ich schaffe es so gerade und positioniere mich mit meiner Kamera unmittelbar an der Eiskante des Ausstiegslochs. Jetzt kann es nur noch Sekunden dauern.

Ich höre Stimmengemurmel um mich herum. Nicht alle Kollegen sind Taucher. Ich weiß nicht so recht, ob sie nur wegen der Kälte zittern oder ob es diese ungewisse Nervosität ist, die jeder von uns beim Erleben einer solchen Spannung kennt. Nach 72 Sekunden dann endlich ein erlösender Triumphschrei und Jubel allerorten! Redl hat es geschafft! Ein neuer Weltrekord unter Eis, 100 Meter Strecke, aufgestellt am 6. Februar 2010. Die Anspannung ist weg – und bestimmt nicht nur meine. Kalt ist mir trotzdem.
„Ah geh! Die Reststunden im Kärntener Winter schaffst Du auch noch“, sagt mir Christian Redl später am Abend während einer kleinen Party, bei der auch sein Team dabei ist – sechs Rettungstaucher und die medizinischen Betreuer für den hoffentlich nie eintretenden Notfall. Redl ist so locker drauf, als ob er einen Waldspaziergang gemacht und nicht heute Mittag einen Weltrekord unter Eis aufgestellt hätte. Dabei ist diese Art Extremtauchen beileibe nichts „für mal eben nebenbei“. Wie es denn so ist unter dem Eis, ohne Luft, will ich wissen. „Naja“, sagt der Niederösterreicher, „der Streckenrekordhalter ohne Eis, der schafft so um 240  Meter im offenen Wasser. Der hat auch mal unter Eis freitauchen wollen – und ist nach ein paar Metern wieder umgekehrt – er war blockiert! Im Prinzip findet die Hälfte von der Sache unterm Eis in Deinem Kopf statt! Heute war’s durch den nächtlichen Neuschnee auch noch recht düster. Dazu die Kälte. Aber ich war ja drauf gefasst!“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er dann schmunzelnd: „Und mach dir keine Sorgen, in Ägypten liegt übermorgen garantiert kein Schnee! Da kommst du dann auch runter.“

Atemlose Journalisten in Ägypten
Natürlich wird Christian Redl ständig gefragt, wie er das eigentlich macht. Zumindest die zehn Journalisten, zu denen ich auch gehöre, werden das in Grundzügen alsbald am eigenen Körper erfahren. Marsa Alam heißt unser geografisches Ziel, das ideelle lautet dagegen: Freitauchen lernen – in einem Crash-Kurs mit Christian Redl in Port Ghalib. Vor ein paar Jahren sah es hier noch an allen Ecken um den neuen Yachthafen herum aus wie eine einzige Großbaustelle. Jetzt hat sich das Bild deutlich geändert. Schmucke Häuser, eine Einkaufszeile, Restaurants und irgendwo dahinter das neue Intercontinental Hotel The Palace Port Ghalib. Das luxuriöse 5-Sterne-Hotel mit seinem Strand wird unser Zuhause für die nächsten Tage sein – und der Ort, an dem uns der Weltrekordler in die Geheimnisse des Tauchens mit angehaltenem Atem einführt.
Theorie und Praxis
An Bord des Tauchschiffs der Emperor-Divers-Basis im Hotel Marina Lodge gibt es unter der ägyptischen Sonne eine Grundeinweisung vor den ersten Freitauchversuchen. Einige Kollegen kommen besser runter, andere müssen sich erstmal richtig anstrengen, um nicht nach zehn Sekunden auf zwei Meter Wassertiefe schon wieder oben zu sein. Christian Redl ist jedoch ein geduldiger Lehrer. Und hat als solcher am Nachmittag vor dem zweiten Freitauchausflug ein paar Atemübungen angesetzt.
In drei Stufen wird die Lunge gefüllt – zunächst auf dem Sonnendeck im Liegen. „Hyperventilation ist nicht nur gefährlich“, erklärt Christian Redl, „sondern auch unnötig.“ Tiefe, regelmäßige Atemzüge, ja – aber ohne Hektik. Um jede Gefahr auszuschließen, lernen wir, ruhig ein- und doppelt so lange auszuatmen. Bald darauf ist scheinbar eine ganz andere Truppe im Wasser. Selbst die, die vor dieser Tour noch nie im Freiwasser abgetaucht sind, kommen nun viel  einfacher herunter und können deutlich länger unten bleiben. Trotzdem: Nach drei, vier Versuchen in relativ kurzen Abständen hintereinander schnaufen wir alle. Natürlich außer Christian Redl. Der ist ständig unten bei den Fischen und zahlreichen Schildkröten, die es vor Port Ghalib gibt. Und entspannt sich nach seinem Eistauchweltrekord so auf seine ganz eigene Art und Weise. Wer mag, kann übrigens einen Freitauchkurs bei Christian Redll machen. Natürlich ganz ohne Eis und Schnee. Weitere Infos: www.christianredl.com

Text: Frank Schneider