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Diesen Weißspitzen-Hochseehai fotografierte Gerhard Wegner bei einer Tauchsafari

Diesen Weißspitzen-Hochseehai fotografierte Gerhard Wegner bei einer Tauchsafari © G. Wegner

Hai-Attacke vor Sharm el Sheikh

tauchen-Redakteurin Jasmin Jaerisch sprach mit Gerhard Wegner, Hai-Experte und Präsident der Initiative Sharkproject, über die Hai-Angriffe vor Sharm el Sheikh und die möglichen Ursachen dafür

Am vergangenen Sonntag griff ein Weißspitzen-Hochseehai eine deutsche Schnorchlerin aus Baden-Württemberg in der Naama Bay bei Sharm el Sheikh/Ägypten, an und verletzte sie tödlich. Die 70-jährige war bereits das vierte Opfer innerhalb einer Woche, das von Haien in dieser beliebten Tauch- und Urlaubsregion attackiert wurde. tauchen-Redakteurin Jasmin Jaerisch sprach mit Gerhard Wegner, Präsident der Initiative Sharkproject über die ungewöhnliche Häufung der Angriffe.

tauchen: Herr Wegner, warum halten sich Hochseehaie plötzlich so nah an der Küste auf?
Gerhard Wegner: Meiner Meinung ist es Quatsch, dass es draußen kein Futter mehr gibt und sie nun dort, in Küstennähe, jagen. Studien haben gezeigt, dass Hochseehaie dann an die Küsten kommen, wenn starke Winde Plankton gen Land drücken. Dem Futter folgen große Fischschwärme und diese werden dann wiederum von großen Hochseejägern wie Weißspitzen-Hochsee- oder auch Makohaien verfolgt. 

tauchen: Aber warum greifen sie dann plötzlich Schwimmer und Schnorchler an?
Wegner: Das benötigt dann weitere Reize wie Futter oder hektische Bewegungen im Wasser. Die Kombination aus Futter und schnellen, unruhigen Schwimmbewegungen treten dann eine Kette los, die den Hai dazu veranlasst anzugreifen. Man könnte auch von einer Verkettung unglücklicher Umstände sprechen!

tauchen:
Laut Aussage einiger Basismitarbeiter in der Naama Bay, soll es dort an der Tagesordnung sein, das Schnorchler Essensreste vom Buffet mit ins Wasser nehmen, um Fische anzulocken. Was halten Sie davon?
Wegner: Das ist einfach unverantwortlich! Sie gefährden nicht nur sich selbst, sondern auch andere Schnorchler und Schwimmer. Der Hai ortet das Futter bereits aus riesigen Entfernungen und wird so richtig heiß gemacht. Ich habe heute Morgen Fotos der russischen Taucherin von den ägyptischen Behörden zugemailt bekommen. Ihr wurde, nachdem sie Futter ins Wasser gegeben hatte, von dem Hai der komplette Unterarm abgebissen. Außerdem hat er sie noch am Oberschenkel und Gesäß erwischt. Die Verletzungen sahen sehr schlimm aus.

tauchen:
Eigentlich sind ja Fütterungen seitens der CDWS verboten. Was für Erfahrungen haben Sie mit diesem Verbot gemacht?
Wegner: Auf den Safaribooten wird das Verbot wohl von den meisten eingehalten, aber das große Problem sind die indirekten Fütterungen in Ägypten. Die Schiffe geben die Toiletten- und Küchenabfälle einfach ins Wasser, egal ob sie im Hafen sind oder an den Riffen ankern! Das führt dazu, dass die Tiere an einigen Riffen wie St. Johns sehr hektisch und unruhig sind. Dazu kommen dann noch die vielen Taucher, die mit ihren Bewegungen die Tiere anlocken. Nachdem 2009 eine Französin bei den St.-Johns-Riffen beim Schnorcheln angegriffen wurde und verstarb, hat die CDWS ja auch alle Schnorchel- und Schwimmaktivitäten von Bord eines Safariboots verboten. Nun kann man natürlich nicht die Schnorchler und Schwimmer von den Stränden verbannen, aber es sollte dort aktiv kontrolliert werden, dass keiner mit Lebensmitteln ins Wasser geht.
tauchen: Was kann ich als Schnorchler oder Schwimmer tun, wenn ich einen aufdringlichen Hai bemerke?
Wegner: Man sollte eine vertikale Position einnehmen, die ist für den Hai ungewöhnlich und abschreckend. Das Wichtigste ist aber, ruhig zu bleiben und keine hektischen Bewegungen durchzuführen – auch wenn es einem in solch einer Situation natürlich schwerfällt. Wir haben letztes Jahr der CDWS in Ägypten ein 80 Zentimeter langes Plastikrohr präsentiert, mit dem man Haie auf Distanz halten kann. Es hat sich bereits auf den Bahamas als effektiver Haischutz erwiesen und wir fordern, dass alle Taucher und Schnorchelguides im Roten Meer solch einen Abwehrstock mit sich führen sollten.

tauchen: Die CDWS spricht von offizieller Seite nur von einem Weißspitzen-Hochseehai, der für alle Angriffe verantwortlich sein soll. Glauben Sie das auch?
Wegner: Nein, ich denke es handelt sich um verschiedene Tiere.

tauchen:
Was glauben Sie, wird denn jetzt passieren?
Wegner: Die werden das Problem natürlich schnell in den Griff kriegen wollen, erst recht jetzt kurz vor dem Weihnachtsgeschäft. Ich denke, dass jetzt die Haie gefangen und getötet werden, die sich in Küstennähe befinden. Natürlich nicht offiziell, sondern möglichst ohne viel Aufsehen.

tauchen: Was würden Sie denn tun, wenn Sie Chef der ägyptischen Tourismusbehörde wären?
Wegner: Ich würde erstmal die Strände mit Booten bewachen, bis sich die Aufregung gelegt hat, und dann würde ich die Abfallentsorgung der Boote bis zehn Kilometer vor der Küste generell verbieten!
tauchen: Herr Wegner, vielen Dank für das Gespräch.