Die aktuelle Tauchen Magazin 08 2017.
Orcas gelten eigentlich als friedliche Tiere – doch in letzter Zeit häufen sich die tödlichen Attacken auf Menschen

Orcas gelten eigentlich als friedliche Tiere – doch in letzter Zeit häufen sich die tödlichen Attacken auf Menschen © WDCS

Tödliche Orca-Attacke auf Trainerin

Die Meldung der tödlichen Orca-Attacke auf eine Trainerin im „Sea-World“-Park in Orlando vergangenen Mittwoch ging um die Welt und sorgte für Diskussionen. „Dieser Unfall war abzusehen. Es sind die Vergnügungsparks selbst, die den Orca zum Killer machen“, so Nicolas Entrup vom WDCS im tauchen-Exklusivinterview

Vor den Augen der Besucher hat am vergangenen Mittwoch ein Orca im „Sea-World“-Park in Orlando seine Trainerin getötet. Nach einer Show packte der Walbulle Dawn Brancheau an ihrem Pferdeschwanz und zog sie ins Wasser. Die 49-jährige US-Amerikanerin hatte keine Chance und ertrank. Der 30 Jahre alte Orca „Tilikum“ galt vorher schon als unberechenbar, 1991 und 1999 attackierte er zwei andere Trainer, die dabei ums Leben kamen. Der Tod der Trainerin ist also kein Einzelfall – erst vor Kurzem, Ende 2009, verunglückte ein Trainer im „Loro Parque“ auf Teneriffa während einer Orca-Show. Delphinarien und Wal-Shows stehen schon seit Langem in der Kritik, nicht artgerecht zu sein. Wie Studien belegen, werde Besuchern ein völlig falsches Bild von den Tieren vermittelt, die oftmals von vielen Delphinarien angeführten aufklärerischen Absichten seien nur vorgeschoben. Delphine, Orcas und Belugawale zeigen in den Shows nicht ihr natürliches Verhalten, sondern führen zur Unterhaltung des Publikums akrobatische Kunststücke auf, die nichts mit ihrer sonstigen Lebensweise zu tun haben.
Wir fragten bei Nicolas Entrup, dem Geschäftsführer der internationalen Wal- und Delphinschutzorganisation WDCS, nach, was es mit diesen gehäuften tödlichen Unfällen mit Orcas in Gefangenschaft auf sich hat:

tauchen: Eigentlich gelten Killerwale ja als dem Menschen freundlich gesinnte Meeressäuger. Warum häufen sich die Meldungen über tödliche Attacken auf Menschen in Delphinarien und was veranlasst die Tiere dazu?

Nicolas Entrup: Orcas sind hoch entwickelte Meeressäuger, die in komplexen Sozialstrukturen leben, sie eignen sich einfach überhaupt nicht für die Haltung in Gefangenschaft. Solch tragische Unfälle sind leider keine Seltenheit, sondern haben Regelmäßigkeit, daher kommt diese Tragödie auch nicht überraschend. Das Aggressionspotenzial unter so  widrigen Bedingungen ist einfach gesteigert.

tauchen: Ist es überhaupt vertretbar, so große Tiere in Gefangenschaft zu halten? Und ist es für die Besucher nicht viel zu gefährlich? Man sieht ja immer wieder in solchen Shows, wie Orcas kleine Kinder in Schlauchbooten durchs Becken ziehen!

Entrup: Es ist nicht vertretbar. Nicht nach all dem Wissen über die Lebensweisen und Bedürfnisse von Schwertwalen in freier Wildbahn. Es handelt sich um Wildtiere, die sozusagen die Könige der Meere sind. Deshalb können und werden Unfälle wie diese weiterhin passieren. Der direkte Kontakt vor allem mit Besuchern ist ebenfalls gefährlich, für die Tiere übrigens aufgrund der Krankheitsübertragung auch! Ich kann nur an die Betreiber appellieren, so rasch wie möglich ein Ende dieser Haltung einzuleiten.
tauchen: Wenn es zu tödlichen Unfällen mit Tieren kommt, sucht man schnell nach Schuldigen. Kann man in diesem Fall jemandem die Schuld geben?

Entrup: Schuld trägt das Konzept „Haltung von Orcas“. Natürlich sollte man vermeiden, nun populistisch mit dem Finger zu zeigen, aber wir wiederholen hier ja nur unsere Kritik, die wir seit Jahren vorbringen und den Betreibern dieser Parks kommunizieren. Sowohl die Betreiber der „Sea-World“-Delphinarien als auch des Parks in Teneriffa waren sich bewusst, dass es immer wieder zu Unfällen kommen kann.

tauchen: Könnte man nicht, etwas sarkastisch behauptet, den Orcas das Image eines gefährlichen Killerwals für die Zukunft fast wünschen, damit sie dann vielleicht nicht mehr für Delphin-Shows eingesetzt werden?

Entrup: Es sind ja die Vergnügungsparks selbst, die den Orca zum „Killer“ gemacht haben. Das Ganze ist doch eine Zirkusmentalität der Vergangenheit, die das Prinzip „Züchtigung der gefährlichen Bestie“ in sich trägt. Wir müssen uns darauf besinnen, Wildtiere so zu sehen, wie sie eben sind. Orcas haben sehr unterschiedliche Lebensweisen in freier Wildbahn entwickelt. Manche fressen nur Fische, manche jagen auch Säuger, sie haben unterschiedliche Dialekte, enge soziale Bindungen. Sie sind einfach faszinierend!

tauchen: Was fordern Sie und wie kann man selbst aktiv werden?

Entrup: Es ist traurig, dass es oftmals solche Tragödien sind, die eine so wichtige öffentliche Diskussion in Gang setzen. Ich würde mich freuen, wenn viele Menschen dazu beitragen, dass man Orcas und ihre Verwandten in freier Wildbahn besser schützt sowie die Schönheit und Faszination dieser Tiere erkennt und ihnen Rechnung trägt. Unter www.wdcs-de.org kann man aktiv Walhelfer werden und sich für ihren Schutz einsetzen.